"Professor Bernhardi" am Wiener Burgtheater
11.05.2011
Abendland in Christenhand
Der jüdische Arzt Bernhardi verweigert dem Pfarrer den Zutritt zu einer an einer Sepsis nach einem verbotenen Eingriff sterbenden Patientin – das Stück spielt Ende des 19. Jahrhunderts –, weil er ihr, die sich in einer Euphorie befindet, den Schrecken ersparen möchte, den die Todesgewissheit auszulösen droht. Es zeigt sich, dass Bernhardis Befürchtung zu Recht bestand, aber seine Handlungsweise löst bei einem Teil seiner Kollegen und bei der Politik eine Kampagne aus, die ihn schließlich wegen „Religionsstörung“ ins Gefängnis bringt. Als die Krankenschwester Ludmilla nach seiner Entlassung aus der Haft ihre belastende Aussage zurücknimmt, verzichtet Bernhardi auf eine Wiederaufnahme des Verfahrens. Von THOMAS ROTHSCHILD
In dem frühen Stück Freiwild des Rationalisten Arthur Schnitzler sagt der Arzt Wellner zu seinem Freund Paul, der sich zunächst einem Duell entziehen wollte, dann aber bleibt, als sich sein Gegner anschickt, ihn umzubringen: »Willst du's abwarten, bis etwas geschieht? War dir nicht eine bessere Gelegenheit geboten, deinen Mut zu beweisen?« Worauf Paul – und zwar mit der Regieanweisung »stark« – erwidert: »Ich will nichts beweisen – auf meinem Recht besteh' ich. Und mein Recht ist, zu gehen und zu bleiben, wo es mir beliebt.«
Noch sechzehn Jahre später, kurz vor dem Schluss des gleichnamigen Stücks, lässt Schnitzler seinen Professor Bernhardi zum Hofrat am Unterrichtsministerium sagen: »Sie vergessen nur das eine, lieber Herr Hofrat, wie die meisten übrigen Leute, dass ich ja nicht im entferntesten daran gedacht habe, irgendeine Frage lösen zu wollen. Ich habe einfach in einem ganz speziellen Fall getan, was ich für das Richtige hielt.« Diesem Hofrat gehört auch die Schlusspointe des Stücks. Als Bernhardi zu ihm sagt, er hätte an seiner Stelle ebenso gehandelt wie er selbst, erwidert der politische Pragmatiker sarkastisch: »Da wär ich halt, – entschuldigen schon, Herr Professor –, grad so ein Viech gewesen wie Sie.«
Lueger und Schönerer nicht überwunden
Der Pfarrer rechtfertigt sein Schweigen über seine Professor Bernhardi entlastende Einsicht vor Gericht mit der höheren Verantwortung, die er der Kirche gegenüber habe, nicht anders als der Unterrichtsminister Flint, der seinen Wortbruch gegenüber Bernhardi damit entschuldigt, »dass es Höheres gibt im öffentlichen Leben, als ein Wort zu halten«. Beide dispensieren somit zugunsten von Ideologien und Institutionen ihre Verantwortung gegenüber dem Mitmenschen Bernhardi, dem der Pfarrer seinerseits schließlich vorwirft, verantwortungslos gehandelt zu haben, als er ihm den Zugang zu einer Sterbenden zwecks Erteilung der letzten Ölung verweigerte. Dies – das Unrecht gegenüber dem einzelnen Menschen im Namen einer Ideologie, eines angeblichen »höheren Ziels«, ist das eigentliche Thema von Professor Bernhardi. Flint erwartet von Professor Bernhardi Verständnis für das Argument, dass »zwei Monate eines nicht sonderlich schweren Kerkers nicht zu teuer bezahlt sein dürften«, dass er einen Menschen preisgebe, »dafür aber in der Lage« sei, »neue wissenschaftliche Institute zu bauen, die Studienordnung der verschiedenen Fakultäten in einer dem modernen Geist entsprechenden Weise umzugestalten«. Die Pointe liegt im Wort »dafür«.
Der Antisemitismus ist das Beispiel, an dem dieses Thema abgehandelt wird. Aber weil man nach Hitler nicht über Antisemitismus sprechen kann, ohne an Auschwitz zu denken, hat sich dieser Aspekt für die meisten Kritiker in der Vordergrund geschoben. Wenn jedoch die Konsequenz des damals unvorstellbaren Genozids bei Schnitzler noch nicht mitgedacht werden konnte, verkleinert es seine »Komödie« andererseits unzulässig, wenn man die Kampagne gegen Bernhardi, wie das im Programmbuch des Burgtheaters geschieht, auf »Rufmord« reduziert. Es geht immerhin um die Vernichtung einer beruflichen Existenz. Und die gab es vor Hitler, die gibt es auch heute noch.
Dass es sich genau darum handelt, noch nicht um die Tötung, aber immerhin um die Ausschaltung der jüdischen Konkurrenz, bezeugt der starrsinnige Versuch Ebenwalds, die Berufung eines unfähigen Grazer Assistenten anstelle des begabteren jüdischen Kandidaten durchzusetzen. Der Historiker und Burschenschafter Günter Cerwinka berichtet unter Berufung auf einen anderen Burschenschafter, Harald Seewann, davon, wie die Vertreter-Besprechung der Grazer deutschnationalen Korporationen und Vereine im Jahr 1919, also sieben Jahre nach der in Österreich verbotenen, in Berlin aber gewagten Uraufführung von Professor Bernhardi, die Wahl eines jüdischen Professors zum Universitätsrektor verhindert habe und die Studenten der Medizin einer Ärztegewerkschaft nur beitreten wollten, wenn diese »judenrein« sei.
Besagter Harald Seewann gestand 1994, ein halbes Jahrhundert nach dem Dritten Reich, dass »auch heute noch in der Auffassung einzelner die Waidhofener Beschlüsse (die Juden die Ehre und somit die Satisfaktionsfähigkeit absprachen, Th.R.) nicht überwunden scheinen«. Ein dreifacher Doktor, zehn Jahre lang Mitglied des Bunds Sozialdemokratischer Akademiker und Lehrbeauftragter an der Universität Wien, erklärt in einem 2004 ins Internet gestellten Buch über das »Tendenzstück« Professor Bernhardi: »Es zeigt den pathologischen Hass mancher Juden gegen den christlichen Glauben, die destruktive Tendenz der jüdischen Publizistik gegenüber allem, was den Christen heilig ist, und die Genugtuung der jüdischen sich »freigeistig« gebenden Autoren, dem christlichen Glauben eins am Zeug zu flicken.« So funktioniert der noch nicht (und nicht mehr) exterminatorische Antisemitismus. Hitler mag überwunden sein – Lueger und Schönerer sind es nicht. Der FPÖ-Slogan »Abendland in Christenhand« könnte direkt aus Professor Bernhardi stammen. Und wenn Bernhardi von dem antisemitischen Denunzianten Hochroitzpointner ebenso wie vom Unterrichtsminister daran erinnert wird, dass »wir in einem christlichen Staat leben«, so darf man ruhig an die heutige Rede von einer »deutschen Leitkultur« denken.
Keine schematische Gegenüberstellung
Die veränderte Perspektive auf das Stück durch die Erfahrung des Holocaust hat dazu geführt, dass die negativ konnotierten Eigenschaften Bernhardis bagatellisiert wurden zugunsten einer Idealisierung des edlen Opfers. Diese Tendenz bestimmte die Interpretation durch Ernst Deutsch 1965 am Akademietheater und die 1962 im Fernsehen vorausgegangene von Leopold Rudolf, auch Karl Paryla folgte ihr, mit Abstrichen, in einer stark bearbeiteten Fernsehfassung.
In der Regie von Angelika Hurwicz gestaltete Norbert Kappen, der sich bald darauf das Leben nahm, am Burgtheater erstmals nach dem Krieg einen von Sentimentalität befreiten Bernhardi, jenen Skeptiker und Ideologiegegner, den Schnitzler tatsächlich entworfen hat. Nachfolger fand er in Wolfgang Hinze in Volker Hesses Koproduktion des Düsseldorfer Schauspielhauses mit dem Bayerischen Staatsschauspiel und in Martin Benrath in Achim Bennings Zürcher Inszenierung von 1989. Reinhard Palm hat anlässlich der letztgenannten Inszenierung die Gefahr benannt, die der Figur des Bernhardi droht, nämlich »zur Inkarnation des verfolgten Juden zu werden, ein trotziger Märtyrer statt (wie Schnitzler einmal sagte) ein ›opfermutiger Komödiant‹«.
Heute allerdings, da sich die neue Unbefangenheit gelegentlich in Deutschland und täglich in Österreich in Dreistigkeit äußert, da manchen die Positionen von Bernhardis Gegnern plausibler erscheinen als die Argumente Bernhardis, da als »politisch korrekt« verspottet wird, wer auf die Gefühle von KZ-Opfern und deren Nachkommen Rücksicht nimmt, da der Komponist Gottfried von Einem, der 1937 ohne Not als Österreicher ins nationalsozialistische Deutschland gegangen war, um dort Karriere zu machen, noch kurz vor seinem Tod über »das schlechte Gewissen in Bezug auf die Juden« klagte, das »die große Gewalt von manchen jüdischen Altdenkern hervorgebracht« habe, muss daran erinnert werden, dass Gewalt den Juden doch wohl eher angetan wurde, und zwar in einem Ausmaß, das Arthur Schnitzler nicht ahnen konnte, als er seinen Professor Bernhardi schrieb und darin über die vergleichsweise harmlosen Waidhofener Beschlüsse klagte, dessen Figuren und thematische Implikationen dennoch heute erneut aktuell erscheinen. Gottfried von Einem reproduziert exakt die gleiche Projektion, mit der jene, die sich auf die Seite derer schlagen, die Bernhardi Gewalt antun, Bernhardi unterstellen, er habe den Pfarrer mit Gewalt an der Ausübung seines Amts behindert.
Norbert Kappen spielte den Bernhardi absolut unheldisch, als Ironiker, der zum Jähzorn neigt. Demut, die der Pfarrer bei ihm vermisst, ist in der Tat dieses Bernhardi Sache nicht. Zur Vermessenheit freilich, die ihm der Pfarrer gleichzeitig unterstellt, fehlt ihm der missionarische Eifer, eben der Wille, etwas beweisen zu wollen. Von Selbstbewusstsein spricht die Haltung, in der er sich vor dem stehenden Unterrichtsminister in den Sessel lümmelt. Und Eigensinn ist ihm gewiss nicht abzusprechen, wenn auch der Minister am wenigsten legitimiert ist, ihm diesen vorzuwerfen.
Demgegenüber spielte Wolfgang Hinze, der den Bernhardi vier Akte lang eher vornehm, überlegen und ein wenig arrogant interpretiert hat, am Ende die Karikatur eines Juden mit vorgezogenen Schultern und plattfüßigem Schleifgang, einen gebrochenen Menschen, den die Kerkerstrafe zugleich die Ironie verlernen und sich einen Sarkasmus aneignen ließ. Offenbar wollte die Inszenierung zeigen, dass erst die Verfolgung der Juden, erst das Unrecht an ihnen sie jenem Bild annähert, das sich die Antisemiten seit je von ihnen gemacht haben. Das ist krass, eigenwillig, geht über Schnitzler hinaus, hebt aber zugleich auf, was die ersten vier Akte an Idealisierung enthalten mögen. Dieser Bernhardi ist am Schluss weder charmant, noch selbstbewusst. Er ist nur noch das verstümmelte Produkt seiner stärkeren Feinde. Für diese beiden Möglichkeiten, Juden auf der Bühne darzustellen, gibt es auch weitere eindrucksvolle Belege, etwa durch Gert Voss' Shylock in der Regie von Peter Zadek einerseits und Fritz Kortners Shylock oder auch Ignaz Kirchners Schlomo Herzl in George Taboris Mein Kampf andererseits.
Nach Michael Degen, der Schnitzlers Titelrolle vor ein paar Jahren im Theater in der Josefstadt verkörpert hat, spielt Joachim Meyerhoff am Burgtheater jetzt wieder einen ganz und gar »unjüdischen« Bernhardi. Aber auch die übrigen Rollen hat der Regisseur Dieter Giesing teilweise gegen die üblichen Erwartungen besetzt. Nicholas Ofczarek, der sich vor allem bei der Gestaltung »ordinärer«, plebejischer Typen profiliert hat, spielt den schleimigen Unterrichtsminister Flint mit überzeugender Selbstgefälligkeit, ein Poseur, der um des Augenblickserfolgs willen jede Überzeugung verrät. Er ist, wie Meyerhoffs Bernhardi, ein Mensch unserer Zeit. Treffender lässt sich der heutige Politiker kaum darstellen. Auch Udo Samel als der altliberale Pflugfelder liefert in seiner gerechten Empörung ein Kabinettstück, wie man es auf der Bühne nur selten sieht. Martin Schwab ist ein großartiger (und wiederum: ganz und gar »unjüdischer«) Zionist, und Branko Samarovski, den wir gerne häufiger in größeren Rollen sähen, spielt den Hofrat, als wäre er nie etwas anderes gewesen. Roland Koch als Ebenwald und Oliver Masucci als Filitz wirken nicht so fies wie einst Kurt Sowinetz und Wolfgang Hübsch bei Angelika Hurwicz, aber umso mehr meinen wir, ihnen im täglichen Leben zu begegnen. Was es hingegen einbringt, wenn man in diesem aus thematischen und historischen Gründen von Männern dominierten Stück aus Professor Cyprian eine Frau macht, weiß allein der Regisseur.
Dem Liebhaber dieses exemplarischen Diskussionsstücks tut es um jede gestrichene Passage, um jede Figur leid, die das Spektrum möglicher Verhaltensweisen verbreitert. Sie fehlen schmerzlich, weil Schnitzler gerade keine schematische Gegenüberstellung von guten Juden und bösen Christen angestrebt hat. Den misanthropischen Sohn des Liberalen, der sich als Antisemit bekennt, aber nach eigener Aussage auch »Antiarier« ist, vermisst man da ebenso schmerzlich wie Dr. Adler, dessen Repliken andere Figuren zum Teil übernehmen, ohne die Persönlichkeit ersetzen zu können.
Dass Professor Bernhardi so selten inszeniert wird, hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass das Stück schwer, von kleineren Bühnen gar nicht zu besetzen ist. Bleibt die Möglichkeit, es zu lesen. Man wird in der Dramatik der knapp 100 Jahre, die seit der Uraufführung vergangen sind, kaum gescheitere, pointiertere Dialoge finden. Zumindest dieses Vergnügen sollte man sich nicht entgehen lassen.
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