Ganz so grausig wird E.T.A. Hoffmanns Sandmann, eine der Metaphern des Unheimlichen und Schwarzromantischen in seiner Erzählwelt, nicht exponiert, doch ist auch bei der von ihm umgedeuteten gutmütigen Schlafhelferfigur aus dem Kinderzimmer ein nicht geheurer Geist geworden, in dessen Revier von ausgestochenen Augen gemunkelt wird. Hoffmanns Sandmann scheint ein probater Titelspender für einen theatralischen Verschnitt einschlägiger Motive aus dem Œuvre des romantischen Geistersehers, Multikünstlers und notorischen Alkoholikers, wie ihn der österreichische Jungdramatiker Andreas Jungwirth in den Kammerspielen des Darmstädter Staatstheaters zur Uraufführung brachte.
Den Alkohol oder die einer Aktualisierung des Stoffes allzu nahliegenden noch schärferen Rauschmittel ließ Jungwirth draußen vor, was man ihm durchaus als Verdienst anrechnen mag. Auf schrill klamottenhafte Horror Picture Show kommt es ihm ohnedies nicht an. Ihn interessieren die leiseren Töne, die Feinmechanik des Wahns, die Nuancen der familiären und freundschaftlichen Balance. Im Zentrum steht Hoffmanns Alter Ego, das junge, gefährdete Genie Nathanael, dessen gewöhnliche Beziehungen sich ins Bizarre zu verdrehen pflegen und der schließlich, scheinbar grundlos, am Leben scheitert. Jungwirth baut seine Bühnenerzählung geschickt um sieben annähernd gleichberechtigte Darsteller herum, sodass sich der Eindruck eines soliden Ensemblestücks ergibt, ja, sogar der von »Theatertheater«, einer dramaturgischen Passform, die sich gewissermaßen von selbst realisiert, wenn eine Handvoll guter Schauspieler dabei ist.
Daran fehlte es in Darmstadt nicht. Simon Köslich, schlaksig, nervös, unberechenbar im schnellen Reaktionsvermögen, war ein zünftig befeuerter romantischer Nathanael-Jüngling. Gut aufgehoben im dramatischen Geschehen fühlte sich sichtlich auch die mädchenhaft-zierliche, auf fragile Weise lebhafte Diana Wolf als Clara, am besten hingeschmiegt an die breiten Oberkörper ihrer um mehr als Haupteslänge größeren männlichen Partner. Außer Nathanael war dies vor allem István Vincze als Siegmund, der immer wieder Ansätze dazu machte, die Rolle des edelmütigen Schönlings ein wenig zu ironisieren, sich dann aber doch nicht richtig traute. Vielleicht sogar eine kluge Entscheidung. Mit gereifter darstellerischer Erfahrung gab Gabriele Drechsel den markanten Auftritten der Mutter – zu gleichen Teilen gemischt aus Würde, Melancholie und leiser Süffisanz – ein besonderes Gewicht.
Bei den deutlicher phantastischen Figuren wirkte sich Jungwirths bearbeiterische Transformationsenergie recht günstig aus. So wurde aus Hoffmanns Puppe Olimpia (Parodie auf die um 1800 noch virulente Hausse mechanischer Spielzeuge) eine makaber zeitgenössische »Puppe«, nämlich das aus Osteuropa in den Westen verschleppte und als Hure sich verdingende Landmädchen O., ein »Kunstprodukt« mit eingeübt gezirkelten Bewegungen und stereotyp leiernder Singsangstimme. Mit rührender Babypuppenausstrahlung und unendlich langen Beinen: Anne Hoffmann. Der dämonische Mechanikus Coppelius wurde bei Jungwirth zum undurchsichtigen Coppola (Reverenz an die amerikanische Filmemacherfamilie), gemütlicher Pfeifenraucher und hintergründiger Beckett-Clochard zugleich (Heinz Kloss). Den richtigen Beckett-Auftritt im Rollstuhl und mit Blindenbrille hat dann aber der haudegenhafte Lothar (Stefan Schuster) als Kriegsheimkehrer, auch er ein Gescheiterter und ein weiterer Hoffmann-Doppelgänger.
Der Bearbeiter-Behutsamkeit setzte die Visualisierung des Jungteams keine übertriebene Rasanz entgegen. Allzu viele Miniszenen zerbröselten im Nichtpointierten, und mehrmals schien es weniger auf irritierende Spiele mit Realitätsebenen als auf sämig-diffuse Beziehungskisten hinauszulaufen. Insgesamt hielt die Regisseurin Romy Schmidt das Gefüge aber einigermaßen in Bewegung und gab, gewiss ein großer Vorzug, den Schauspielern (denen nichts Extremes abverlangt wurde) Luft zum Atmen. Einiges subtil Witzige aus der Sphäre der Puppe O. wurde (vor allem in einem Dialog zwischen Siegmund und Clara) auch verbal gut herauspräpariert. Im geräumigen Kammerspielsaal hatte Mechthild Seidemann mit sehr wenigen Elementen (Fotofixzelle, Saunahäuschen, Kaugummiautomat, Pfosten mit Uhrpendel) einige Fingerzeige für spukdurchlässige Alltagsoptik zu geben versucht.
