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Freitag, 25. Mai 2012 | 14:02

Johan Simons´ Neuinszenierung von Aischylos´ ,,Die Perser" an den Münchner Kammerspielen

18.05.2011

»O Daimon, was überschwemmt ich da, welches Meer an Leid!«

Aischylos Drama Die Perser ist bekanntlich die älteste uns überlieferte griechische Tragödie. Und vermutlich auch die langweiligste. Von BJÖRN VEDDER

 

Voller Bangen versammelt sich der Ältestenrat der Perser und erwartet Nachricht vom Feldzug ihres Königs Xerxes, der die Griechen unterjochen und ihre Stadtstaaten seinem riesigen Reich einverleiben wollte. Ein Bote berichtet jedoch, dass Xerxes‘ Flotte bei Salamis vernichtend geschlagen worden ist. Nun hebt ein entsetzlicher Klageschrei an, der Bote klagt, der Chor klagt, Xerxes‘ Mutter Atossa klagt, ihr verstorbener Mann, der aus dem Totenreich hervorgerufene Dareios, klagt und schließlich kommt Xerxes heim und klagt auch selbst. Hin ist das schöne Heer, futsch ist die Macht, perdu bald das große Reich.

 

Deutsche Alte und junge Flüchtlinge aus aller Welt

Dass Aischylos so den Blick der griechischen Sieger auf die besiegten Perser wendet und einerseits Mitleid mit diesen provoziert, andererseits im Scheitern Xerxes‘ aber auch vor der Gefahr der Hybris warnt, wird als dramaturgischer Clou der Tragödie gesehen.

 

Seid gewarnt, so tief fällt, wer sich zu hoch hinaufschraubt! / Denn der Hochmut, geht seine Saat auf, bringt höchste Erträge / An reiner Verblendung, die man bald erntet in Tränen, spricht Dareios‘ Geist in der Übertragung von Durs Grünbein.

 

Johan Simons setzt in seiner Neuinszenierung hier an und parallelisiert das Leid der Perser und die Warnung vor der Hybris mit dem aktuellen Leid von Flüchtlingen und unserem Umgang mit ihnen. Das zeigt neben dem Aufführungsort, der Münchner Bayernkaserne, die nunmehr ein Flüchtlingslager ist, vor allem der Chor des Stücks: deutsche Alte und junge Flüchtlinge aus aller Welt.

 

Stefan Hunsteins Videoinstallation Salamis im Vorraum der Spielstätte, die Flüchtlingsportraits zeigt, unterstützt diese Interpretation. Diese Überblendung ist mit Sicherheit gut gemeint und eine Sensibilisierung für das Leid von Flüchtlingen zweifelsohne notwendig. Sie birgt aber auch gewisse dramaturgische Probleme. Schließlich sind Die Perser vor allem eine Drama der Selbstüberschätzung - und die hat mit dem Schicksal von Flüchtlingen nichts zu tun. Xerxes kam zu Abertausenden. Helden führten sein Truppen an. Selbst das Meer hatte er unterjocht und eine Brücke über den Hellespont geschlagen. Und doch verloren: Land der Perser, du stattlicher Hafen des Reichtums! / Mit einem Hammerschlag ist alles zerstört!, spricht der Bote.

 

Konstruierte Parallelen

Man wird das Leid von Flüchtlingen nur dann mit dem der Perser und ihres Königshauses parallelisieren können, wenn man auch die Perser als schuldlos Geschlagene versteht. Dafür mag der im Stück vereinzelt formulierte Gedanke, durch den Unmut der Götter den sicheren Sieg verloren zu haben – ein Daimon drückte die Waagschale nieder, mit ungleichem Maß – zwar einen vermeintlichen Anhaltspunkt geben, insgesamt steht doch auch dieser Gedanke wieder im Zusammenhang mit der Hybris. Wenn Xerxes am Ende fordert: Weint nur, beweint diesen Untergang. / Und dann geht nach Haus. Und wenn Simons darauf ein Chormitglied achselzuckend sagen lässt: There’s nowhere to go!, dann schlägt diese konstruierte Parallele sogar in ungewollte Komik um.

 

Dass der Zuschauer durch Simons Besetzung des Chors mit Laien dem Vergnügen, einen großen Chor zu erleben, wofür das Stück berühmt ist, verlustig geht, ist hingegen leicht zu verschmerzen. Gelingt es doch der stimmgewaltigen Hildegard Schmahl eindrucksvoll, nicht nur einen Chor beinahe zu setzen, sondern die meist stummen und nur allenthalben Textfetzen wiederholenden Laien auch gestisch in ihr Spiel miteinzubeziehen.

Bemerkenswert ist darüber hinaus das Zusammenspiel mit der insgesamt stimmigen Musik von Carl Oesterhelt, das einige Verse aus dem Mund Schmahls als Rap erscheinen lässt.


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