Thomas Kistner: Fifa-Mafia TATORT (SR) - Skalpell (28.05.2012) Andrea Maria Schenkel: Finsterau "Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert Der FUTTERblog - streng verdaulich! Kennzeichen T - 28.04.2012
Freitag, 25. Mai 2012 | 14:01

Uraufführung von Gesine Schmidts ,,Die Russen kommen" in der Blue Box des Nürnberger Staatstheaters

23.02.2011

»Wir sind doch nicht Amerika«

Seit 1950 sind über 4,5 Millionen Aussiedler nach Deutschland gekommen. Allein in Nürnberg leben rund 50.000 sogenannte Russlanddeutsche, das sind 10% der Bevölkerung. Die Autorin und Dramaturgin Gesine Schmidt hat sich im Auftrag des Staatstheaters mit diesen Menschen auseinandergesetzt. Von NIKOLAUS STRUCK

 

Sie führte Interviews mit 21 Aussiedlern zwischen 90 und 17 Jahren, 14 davon kommen in ihrem Stück zu Wort. Die Interviews wurden aufgezeichnet und transkribiert. Aus diesem Material hat Schmidt dann den Inhalt für Die Russen kommen destilliert.

 

Der Bogen der Texte spannt sich weit vom stalinistischen Russland bis in das Deutschland des Jahres 2010. »Die Russlanddeutschen wurden in der Sowjetunion physisch, wirtschaftlich und kulturell vernichtet. Bis Mitte der 50er Jahre wurde eine Assimilation und zunehmende Russifizierung erzwungen. Dort wurden sie als Deutsche diskriminiert, und hier werden sie als Russen stigmatisiert«, führt Gesine Schmidt in dem Gespräch aus, das im Programmheft abgedruckt ist.

 

Auf der Bühne übernehmen fünf Schauspielerinnen und Schauspieler die vierzehn Lebensberichte in wechselnden Rollen. Eine Methode, die schon bei dem Dokumentarstück Der Kick zur Anwendung kam, das Schmidt gemeinsam mit Andreas Veiel 2004/05 entwickelt hat. Regisseur Patrick Schimanski hat die Monologe mit Hilfe kleiner Umbauten des kargen Bühnenbilds (Ulli Remmert), manchmal etwas holpriger Lichtwechsel und sanft folkloristischer Gesangseinlagen strukturiert. Das verwirrt anfangs ein wenig, aber sobald man die Charaktere kennen gelernt hat, die von den Darstellern mit Hilfe kleiner Haltungswechsel oder minimaler sprachlicher Akzente skizziert werden, folgt man den Geschichten mit wachsender Spannung und Anteilnahme.

 

Die Inbesitznahme des Textes durch die Schauspieler rückt ihn erstaunlicherweise näher an einen heran, als dies ein (immer auch voyeuristischer) Blick auf die realen Personen zu leisten imstande wäre. Aus der Distanz, die durch den Kunstvorgang gegeben ist, entsteht ein Identifikationsangebot, das man gerne annimmt, zumal es dem Ensemble gelingt, die Haltungen und Gedanken hinter den Worten spürbar zu machen. (Es agieren auf hohem Niveau: Pius Maria Cüppers, Rebecca Kirchmann, Henriette Schmidt, Patricia Litten und Thomas L. Dietz).

 

Assimilation und Auflösung

Und immer wieder tritt Überraschendes zu Tage: etwa, wenn Henriette Schmidt als 18-jähriger Sergej (die Namen sind alle geändert) von der mangelnden Leistungsbereitschaft der Deutschen spricht, die sich auf Hartz IV verlassen würden und zu faul zum Arbeiten wären, oder wenn sich Thomas L. Dietz als 17-jähriger über den deutsch-türkischen Slang seiner Generation aufregt. Wenige Minuten später spult er dann die Lebensbeichte eines Drogendealers ab, der aber inzwischen aus dem Geschäft ausgestiegen ist, um seinen Eltern keine Schande mehr zu machen.

 

Was wie ein roter Faden durch alle diese Texte geht, ist eine tiefe Sehnsucht nach der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Einmal spricht eine Figur den Satz: „Wir sind doch nicht Amerika“ und meint damit nur vordergründig die vielen Bevölkerungsgruppen hier, sondern wohl eher das Bild eines babylonischen Nebeneinanders sich fremder Menschen. Als die Tochter am Anfang ihren greisen Vater nach seiner Heimat fragt, deutet Pius Maria Cüppers nur stumm nach oben, und, nach einer kurzen Überlegung, senkrecht nach unten. Er weiß mit dem Begriff nichts mehr anzufangen.

 

Wir leben in einem Land, das die Staatsangehörigkeit immer noch über Blutsbande definiert und das Wort »Integration« zu einem positiven Zauberwort erklärt hat, ohne sich darüber im Klaren zu sein, dass es dabei eben stets auch um die Assimilation und Auflösung der einzelnen Kulturen geht. Vielleicht sollte man ja statt Toleranz (nur ein Synonym für »Duldung«) auf Respekt setzen und statt Ansprüche zu stellen, lieber Kommunikationsangebote machen.

 

Gesine Schmidt hat das getan und war überrascht und berührt von der Offenheit und Herzlichkeit ihrer Gesprächspartner. Ihr Stück und die Inszenierung am Staatstheater Nürnberg fordern einen neuen Blick auf den Menschen nebenan heraus, nicht nur, wenn er Russlanddeutscher ist.

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«

Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...

Das Leben ist nicht Wünschdirwas

Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL

Licht wo zu viel Schatten lag

Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...

Ein Geheimtipp der deutschen Literatur

Die Kinder der Finsternis von Wolf von Niebelschütz, erschienen 1959, entführt den Leser in die faszinierende Welt des Mittelalters. Eine Pflichtlektüre findet HUBERT ...

Seid umschlungen Millionen

Die deutsch-rumänische Autorin Aléa Torik versteht es gekonnt, in ihrem Debütroman Das Geräusch des Werdens Geschichten aus der siebenbürgischen Heimat auf das ...

Das Leben ist nicht Wünschdirwas

Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL