Nach den theatralischen Verwurstungen von Romanen und Novellen nun also auch noch die von philosophischen Texten. Warten wir auf die Phänomenologie des Geistes als Comedy, auf Die Welt als Wille und Vorstellung als Grusical. Jetzt schon im Spielplan des neuen Karlsruher Staatstheaterintendanten Peter Spuhler: ein zweistündiger Bühnen-Extrakt aus Peter Sloterdijks jüngstem 700-Seiten-Wälzer Du musst dein Leben ändern. Das machte neugierig.
Dieser Alarm-Titel – er erinnert, wie an die unvermeidlichen Nietzsche und Rilke, an den sehr vermeidlichen Billy Graham – ziert eine Schreibarbeit, in der, anders als bei früheren Groß- und Kleinprojekten Sloterdijks, die originellen Ideen höchst sparsam mit einer Unmenge von Gemeinplätzen verkocht werden. In beschwörender Formulierungssülze wird mithin Empörung über die bloß vierjährigen ineffektiven Legislaturperioden genährt und für ein intensives lebenslanges Lernen und Üben geworben. Da, frei nach Nietzsche, »alle und keiner« damit angesprochen werden und Gesellschaft als ein kompliziertes System kommunizierend-widerstrebender Interessen nicht in den Blick gerät, verhallt die vollmundige Mobilmachung im Leeren. Außer amüsiert-schreckhafter Lektüre nichts gewesen (Sloterdijks hanebüchene Einkommenssteuerphilosophie kommt in diesem Text noch nicht vor).
Der junge Berliner Regisseur Patrick Wengenroth, dem eine sichere Hand für Abende »zwischen Schauspiel, Performance, Philosophie und Pop« nachgesagt wird, versäumte rundweg die Chance einer pfiffigen, gar fetzigen Collage. Aus dem dünnflüssig mäandernden Sloterdijkbuch wäre das ohnedies nicht leicht extrahierbar gewesen, doch zeigte sich das Ergebnis derart zäh, ledern und auf der Stelle tretend, dass man den Kopf schütteln musste. Der brillante Geistes-Cuisinier Sloterdijk, gepaart mit Schmalhans Küchenmeister. Ein bisschen mehr Inspiration könnte Sloterdijk schon hergeben. Die flotten Verdrechslungen Luhmann’scher Wortkomposita von unterschiedlichem, meist aber beträchtlichem Abstraktionsgrad (»Vertikalspannung«) böten sich der genüsslich dekonstruierenden Hochkomik leicht an.
Eher bierernst aber werden hier Beckett, Nietzsche, Rilke zitiert. Hochkulturelle Imponiergesten gibt der Titelsatz her – Rilkes Du musst dein Leben ändern ist eine finale Gedichtzeile, Niederschlag des vom archaischen Torso Apollo im Louvre jäh empfangenen Kunsteindrucks. Die plötzlich in moralischen Appell umschlagende ästhetische Berührung wird auch bei der Aufführung ausführlich erörtert, ohne dass daraus die Vermittlung zu einem allgemeinen Handlungsprinzip plausibel hergestellt werden könnte. Es bleibt bei Attacken im strengen Predigerton Billy Grahams. Die Sprödigkeiten, die saftlos montierten Lehrhaftigkeiten (darunter die kaum auf Sloterdijk zurückgehende albern antifeministische Tirade einer Mitspielerin), werden nur gelegentlich mühsam abgefedert durch absichtsvoll witzelnde Versprecher (»Cholera« für »Kohl-Ära«). Die vier beteiligten Darsteller und Textvermittler (Antonia Mohr, Lisa Schlegel, Klaus Cofalka-Adami, Stefan Viering) fühlen sich offenbar nicht ganz wohl in ihrer Zwitterfunktion zwischen bieder akademischem Seminarton und aufgekratztem Entertainment. In dümpelnder Dramaturgie folgen den ermüdenden Textstrecken von Zeit zu Zeit Schlager- und Popsong-Einsprengsel (Musikauswahl: Matze Kloppe), und im nestwärmenden Pathos der älteren Liedermacher darf sich der Zuschauer jener herzhaften Positivität versichern, die der kühle verbale Elitismus Sloterdijks sich eigentlich verbietet. Karg und schlicht die Ausstattung von Ulrike Gutbrod (einzig das erhabene Kunstwerk, der widersinnig zum Pop-Teddybären vervielfachte Apollotorso, durchbricht die Nüchternheit), praktikabel konzipiert für wechselnde Spielstätten dieser Produktion (die Premiere fand im mittelgroßen Konferenzraum einer dem Theater benachbarten ehemaligen Behörde statt).
Nach und nach konnte sich die Vermutung einschleichen, als habe der Textbearbeiter und Regisseur den Philosophen gelinde verarschen wollen. Diesem geschähe damit vielleicht kein größeres Unrecht, denn auch er scheint oft nicht weit entfernt davon, den Leser auf elegante Weise hopp zu nehmen. Übrigens war Sloterdijk, der in Karlsruhe lebt, bei der gleichsam lokalpatriotisch ihm geltenden Premiere nicht leibhaftig anwesend. Doch trat er in der Aufführung als Handpuppe auf, beiläufig zärtlich gekost und gezaust von den Schauspielern.
