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Freitag, 25. Mai 2012 | 14:03

Der Große Russische Staatscircus in Berlin

02.06.2011

Nächte im Zirkus

Auf Russisch bedeutet Clown »Mann vom Land«. Und auf dem Land nahe Moskau wurde der alte Schausteller mit den verschiedenfarbigen Schuhen und der übergroßen Mütze geboren. Fast scheint es Vorsehung, dass ihm ein Geschenk gemacht wurde, das er in jeder seiner Vorführungen an sein Publikum weiterreicht: das Lachen. Rund sechzig Jahre begeistert und bezaubert Oleg Popov nun als Clown, die Hälfte davon im Großen Russischen Staatscircus. LIDA BACH besuchte eine Vorführung.

 

Popov, der im vergangenen Jahr seinen achtzigsten Geburtstagsjahr feierte, ist unbestrittener Star der Vorführung. Ein an einen Werbespot erinnernder Kurzfilm projektiert ihn auf den roten Vorhang zur Manege, noch bevor der von der pompösen Einführung fast verschüchtert wirkende Clown selbst sie betritt. Seine von feinsinniger Ironie beflügelten Scherze und die kuriosen Grillen des armenischen Charlie-Chaplin-Imitators Gagik Avetisyan sind rare Momente einmaliger Zirkuskunst in einer Show, die den großen Zirkus nur noch im Namen trägt. Im Moskauer Staatszirkus, wie der Große Russische Staatszirkus in seinem Heimatland heißt, dominiert der Geist von Las Vegas. Auch dort schwingen optisch auf Ununterscheidbarkeit getrimmt Tänzerinnen das Bein, werden Zuschauer zum Klamauk auf die Bühne gebeten und Motorräder herbeigezaubert. »Wie bei David Copperfield.« Der beiläufige Kommentar von einem Nachbarsitz klingt unbeeindruckt. David Copperfield hat sogar einen Panzer herbei und wieder weggezaubert. Im Fernsehen.

 

Send in the Clowns

Das Show-Event unter der strahlend gelben Plane treibt den Geist von Wandermanege und Gaukel mit konventionellem Entertainment aus. Dass der Zirkus nahe der O2-Arena aufgeschlagen wurde, scheint Ironie des Schicksals. In die Festhalle würde der grelle Bühnenreigen besser passen, die nur selten Momente hintersinniger Komik und Magie unterminieren. Die für sich genommen durchaus beeindruckenden Darbietungen verbindet kein übergreifendes Kunstelement zu der Geschichte, welche die besten Zirkusvorführungen zu erzählen verstehen. Die Vorstellung wird zur Nummernrevue. Der Name Großer Russischer Staatscircus funkelt weiter, doch sein Glanz ist der künstliche der Leuchtbuchstaben, in denen er über dem Eingang zur Manege steht, und seines internationalen Renommees.

 

Zirkus ist mehr als bunte Tänze und ein mechanischer Höhepunkt, Sektgedecke und Tonbandmusik: Eine Wagenburg, Stände und einige Zelte, die der Geruch von Heu und Rummelplatz-Essen umweht. Vor Aufführungsbeginn besuchte man die Tierschau, obwohl man alle Tiere in der Vorstellung sehen würde. Man erbettelte sich von den Eltern einen der bunten Leuchtstäbe, obwohl man ihn nach der Vorstellung wegwerfen würde. Unzählige Leuchtstäbe, unzählige Zirkusbesuche, unzählige Abende voller Spannung, Komik und Magie. Die Leuchtstäbe konnte man auch im Russischen Staatszirkus kaufen. Doch selbst das glitzernde Plastikspielzeug in der Hand kann das aussterbende Metier nicht beleben, dessen tragisch-komische und traurig-brillante Relikte Künstler wie Popov sind.

 

Nur einzelne Stäbe blinken in den Zuschauerrängen. Weil über fünf Euro neben den horrenden Kartenpreisen, drei Euro für synthetisch schmeckendes Tüten-Popcorn und Extragebühren für Toiletten, Warmwasser am Waschbecken und das Programmheft den meisten Besuchern zu viel sind. Weil die Bänke nicht einmal halb voll sind. Weil niemals Begeisterung das Publikum mitreißt, als sehnten sich alle nach dem Zauber des Vergangenen.

 

Schmerzlich-süß

In der eigenen Kindheit gab es im Zirkus nicht nur 16 Hunde wie hier, sondern Affen, Schlangen, Ziegen und Bären. Es gab nicht nur ein Pferd, sondern eine majestätische Horde, zu der stets eine schöne Kunstreiterin gehörte, Kamele, Lamas, Zebras und einen Elefanten, auf dem man sich in der Pause fotografieren lassen konnte. Selbst die Pause war spannend, weil dann der Raubtierkäfig aufgebaut wurde. Im Großen Russischen Staatscircus brüllen statt Großkatzen die Maschinen der brasilianischen Daniel Diorio Group, die auf Motorrädern in einer Stahlkugel kurven. Die traurige Wahrheit kann ihr Aufheulen nicht übertönen: Eine Manege ohne Manegerie ist keine Manege. Dass dem Großen Russischen Staatscircus mit den Tieren eines der unverzichtbaren Elemente der Zirkuskunst fehlt, ist die Folge eines Spagats zwischen Moral und Kunst: Artgerechte Zirkustierhaltung, scheint es, kann es nicht geben. Das eine gibt es nur zum Preis des anderen. Der Tierschutz soll und muss Vorrang haben. Dass dadurch der Zirkus und mit ihm ein Stück Kulturgeschichte stirbt, ist dennoch schmerzlich. Das Amüsement, das ohne Zirkus zurückbleibt, schmeckt nach der schmerzlich-süßen Nostalgie, die alten Clown-Lieder innewohnt:

 

Make 'em laugh

Don't you know everyone wants to laugh

Ah ha ha ha ha ha ...

 

Das Lachen ist bitter. Es gehrt denen, die wahren Zirkus gesehen haben. Und mit den Clowns kamen die Tränen. Im Zirkus gewesen. Geweint.

 

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