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Martin Beyer: So schmeckt mein Bruderkuss

03.05.2007

So schmeckt mein Bruderkuss

Martin Beyer hat TITEL einen Auszug aus seinem neuesten, noch nicht veröffentlichten Roman zur Verfügung gestellt: Die Geschichte ungleicher Freunde - der eine ist körperlicher, der andere innerlicher - wird erzählt. Geführt werden wir in die irre Welt der Pubertät, die alle Parameter des Lebens zur Verfügung stellt. Riesenhaft ist sie und zugleich so lächerlich klein, leidenschaftlich und komödiantenhaft – und wunderbarerweise entstammen wir ihr alle... Außerdem neu bei TITEL - zwei Hörproben von Beyers musikalisch-lyrischem Projekt SilbenMusik!

 

Wenn man gut durch geöffnete Türen kommen will, muss man die Tatsache achten, dass sie einen festen Rahmen haben.
(Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften)

In memoriam Rudolf Stirn


Sweet Sixteen

Mit Billy Idol einen Urschrei der Rebellion von sich geben. Mit Walt Whitman ein gigantisches YAWP über den Dächern dieser Welt erklingen lassen. Sultan und ich kamen langsam wieder zu Kräften, langsam gaben wir unsere selbst gewählte Rückzugsstrategie wieder auf. Aber wir gingen nicht mehr im Gleichschritt wie in früheren Zeiten.
Das Gefühl, dass man Stärke besitzt, dass man Muskeln entwickelt hat, dass alles gereift ist. Ich genoss die Körperlichkeit, die Sultan befreit hatte, ich war stolz auf jede Sehne meines Körpers. Ich besaß eine Sehnsucht, der Welt zu zeigen, wie gesund und wohlgeraten ich bin. Wie viel ich erreichen könnte, wenn sie mich nur lassen würden. Ein barbarisches YAWP über den Dächern dieser Welt. Ein Urschrei der Rebellion. Das war meine Welt, das war meine Kraft. Und der erste und nahe liegende Schritt war natürlich, die Wirkung dieser Kraft, die Wirkung meines Karmas auf das andere Geschlecht auszuprobieren. Ich hielt mich für unwiderstehlich, ich explodierte nahezu, wie ein eitler Pfau stolzierte ich durch die Gänge der Schule, wie ein Torero bewegte ich mich in den Sportstunden, wenn Mädchen zusahen.

Ich glaube, Sultan hat diese Stärke auch entwickelt. Er hat sie nur in andere Bahnen gelenkt. Nach außen hin ist er nahezu in sich zusammengefallen, sein Schritt war plötzlich unsicher, er lief mit hochgezogenen Schultern umher, den Blick auf den Boden gerichtet. Pickel verunstalteten sein Gesicht, er nahm zu, verlor jedes Interesse an körperlicher Betätigung. Aber er las wie ein Besessener. Er lernte buddhistische Weisheiten, den Sinn von Freundschaften und den Kampf des Erwachsenwerdens kennen. Es ging für ihn hinab in die Absurdität und Dünnhäutigkeit dessen, was wir Wirklichkeit nennen. Von zupappendem Träumerklebstoff bis zur völligen Sinnentleerung der Welt war alles dabei, eine bunte Mischung, ein anfangs noch blindes Stochern, in welche Richtung es denn gehen könnte. Seinen Körper wollte Sultan dabei scheinbar völlig von sich stoßen, er war ihm ein ekliges Anhängsel, das nur noch lästig war. Hätte ich doch genauer hingeschaut!
Ich konnte ihm in diesem Bücherwahn nur schlecht folgen, weil ich zu dieser Zeit viel zu ungeduldig war. Es drängte mich hinaus, ich wollte mich bewegen. Ich konnte nur sehr schlecht still sitzen, Schulstunden vergingen quälend langsam, diese ganze Stadt hielt mich in ihrer Zeitlupenhaftigkeit nur auf.

Dennoch blieben wir nahezu unzertrennlich. Er erzählte mir von seinen Texten und versuchte mich davon zu überzeugen, sie auch zu lesen. Ich wies ihn darauf hin, dass er einroste und sich wieder etwas mehr bewegen könne. Die Mädchen würden es ihm danken! Aber davon wollte er überhaupt nichts wissen. Er hörte immer interessiert zu, wenn ich ihm davon berichtete, in wen ich gerade verliebt sei. Verliebt! Bei diesem Wort hat er immer mit den Augen gerollt, denn was wusste ich schon von Liebe, hatte ich jemals ein Gedicht von Goethe, von Blake, von Whitman, von Lorca, von Shakespeare gelesen?
Er fühlte immerhin mit mir, wenn ich einen Korb bekam. Und wir heckten Vergeltungsmaßnahmen aus, wenn sich jemand anschickte, mir meinen Besitz streitig zu machen. Aber er selbst blieb passiv. Stoisch. Er antwortete auf meine bohrenden Fragen ausweichend. Einmal sagte er, er wolle noch auf die große Liebe warten, es solle gleich etwas Richtiges werden, nicht nur so ein blindes Ausprobieren, wie ich es vollziehe. Ein anderes Mal behauptete er schlichtweg, er sei ein Theoretiker und die Praxis ginge ihn nichts an. Da musste ich sehr lachen, denn war das noch der Sultan, der mit mir im Wald so einige Feldversuche durchgeführt hatte? Diese Spannung war nicht schlecht für unsere Freundschaft, sie hielt sie vielleicht sogar aufrecht, lebendig. Wir hatten etwas, an dem wir uns reiben konnten. Damit uns nicht kalt wurde.

Mein größtes Problem zu dieser Zeit war, dass ich einen bestimmten Ruf hatte, den ich nicht von mir wies, sondern den ich pflegte und aufpäppelte, bis er meine Körpergröße weit überragte. Seit dem Nachmittag auf dem Feld verdächtigte man mich in Seltin, dass ich mich ganz bewusst gegen die Ideale dieser Stadt auflehne, dass ich danach trachte, das Ansehen meiner Eltern in den Schmutz zu ziehen. Und dieser Verdacht gefiel mir. Meine Mutter konnte sich nur schlecht gegen mich wehren, seit ich sechzehn war, hatte sie es aufgegeben, mir etwas zu verbieten.
Ein Auszug aus meinem Strafregister zu dieser Zeit: das stolze Tragen von schwarzen Lederhosen und entsprechenden Stiefeln; der Abbruch einer Ferienaushilfstätigkeit in der Firma nach drei Tagen; das schlampige Austragen von Zeitungen, der See schluckt eine Menge, um eines baldigen Tages den ersten Wagen zu finanzieren; Rauchen in, um und um die Schule herum; das Austreten von Straßenlaternen mit dem Fuß; das Ansprühen strahlend weißer Wände mit Obszönitäten (BUSEN!); das Rauchen von Haschisch, nachdem ein ebenso gefährdetes befreundetes Individuum anfing, Carlos Castaneda zu lesen; das Erbrechen im Vorgarten; das Prügeln mit Max wegen einer gewissen Simone (dazu noch nähere Erläuterungen); das Plattstechen von Autoreifen; das Zertrümmern von Werbeplakaten der Firma; der gescheiterte Versuch einer Manipulation der Firmensirene; das Masturbieren im Freien und in geschlossenen Räumen, im Stehen, Liegen und Sitzen; der Kauf von pornographischen Magazinen; das Verkleben diverser Briefkästen mit einer zementartigen Masse; das Verkaufen kleinerer Mengen Haschisch auf dem Schulhof, um den baldigen Kauf eines ersten Wagens erheblich zu beschleunigen; das völlige Fernbleiben von Veranstaltungen und Kursen der Gemeinde, u. a. Tanzkurse, sowie der völlige Mangel an Interesse für die Belange dieser Stadt; das überlaute Hören schrecklicher, Brutalität erzeugender Musik (Black Sabbath, Metallica); der latente Hang zu okkulten Praktiken, wiederum gefördert von einem befreundeten Individuum, das sich in einer gewissen Phase für die Beschwörung von Geistern interessierte; das Fehlen von Reue, nachdem Max nach einem Schlag zwei Zähne verlor; das provokante Verhalten gegenüber dem Lehrpersonal; das Verhöhnen eines Schulpsychologen, der sich doch wirklich alle Mühe gab; das Äußern ausländerfeindlicher und inländerfeindlicher Parolen und immer wieder der Verlust über die Kontrolle der Fäuste; schließlich das hartnäckige Nachstellen wohlbehüteter Mädchen, auch wenn diese ihre Abneigung und Ablehnung bekundet hatten.

Es soll ruhig Asche regnen. Am besten aus dem Schornstein der Firma, die gerade die nächste Luftschlangenkollektion für Fasching produziert. Oder Kürbisköpfe mit Sonnenbrillen für Halloween. Mea culpa. Ich gestehe, ich bin es gewesen, ich habe es getan. Solche Kleinigkeiten, die in anderen Städten nicht nur als normal, sondern als selbstverständlich gelten, sind in Seltin ein Akt ernstzunehmender Rebellion. Empörung, Entsetzen, Kolumnen in der Stadtzeitung über den Verfall der Sitten. Da bleibt einem der Streuselkuchen im Hals stecken. Ich galt als die treibende Kraft der Kampagne: Die große Infragestellung, Verleugnung, und Ablehnung des hiesigen, gestrigen, heutigen, ewigen Glückes dieser Stadt. Und der Stolz darüber hielt lange an.

Ich hatte Carlos als meine rechte Hand des Schulhofes engagiert, um meine kleinen Geschäfte voran zu treiben. Wenn jemand nicht zahlen wollte, habe ich Carlos hingeschickt, und er hat das für mich erledigt. Druck und Stoß. Einatmen und Ausatmen. So musste ich nur noch selbst Hand anlegen, wenn es um Mädchen ging. Und um die ging es natürlich die ganze Zeit.
Als ich mir endlich meinen Wagen leisten konnte, einen grauen, aber tapferen Ford, fuhr ich tagsüber mit Sultan, abends mit meinen Eroberungen durch die Straßen. Ich habe Flammen auf die Motorhaube des Wagens gemalt, ich habe Totenkopfaufkleber auf die Rückscheibe gepappt, es war eine großartige Zeit. Manchmal redete ich mir ein, ich mache das alles nur für Sultan. Um ihn zu beeindrucken. Um ihn aus seiner Starre zu lösen. Er beobachtete mich, und nicht selten glaubte ich, in seinen Blicken Bewunderung und Anerkennung ausmachen zu können. Zumindest habe ich mir das gewünscht. Hätte ich doch besser hingeschaut!



Martin Beyer ist 1976 in Frankfurt geboren, hat in Bamberg studiert und promoviert.



Bisherige Veröffentlichungen (Auswahl): 1998 die Parabel "Nimmermehr" im Alkyon-Verlag, 2001 der Roman "Sterzik" im Eskapis-Verlag und 2002 der Roman "Hinter den Türen" ebenda. Auf dem Bild sehen wir Martin Beyer zusammen mit seinem Gitarristen Gerald Kubik. Mit ihrem lyrisch-musikalischen Projekt SilbenMusik wollen sie Georg Trakl bis in die Charts bringen – denn es ist Trakl-Jahr und Zeit für gute Gedichte! Eine Hörprobe des Takl-Projektes ("Melancholie") finden Sie hier! Die andere Hörprobe ("Stimme des Nein") entstammt dem SilbenMusik-Programm Zerbrechlich.


Homepage von Martin Beyer
www.hinter-den-tueren.de

und von SilbenMusik

www.silbenmusik.de




Hörprobe 1



Hörprobe 2


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