Sie führte Interviews mit 21 Aussiedlern zwischen 90 und 17 Jahren, 14 davon kommen in ihrem Stück zu Wort. Die Interviews wurden aufgezeichnet und transkribiert. Aus diesem Material hat Schmidt dann den Inhalt für Die Russen kommen destilliert.
Der Bogen der Texte spannt sich weit vom stalinistischen Russland bis in das Deutschland des Jahres 2010. »Die Russlanddeutschen wurden in der Sowjetunion physisch, wirtschaftlich und kulturell vernichtet. Bis Mitte der 50er Jahre wurde eine Assimilation und zunehmende Russifizierung erzwungen. Dort wurden sie als Deutsche diskriminiert, und hier werden sie als Russen stigmatisiert«, führt Gesine Schmidt in dem Gespräch aus, das im Programmheft abgedruckt ist.
Auf der Bühne übernehmen fünf Schauspielerinnen und Schauspieler die vierzehn Lebensberichte in wechselnden Rollen. Eine Methode, die schon bei dem Dokumentarstück Der Kick zur Anwendung kam, das Schmidt gemeinsam mit Andreas Veiel 2004/05 entwickelt hat. Regisseur Patrick Schimanski hat die Monologe mit Hilfe kleiner Umbauten des kargen Bühnenbilds (Ulli Remmert), manchmal etwas holpriger Lichtwechsel und sanft folkloristischer Gesangseinlagen strukturiert. Das verwirrt anfangs ein wenig, aber sobald man die Charaktere kennen gelernt hat, die von den Darstellern mit Hilfe kleiner Haltungswechsel oder minimaler sprachlicher Akzente skizziert werden, folgt man den Geschichten mit wachsender Spannung und Anteilnahme.
Die Inbesitznahme des Textes durch die Schauspieler rückt ihn erstaunlicherweise näher an einen heran, als dies ein (immer auch voyeuristischer) Blick auf die realen Personen zu leisten imstande wäre. Aus der Distanz, die durch den Kunstvorgang gegeben ist, entsteht ein Identifikationsangebot, das man gerne annimmt, zumal es dem Ensemble gelingt, die Haltungen und Gedanken hinter den Worten spürbar zu machen. (Es agieren auf hohem Niveau: Pius Maria Cüppers, Rebecca Kirchmann, Henriette Schmidt, Patricia Litten und Thomas L. Dietz).