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Freitag, 25. Mai 2012 | 14:01

Nicolas Stemanns "Aufhören! Schluss jetzt! Lauter! 12 letzte Lieder!" am Deutschen Theater

02.03.2011

Sinnfreies Beisammensein

Nicolas Stemann reißt mit Aufhören! Schluss jetzt! Lauter! 12 letzte Lieder! Löcher in die Bühnenwelt. Von WILFRIED HAPPEL

 

Verglichen mit der Yma-Produktion im benachbarten Friedrichsstadtpalast ist der Aufwand für 12 letzte Lieder! im Deutschen Theater Berlin gering. Weniger dort als hier wird aber die Frage gestellt: »Wer wird siegen: Die Freiheit, die Kunst – oder, wie immer, der Terror des Sinns?« Im »Palast« sind nämlich 300 Akteure auf der Bühne, das könnte sich das DT »bei den Gagen« überhaupt nicht leisten, spottet Margit Bendokat, die den Abend mit einer schier nicht enden wollenden Erzählung einleitet. Dann noch schnell zwei erste letzte Lieder – und schon soll’s vorbei sein – Schluss, aus, danke, »ihr wart wundervoll«.

 

Das Publikum ist aber nicht willens, sich nach knapp zwanzig Minuten wieder nach Hause schicken zu lassen, also müssen sich die Akteure – ganz spontan! – noch was einfallen lassen. Zum Glück haben sie Bücher zum Thema Aufhören mitgebracht, Kurzportraits werden angerissen, Margot Käßmann, die Meisterin des Aufhörens, taucht auf, und natürlich der zumindest bei BILD-Deutschen unkaputtbare Herr zu Guttenberg, der (am besagten Abend) das mit dem Aufhören noch lernen musste.

 

»Schaffen wir es, uns von den Eisenklammern des Sinns zu befreien ...?«

Womöglich schon, aber was ist eigentlich Sinn? Folgt man dem Ansatz von Nicolas Stemann, ist Sinn zumindest das, dem es an diesem Abend um jeden Preis zu entkommen gilt. Die Warum-Frage wird dabei nicht gestellt, denn die würde ja dem Terror des Sinns wieder nur Tür und Tor öffnen. Bleibt dem Zuschauer, sich mit dem gut aufgelegten Ensemble auf die Suche nach Sinnfreiheit zu begeben und sich auf das – allerdings ganz und gar nicht sinnenfreie - Spiel einzulassen, das überm Guckkasten in Leuchtschrift mit »Liederabend« betitelt ist, ohne ein reiner Liederabend zu sein.

 

In den folgenden anderthalb Stunden wird man bestens unterhalten, und auch auf sehr sympathische Weise betrogen. Betrogen vor allem, was die Erwartungshaltung bezüglich eines Liederabends betrifft. Gelackmeiert fühlt man sich dennoch nicht. Bald hat sich der rote Vorhang hinter der Band geöffnet und eine Spielfläche kommt zum Vorschein, die sich per Drehbühne wie ein Karussell um eine Showtreppe herumdreht, die rückseitig aussieht wie ein behelfsmäßig zusammengebauter Aussichtsturm auf einem Abenteuerspielplatz. Des weiteren kreiseln ein Campingplatz, ein Wohnzimmersofa mit aufgeblasener Gummipuppe, das Schlagzeug, eine Modellstadt und diverses anderes Bühneninventar am Auge des Betrachters vorüber. Roter Vorhang – ja, roter Faden – eher nicht.

 

»Halten wir es aus, dass es, wie immer, um nichts geht?«

 

Längst sind nicht nur die letzten Handys ausgeschaltet, sondern auch der Verstand, damit weder störende Klingeltöne noch sinnheischende Fragen den irgendwie schön undisziplinierten Ablauf unterminieren. Denn erst unter Ausschluss der Verstandestätigkeit lässt sich so richtig genießen, was das Ensemble einem zunehmend ebenso gut aufgelegten Publikum zu bieten hat: nette Lieder, nette Texte, nettes Beisammensein. Überhaupt scheint (vordergründig?) Nettigkeit das Stemann’sche Bühnen-Allheilmittel gegen den zu vermeidenden Tiefgang zu sein, und da wird sich schon auch der eine oder andere Zuschauer gefragt haben: »Reicht das fürs Theater?«

 

»Nicht jeder Tag ist ein Tag der Ernte.«

Dieser aber schon. Man weiß nur nicht so recht, was hier geerntet wird. Versuchen wir’ s mal so: Im Verzicht liegt ja bekanntlich ein Gewinn, und die 12 letzten Lieder!, die vor allem Kunstentsagung, oder besser: große Nichtkunst sind, verzichten auf ziemlich alles, was das Theater üblicherweise so ist – und dies (vermutlich) mit bestem Wissen und Gewissen. Denn weder gibt sich der Abend den Anschein des verschmitzt-verschwitzten bewusstseins- oder formerweiternden Experiments, noch wird man mit konventioneller E- oder U-Kost abgespeist. Stemann reißt in aller Lockerheit Löcher in die herkömmliche Bühnenwelt, und die mag jeder so füllen, wie es ihm in den Kopf kommt. Nachträglich stellt er sich dann möglicherweise doch wieder her, der Terror des Sinns. Aber für die Dauer der zwei Stunden wurde man im Deutschen Theater auf nicht unangenehme Weise in Denkurlaub geschickt.

 

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