Kontemplatives Selbstmordritual
Sei's, dass sie gerade zeigt, wie ihr Kopf von einem Mörder unter das Wasser gedrückt wird und wie sie langsam ertrinkt, oder wie sie ohnmächtig wird, während sie massenhaft Blut verliert, oder wie sie »Murder, murder!« schreit, weil Jack aus Lulu zugestochen hat. Auch ein fast kontemplatives Selbstmordritual darf Kathleen Morgeneyer vollziehen: Rund vierzig Mal hintereinander gibt sie sich den Schuss in die Schläfe. D.h. Schuss, hinfallen, liegenbleiben, aufstehen, Schuss - ad infinitum.
Zwischen diesen Szenen Allgemeinplätze aus der Welt der Philosophie und der Physik: Heidegger und die Geworfenheit des Seins, Newton und die ungeheuerliche Vermehrung der Gewichtskraft fallender Körper beim Auftreffen auf dem Boden. Illustriert werden Newton und Heidegger mit Todesvarianten, die Frankfurter Hochhäuser dem Selbstmörder bieten. Ist es besser, in den Schlamm einer Baugruppe zu springen als auf den Asphalt einer Straße? Ist ein Sprung von einem Hochhaus nicht ein Sprung ins »Unfertige, sozusagen ins Werden«? Ein Sprung von der Zeilgalerie wäre »ein Suizid mit komsumkritischer Variante«. Auch der Selbstmord in Japan darf nicht fehlen, allerdings ohne Harakiri.
Die Intensität und Energie, mit der Morgeneyer diese Übungen bewältigt, ist bewundernswert. Diese zierliche Frau ist ein Energiebündel. Sie fällt von der Leiter wie bei einem Stunt, sie choreographiert ihre Bewegungen wie im Ballett. Die Litanei der Tode endet mit einem lauten Brummen. Stille. Ein Frauenchor (Poulenc: Dialogues des Carmélites) erklingt. Auf dem erleuchteten Vorplatz des Bockenheimer Depots stehen Statisten und schauen auf die Spielfläche. Dann singt Morgeneyer den letzten Vers aus dem Hymnus Veni Creator Spiritus.