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Freitag, 25. Mai 2012 | 14:02

,,Die Polizei" von Slawomir Mrozek am Neuen Schauspiel Leipzig

06.04.2011

Systemstabilität frei nach Monty Python

Wenn man so will, ist Slawomir Mrozek nicht nur als Zeichner, sondern auch im Theater vor allem Karikaturist. Mit treffsicheren Strichen pinselt er übertriebene Wirklichkeit, die der abgebildeten Wirklichkeit umso näher kommt, je weiter er die Figuren in Gegenwartsferne rückt. Dies gilt auch für sein Stück Die Polizei, und mag zugleich der Ansatz der Inszenierung von Markus Czygan und Claudia Rath am Neuen Schauspiel Leipzig gewesen sein. Von WILFRIED HAPPEL

 

Das 1958 im Teatr Dramatyczny uraufgeführte Drama in drei Teilen konnte zu seiner Zeit Begeisterung auslösen, weil das Werk mit den Mitteln der Politsatire die Absurdität jeglicher staatlicher Machtattitüde ins Lächerliche verdreht und bis zur glasklaren Kenntlichkeit entstellt.

 

Zum Inhalt: Im Land eines namenlosen Regenten gibt es nur noch einen einzigen Oppositionellen. Er hat in grauer Vorzeit ein Bombenattentat auf einen General des Landes verübt und sitzt seitdem hinter Gittern. Als er seine oppositionelle Haltung aufgibt, wird er freigelassen und macht als staatlicher Experte in Sachen Terrorismusbekämpfung schwindelerregende Karriere.

 

Die Polizei gerät infolgedessen in die Rechtfertigungskrise: Wo keine Verbrecher sind, da ist auch keine Polizei nötig, und die behördliche Existenzangst treibt skurrile Blüten. Ein namenloser Mitarbeiter aus den eigenen Reihen mischt sich als Provokateur unters Volk, kehrt jedoch mit Zahnlücke zurück und lispelt: »Das loyale Volk hat mich geflagen, als ich verfuchte, Provokationen aufzuftreuen.« Weil der Mann sich aber wie kein Anderer um den Staat verdient gemacht hat, erwählt man ihn zum Retter in der Krise aus. Als er weisungsgemäß einen umstürzlerischen Spruch aus dem Fenster ruft: »Unfer Regent, der Onkel def Infanten, ift ein altef Fwein!«, wird er sogleich verhaftet und sitzt pflichtgetreu seine Zeit hinter Gittern ab.

 

Geschlagen sind somit zwei Fliegen mit einer Klappe: Dem staatshörigen Volk wurde erstens nach Jahren der Harmonie wieder mal ein Revolutionär untergejubelt, zweitens wurde der Schädling auch sogleich verhaftet und in Sicherheitsgewahrsam gesteckt - doppelter Beweis für die Notwendigkeit und Effizienz der Behörde. Zusätzlich fingiert die Polizei dann aber auch noch ein Attentat auf den General, die Sache geht jedoch gut aus, weil anstatt des Ordenträgers bloß ein namenloser Postbote von der Bombe getroffen wird. Nebenan tut es einen Knall, eine Tasche fliegt herein nebst abgerissenem Bein und einer Batterie von Miniwürsten. Was für ein Land, in dem Angst höchstens der Briefträger noch vor dem Hund hat ...

 

Dümmlichkeit kennt keine Grenzen

Die Leipziger Bühnen-Polizisten verkörpern die perfekte Mischung aus Eitelkeit, Anmaßung und Arroganz, verstricken sich in Pseudo-Argumenten und gebärden sich rotgesichtig in verschwitzter Irgendwie-so-Intelligenz, die vermutlich nicht mal die 0,3-Promillegrenze überschreiten würde.

 

Irgendein Wirrkopf von Landesregent hat diesen Trotteln Machtbefugnisse zugetraut, die ihre Kapazitäten augenscheinlich weit überfordern. Kommt diese schreiende Diskrepanz von Amt und Befähigung irgendjemandem bekannt vor? Sie wird jedenfalls bestens unterhaltsam dargestellt von hoch engagiert aufspielenden Akteuren: Michael Rousavy, Andy Scholz, Uwe Schütz und Raimund Jurack. Und die Polizeikapelle, die hinten links ein wenig in die Ecke gepfercht sitzt, musiziert präzis und setzt den von Jürgen Zink komponierten Rahmen.

 

Das Konterfei des Regenten hängt an der Rückwand als männliche Madonna mit Thronfolger auf dem Vaterschoß. Beide gucken Vertrauen heischend ins Volk, und der Zuschauer ahnt, dass solches Machwerk nicht nur in dieser Phantasie-Diktatur seine Wirkung tut. In allen totalitären Staaten der Welt hingen und hängen derartige Bilder, zu Wahlzeiten auch im heutigen Deutschland, wenn nicht wie hier von August Stern gemalt, dann eben von parteinahen Werbestrategen photoshop-bearbeitet, und zuweilen wird auch hierzulande die Familie als Instrument der Imagepflege eingespannt.

 

Im Kasperle-Knast

Das zu bewachende Gefängnis ist am Neuen Schauspiel Leipzig ein zum Kasperle-Knast getunter Kleiderschrank, vor dem eine mutmaßliche Plastikkette hängt. Drin sitzen möchte man trotzdem nicht. Den Gefangenen, wie er »zum Rapport!« aus dem Gefängnis tritt, wird man dergestalt höchstens noch bei der Mainzer Fastnacht antreffen, was der Ernsthaftigkeit der Sache keinen Abbruch tut, es sei denn, man spräche auch den Klamauk-Exzessen von Monty Python die Seriosität ab.

 

Der Autor selbst hat seinem Stück eine Aussage vorangestellt, die sich Markus Czygan und Claudia Rath offenbar sehr zu Herzen genommen haben: »Dieses Stück enthält nichts außer dem, was es enthält, also: keine Anspielungen auf irgendetwas und keine Metaphern. Zwischen seinen Zeilen steht nichts ...« Man hätte den Abend sicherlich mit Anspielungen frisch aus der Tagespresse spicken können, nur ein Beispiel sei genannt: Dass, ganz realpolitisch, nach dem Zerfall des Staatssozialismus der Islam, gleich eine ganze Religionsgemeinschaft also, zum Lückenbüßer in Sachen Systemstabilität via Feindbild in die staatsbürgerliche Pflicht genommen worden ist, steht bei Mrozek nach neuerer Lesart leider eben doch sehr dick zwischen den Zeilen.

 

In Leipzig taucht auf der Guckkastenbühne für etwa eine Sekunde das Bild einer Burka-Trägerin auf, und spätestens in diesem schüchtern-tagesaktuellen Moment wird klar, wo der Konzeptionshase noch stringenter hätte lang laufen können.

 

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