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Freitag, 25. Mai 2012 | 14:02

Uraufführung im Schauspiel Frankfurt: Horror Vacui. Ein Monolog von Auftrag : Lorey

23.03.2011

Fingerübung für 253 Bühnentode

Am Anfang schwebt Kathleen Morgeneyer über den Wassern des Bockenheimer Depots. Und weil diese Wasser Theaterwasser sind, sind sie, wie das Schwimmbecken, in dem sie dahin schwappen, eine auf den weißen Bühnenboden projizierte Realität. Morgeneyer, im Mantel mit schwarzer Cargohose und schwarzem Pulli, beginnt mit einem Prolog aus teils konträren, teils kontradiktorischen Sätzen. Ihr Thema: Der Bühnentod, der gewollte Tod und das Nichts. Von HARTFRIED KASCHMIEDER

 

Morgeneyer hat während dieser Performance die Aufgabe, singuläres Ereignis an singuläres Ereignis zu reihen, Tod an Tod. Ob sie von einer hohen Leiter in das »Nichts« stürzt oder die Daten ihrer Schauspieler-Setcard offenbart – Konfektionsgröße, Fähigkeiten, Sprachen … ob sie von Lulu bis Hedda die Frauenleichen des Theaters aufzählt oder den Tod auf dem Scheiterhaufen, durch den Strang oder auf dem Pflock skizziert, immer wirken diese Kleinstszenen wie zufällig ausgewählt. Immer muss hier Morgeneyer spielen, dass sie etwas spielt.

 

Kontemplatives Selbstmordritual

Sei's, dass sie gerade zeigt, wie ihr Kopf von einem Mörder unter das Wasser gedrückt wird und wie sie langsam ertrinkt, oder wie sie ohnmächtig wird, während sie massenhaft Blut verliert, oder wie sie »Murder, murder!« schreit, weil Jack aus Lulu zugestochen hat. Auch ein fast kontemplatives Selbstmordritual darf Kathleen Morgeneyer vollziehen: Rund vierzig Mal hintereinander gibt sie sich den Schuss in die Schläfe. D.h. Schuss, hinfallen, liegenbleiben, aufstehen, Schuss - ad infinitum.

 

Zwischen diesen Szenen Allgemeinplätze aus der Welt der Philosophie und der Physik: Heidegger und die Geworfenheit des Seins, Newton und die ungeheuerliche Vermehrung der Gewichtskraft fallender Körper beim Auftreffen auf dem Boden. Illustriert werden Newton und Heidegger mit Todesvarianten, die Frankfurter Hochhäuser dem Selbstmörder bieten. Ist es besser, in den Schlamm einer Baugruppe zu springen als auf den Asphalt einer Straße? Ist ein Sprung von einem Hochhaus nicht ein Sprung ins »Unfertige, sozusagen ins Werden«? Ein Sprung von der Zeilgalerie wäre »ein Suizid mit komsumkritischer Variante«. Auch der Selbstmord in Japan darf nicht fehlen, allerdings ohne Harakiri.

 

Die Intensität und Energie, mit der Morgeneyer diese Übungen bewältigt, ist bewundernswert. Diese zierliche Frau ist ein Energiebündel. Sie fällt von der Leiter wie bei einem Stunt, sie choreographiert ihre Bewegungen wie im Ballett. Die Litanei der Tode endet mit einem lauten Brummen. Stille. Ein Frauenchor (Poulenc: Dialogues des Carmélites) erklingt. Auf dem erleuchteten Vorplatz des Bockenheimer Depots stehen Statisten und schauen auf die Spielfläche. Dann singt Morgeneyer den letzten Vers aus dem Hymnus Veni Creator Spiritus.

 

Symphonie eines ganz gewöhnlichen Tages

Das Autoren- und Regieduo Stefanie Lorey und Bjoern Auftrag erschafft hier eine zusammenhangslose, willkürliche Ansammlung von Todesszenen. Die, so wie sie von der Regie gearbeitet wurden und inszeniert worden sind, nie über sich hinaus auf eine tiefere Verbindung der Szenen verweisen. In der Abfolge der Szenen entsteht auch keine inhaltliche perspektivische Vielfalt. Dass an diesem Abend etwas nicht funktionieren wird, konnte der aufmerksame Zuschauer schon vor der Aufführung erahnen. In der frühen Vorankündigung sollte Horror Vacui noch »eine Sammlung von allem sein, was unsere Sinne anspricht oder beansprucht. Die Symphonie eines ganz gewöhnlichen Tages, Mitteleuropa, 21. Jahrhundert.« Im Spielzeitheft wird ein »Theater des Wahrnehmungsapparats« angekündigt, »der damit spielt, wovon körperlose Stimmen sprechen: mit der Sehnsucht nach einem Standpunkt, der weniger festlegt als auslöst.«

 

Und im Programmheft finden sich nur zwei Beiträge: ein medizinischer über Nahtoderlebnisse und ein physikalischer über das Vakuum, die Leere und das Nichts. Dem Regieduo sind im Vorfeld offenbar allerlei Idee durch den Kopf geschwirrt, doch keine davon haben sie präzise und konzise zu einer Vorlage gefasst, die die Grundlage für eine szenischen Realisation hätte sein können. So bleibt es Kathleen Morgeneyer vorbehalten, den Abend zu retten. Es bereitet großes Vergnügen, dieser Schauspielerin bei der Arbeit zuzusehen.

 

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