Jan Kluger: Der abgerissene Mund
18.07.2005
Ein recht seltsames Stück Text, was uns eigentlich nichts anzugehen scheint, präsentiert Jan Kluger hier. Das verquaste Szenario eines Familienbesuchs, ein aus Verwirrung gewobenes Stück Literatur, in dem vieles aufblitzt, manches nebelhaft entschwindet – und in der Ferne wirklich die Unerhörtheit einer Kindesmisshandlung? Dennoch behalten wir etwas Archetypisches zurück, was uns gleichsam beim Lesen in den Schoß fällt wie Franz und Alexander der Kellerschlüssel zum Malzbier. Wir sind gespannt, wir bleiben gespannt... (Die Redaktion)
Der abgerissene Mund
Mein Name ist Franz Deutsch. Ich bin Enkel der Perversion und Kind mittlerer Schichten. Selbst bin ich aber völlig selbstlos.
Die Angst stand in der Kellerecke. Ein kleines Mädchen, das den Kohlehaufen heraufgeflüchtet war. (Das panische Grabbeln in den Briketts, Engelchen!) Wund das Knie, befleckt die weißen Strumpfhosen. Ganz oben stand sie, zwischen die Wände gedruckst, als wolle sie darin verschwinden, als warte sie nur darauf, dass die Kellerwände wie zwei Buchseiten sich endlich schlössen, sie vergrüben, verschlängen, damit sie endlich verschwinden könne, ins Nichts. Das grobe Ratteln der Kellertür! Ganz aus Holzplanken mit großem Lichtschlitz unten. Man konnte alte Schuhe durch sehen, kann immer erkennen, wer davor steht und Einlass erfleht: „Komm schon, Natalie, mach auf! Der Opa will doch nur zum Bier.“
(So stelle ich mir das vor, sehe sie, die Sechsjährige im Kleidchen, meine Schwester, sehe wie sie verschluckt wird von der Naht der Wände, wie sie geradenwegs hineinrauscht, zu einem Strich Licht werdend, aufsteigend, sich ausbreitend, quer, lotrecht die Wände entlang, durchs ganze Wohnhaus, die Ritzen durchstrahlt, ästelt wie Strom aufsteigt, absteigt - und leuchtet.)
Immer Malzbier da bei Oma. Wir bettelten um das rostige Stück, den Schlüssel zum Bier. Mein Cousin Alexander war besonders gut darin. Er hielt sich flehentlich an Omas Schürzstoff fest und zog das Gesicht eines weinenden Komödianten, schluchzte falsch. Dann fiel uns das große Metall in die Hände.
Familienfest. Unser Zweig des Stammes Deutsch, unsere Linie war die einzige, die von soweit her an das heilige Tischtuch der Großeltern drang. All die anderen Deutschs wohnten noch immer dort, wo alles seinen Anfang genommen hatte, wo alles seinen Anfang zu nehmen hat. Wer wir waren? Zusammengetrieben aus Ost und West. Aus dem Ruhrgebiet gebombt, aus Königsberg getrieben, Blut aus Habsburg, Blut aus dem Baltikum. Nun waren meine onkels Metzger, lehrbeauftragte Amtsmänner, verwaltende Stadtstaatsdiener und schlurfendes Arbeitsfußvolk. Nur einer, herangeheiratet an die Sippe Deutsch, war Engelländer mit Schnauz, war Imker, Chemiker. Seine Terrasse strandete am Fuße eines Kühlturms. Dann kam schon der Rhein. In unseren Zweiglein des Baumstammstammbaums Deutsch aber rauschte schon das Fremdsein. Keiner meiner Anverwandten je verstehend, was wir im Ausland zu suchen hatten, beim Franzmann, dem Feinde aus Erz. Immer wieder Häme bei Bienenstichelei und Kaffeesatz. Gesüßtes Hämen mit steifer Sahne versehen im engen Heim der großen Eltern. Vier Zimmer Wohnung von kaum sechzig Quadratmetern. Der drohende Uhrgong, das christkalte Schlafzimmer, die Wartekuchen auf den Gästeliegen, das bronzene Trainingsrad von Opi, die kleine, blaue Flamme im Boiler im Bad, der waldmeisterliche Garten hinter all dem...
Einzelne Eierkohlen kullerten den Hang hinunter, purzelten in die Lücken der Bierkästen: Malz und Pils. Die Spannung in meiner Schwester Körper wuchs an wie ein Geschwür. Als würde sie am Hals langsam hochgezuppelt Richtung Kellerdecke. Das Würgen, die Enge, die sich nicht öffnen wollenden Mauerritzen hinter ihr. Im Schloss längst der stochernde Riesenschlüssels, rammelte hin und her und griff nicht ins Schloss, weil der andere von innen quer drinstand. (Gut Natalie, gut so.) Ihr Kopf stieß nun zur Decke, sosehr war sie sich schon entwachsen. Wo ihre Hände jetzt waren, damals im Keller? Weiß es nicht. Streng vor dem Mund? Flach an den Wänden? Leise im Schoß?
Ein Geruch (ein Stank, ein Duft?), den ich bis heute nicht zu definieren vermag. Schon im Treppenhaus empfing er uns und bewohnte alle Etagen, bis ins Obenhin. Ich könnte nicht einmal sagen, wie dieser Geruch zustande kommt, ob er organischen Ursprungs, industriellen, chemischen ist. Ich bin mir bewusst, mich da etwas ungenau auszudrücken. Vielleicht könnte man sagen, ich habe kein Ahnen, ob er einem Gewächs entstammt, einer Maschine, oder einem Reagenzglas. (Was die Sache aber keinesfalls deutlicher macht.) Dieser Geruch ist es, den ich nun so sehr zu atmen wünsche. Nicht weil ich ihn misse, oder weil er mir die Erinnerung stützt. Er gibt mir vielmehr Rätsel auf, und ich gerate unmittelbar in schrobiges Grübeln voll Vergangenheit, die aber nie zu etwas führen will. Manchmal begegne ich diesem Duft ganz zufällig, dann kommt er wie ein Freund aus den Seitenstraßen an mich getreten. Unangenehm ist er mir keineswegs. Aber ich weiß nicht recht, wohin damit. Und wusste nie, woher.
Auf dem Sofa das Pyramidenhäkelkissen. Dadurch, dass man zusammengepfercht zu Oma kam, präsentierte sich alles mikroskopisch. Großvaters Haut, teils blutig, wenn er sich in unserem Beisein mit dem silbernen Braun rasierte. Die Löcher im lackierten Geflecht seines Panama. Die versteckten Lakritzkätzchen, die im Porzellandöschen neben dem Ehebett matt glänzten und Großmutter langsam den Garaus machten. Und eben die gehäkelten Pyramiden auf den Sofakissen. Grün. Gelb. Eckig. Weich. Zwischen Kuchen und Abendbrot wurde der Fernseher zur Sportschau eingeschaltet. Den ganzen Tag, von Mittag an, verbrachten wir bei Oma und Opa. In sieben Stunden wurde dreimal gegessen. Raus ging man kaum, höchstens einmal um den Block, weil Opa einen Schlaganfall gehabt hatte. Weil Opa die Malaria hatte. Weil Opa den Zweiten Weltkrieg überlebt hatte. Weil Opa die russische Gefangenschaft überlebt hatte. Weil Opa Feldwebel war. Weil Opa zwanzig Engländern den Arsch weggeblasen hatte. Und wegen all dem vermochten wir alle nur noch seinem Stock folgend ein paar Runden dahinzuzittern vor Ehrfurcht und Alter. Der Panama und die frische Rasur verpassten ihm den glänzenden Schneid, den schneidenden Glanz einstmaliger Herrschaftszeitenherrlichkeit. So ging´s durch die Siedlung, Sippe Deutsch! Vorbei an guter Nachbarschaft. Und recht bald auch wieder an den Mampf. Denn bei rheinischem Sauerbraten und Blutwurstschnittchen beruhigt sich manch quere Seelenlage. Blutwurst vom metzgernden onkelmann, ganz frisch. Das wollte triefen.
Natalie ist fort. (Wohin? Werde ich deine Furchtspuren zwischen den Kohlen aufspüren, Natalie? Durch welche Wand werde ich müssen, dich wieder zu finden? Oder bist ins Bier gekullert? Durch den Türritz gekullert? Zwischen den alten Schuhen das Treppenhaus hinan? Den unvergessbaren Gerüchen entflohen? Zum Waldmeister hin, wo die Schaukeln ewig zirpen?) Im Keller hockt nur das Schwarz, welches selten ein Licht ritzt. Darüber die Wohnung steht lange leer.
Jan Kluger
geb. 1970 in Celle, Mathematik- und Philosophiestudium in Heidelberg, Danzig und Quebec, Der abgerissene Mund ist der Prolog aus seinem großen Romanprojekt AGONIEN
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