Send in the Clowns
Das Show-Event unter der strahlend gelben Plane treibt den Geist von Wandermanege und Gaukel mit konventionellem Entertainment aus. Dass der Zirkus nahe der O2-Arena aufgeschlagen wurde, scheint Ironie des Schicksals. In die Festhalle würde der grelle Bühnenreigen besser passen, die nur selten Momente hintersinniger Komik und Magie unterminieren. Die für sich genommen durchaus beeindruckenden Darbietungen verbindet kein übergreifendes Kunstelement zu der Geschichte, welche die besten Zirkusvorführungen zu erzählen verstehen. Die Vorstellung wird zur Nummernrevue. Der Name Großer Russischer Staatscircus funkelt weiter, doch sein Glanz ist der künstliche der Leuchtbuchstaben, in denen er über dem Eingang zur Manege steht, und seines internationalen Renommees.
Zirkus ist mehr als bunte Tänze und ein mechanischer Höhepunkt, Sektgedecke und Tonbandmusik: Eine Wagenburg, Stände und einige Zelte, die der Geruch von Heu und Rummelplatz-Essen umweht. Vor Aufführungsbeginn besuchte man die Tierschau, obwohl man alle Tiere in der Vorstellung sehen würde. Man erbettelte sich von den Eltern einen der bunten Leuchtstäbe, obwohl man ihn nach der Vorstellung wegwerfen würde. Unzählige Leuchtstäbe, unzählige Zirkusbesuche, unzählige Abende voller Spannung, Komik und Magie. Die Leuchtstäbe konnte man auch im Russischen Staatszirkus kaufen. Doch selbst das glitzernde Plastikspielzeug in der Hand kann das aussterbende Metier nicht beleben, dessen tragisch-komische und traurig-brillante Relikte Künstler wie Popov sind.
Nur einzelne Stäbe blinken in den Zuschauerrängen. Weil über fünf Euro neben den horrenden Kartenpreisen, drei Euro für synthetisch schmeckendes Tüten-Popcorn und Extragebühren für Toiletten, Warmwasser am Waschbecken und das Programmheft den meisten Besuchern zu viel sind. Weil die Bänke nicht einmal halb voll sind. Weil niemals Begeisterung das Publikum mitreißt, als sehnten sich alle nach dem Zauber des Vergangenen.