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Freitag, 25. Mai 2012 | 14:15

FORUM - Habiter/ Construire (F 2012)

19.02.2012

Sand und Stein

Sand, Staub und Hitze. Aus ihnen besteht die erste der Wohnstätten, die Habiter/ Construire besucht. Vor dem Zeltlager spielen nackte Kinder mit Blechgeschirr. Das Trinkwasser wird in Plastikkanistern aufbewahrt. Ziegen und Kamele traben gemächlich an den Tuchbahnen zum Sonnenschutz vorüber. Eine Gruppe Feldarbeiter schneidet Muskelfleisch von einem Lamm und gart es über dem offenen Feuer. Von LIDA BACH

 

Eine Sprengung erschüttert die starre Lautlosigkeit der Wüste und das traditionelle Lebensgefüge. Als Sezession zwischen dem alten und dem neuen Status quo im Buschland des Tschad steht der Filmtitel, in dessen Worten Habiter/ Construire die Begriffe von Wohnen und Leben, Erbauen und Konstruieren einander überlagern. Die Schneise der Straße, die ein französisches Bauunternehmen hier aus dem Nichts stampft, zieht sich nicht nur durch das glühende Nirgendwo, sondern durch das Leben seiner Bewohner. Als Straßenarbeiter und Baumanager sind sie in Quartieren mit rigoros nach Berufsstellung gestaffeltem Komfort untergebracht. Wohnstruktur, Sozialstruktur und Klassenstruktur werden zu Metaphern füreinander, zu Spiegel- und Kontrastbildern eines unsichtbaren Gesellschaftsgefüges.

 

Andere Stimmen, andere Räume

Ziegelsteinhäuser mit eigener Toilette, Waschbecken und Dusche. fließend Warmwasser, ein Stromgenerator zur Versorgung der Häuser, Gemeinschafts- und Versorgungsräume. Im Aufenthaltsraum gibt es einen Fernseher und einen Billardtisch. Eine Putzkolonne ist dafür verantwortlich, die Gebäude sauber zu halten. Das Essen wird von einem professionellen Team in der Großküche zubereitet. In der Speisekammer lagern Konserven, Milch, Süßigkeiten, Sahne und Trockenprodukte. Ein Lieferwagen bringt regelmäßig frisches Obst und Fisch. Letztes ist rar mitten in der Wüste, erklärt einer der Bewohner der Unterkünfte. In ihrem nach westlichen Erwartungen ausgerichteten Komfort lebt auch Regisseur Clemence Ancelin, dessen stringentes Dokument die künstliche Veränderung einer Sozialarchitektur stenografiert.

 

Einfache Steinhütten mit rudimentärer Einrichtung in einem einzigen Innenraum. Der Lieferwagen hält nicht an ihrem Quartier, keine Putzkräfte reinigen es und niemand bekocht es, aber es gibt Strom und eine Gemeinschaftsküche. »Es ist ein gutes Leben«, sagt der junge Mann, der in einer der Bleiben haust. Hinter dem Maschendrahtzaun leben die Menschen in aus Zweigen und Stroh geflochtenen Hütten. Darinnen eine Strohmatte als Schlafstelle und eine offene Feuerstelle zum Kochen. Kein Wasser, kein Strom. Nur Metallschüsseln und Plastikflaschen in den Ästen der Dornenbäume, um Regenwasser aufzufangen.

 

Die Kartografie eines spezifischen Ortes spiegelt die einer Gesellschaft. Die Arbeiterstadt in der Wüste des Tschad wird zum Miniaturmodel des kommunalen Großraums, wo Segregation zur paradoxen Folge der Klassenverschiebung wird, deren unaufhaltsame Wechselwirkung der Regisseur im Titel definiert.

 

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