Blum und Perlmann agieren – das war nicht immer so – auf gleicher Augenhöhe, beide nehmen sich angenehm zurück. Im Büro sorgt Aushilfssekretärin Tanja (Alware Höfels) dafür, dass der Ordnung Leben zuwächst. Dass auch für die anderen Charaktere hinreichend Raum bleibt, bekommt dem Film außerordentlich gut, er stellt uns ein schillerndes Panorama des Lebens ins Bild (Drehbuch: Leo P. Ard, Birgit Grosz): die prekäre Welt einer alleinerziehenden Mutter, die als Beamtin beim Zoll arbeitet (Julia Koschitz als Marie Schreiber), den eher jungmännerhaften Umgang im Eishockeyclub, das vornehme und korrekte Auftreten des Herrn vom Qualitätsmanagement. Und wer nicht wusste, dass es Geldspürhunde gibt, der weiß es jetzt.
Nein, Langeweile kommt nicht auf. Doch man sollte genau hinschauen. Dieser TATORT zieht seine Spannung weniger aus einer aufgesetzten Dramatik, wir sehen keine quietschenden Reifen, entsetzten Gesten, hasserfüllten Mienen, keine Racheschwüre, kein Pistolengeballer usw. Er teilt die Welt nicht in Gut und Böse ein, und, man glaubt es kaum, es tritt nicht ein einziger abgefeimter Schurke auf, kein echter Bösewicht. Sogar ein übel hinterhältiger Schlag mit der Keule bleibt seltsam folgenlos. Einen Geiselnehmer erleben wir als einen Mitmenschen, den eine verhängnisvolle Ereigniskette in die Sackgasse gefahren hat, und das war‘s.
Das Drehbuch bemüht nicht das unentrinnbar Böse, das einen Mord auslöst, sondern zeigt eine Verstrickung in schuldhafte Zusammenhänge, die eine individuelle und vielschichtige Dynamik erzeugt. Der Zuschauer nimmt Anteil an einer gebrochenen Biographie, und mancher erinnert sich gar an die antike Tragödie, ein Fundament europäischer Kultur.
Wird da zu viel hineingelesen in einen Sonntagabend-Krimi? Ich glaube nicht. Der TATORT ist ein ambitioniertes Aushängeschild öffentlich-rechtlichen Fernsehens, er hat großes Renommee über die nationalen Grenzen hinaus und will eindeutig positioniert sein. Mit Argusaugen wird über das Erscheinungsbild gewacht. Es ist ein hohes Niveau, auf dem TATORT sich ansiedelt, und an diesem Anspruch muss man ihn messen.
Ein Wort noch zu Klara Blum. Wir sehen von ihr keine aggressive Geste, kein Aufbrausen, ganz zu schweigen von Hektik oder Aufgeregtheit. Man muss sich den Verzicht auf all das symbolische Larifari zu Gemüte führen, um die schauspielerische Leistung von Eva Mattes zu verstehen. Die Figur ist nicht darauf angewiesen, ihre Autorität hervorzukehren, und ist dennoch jederzeit präsent als eine kompetente, souveräne Kommissarin, die darüber hinaus mit sparsamen, wirksam gesetzten Gesten als einfühlsame, angenehme, humorvolle Persönlichkeit überzeugt.
Foto: © SWR/Peter Hollenbach