Frankie Chavez: Family Tree TATORT (SR) - Skalpell (28.05.2012) Andrea Maria Schenkel: Finsterau David Small: Stiche. Erinnerungen "Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert Kennzeichen T - 28.04.2012
Freitag, 25. Mai 2012 | 14:15

PANORAMA DOKUMENTE - Unter Männern. Schwul in der DDR (D 2011)

19.02.2012

Anders als die anderen

»Ich hatte eigentlich nicht vor mitzumachen«, sagt Christian. »Aber vielleicht hilft es manchen anderen, aus meinem Leben Lehren zu ziehen.« Die meiste Zeit dieses Lebens hat der Sport- und Lateinlehrer sich versteckt. Vor Familie, Kollegen und auch ein bisschen vor sich selbst. Leicht scheint es dem 78-Jährigen nicht zu fallen, vor der Kamera darüber zu sprechen. Aber nun, da er pensioniert und die Zeit eine andere ist, hat er dennoch mitgemacht bei dem dokumentarischen Einblick, den Ringo Rösener und Markus Stein in ein missachtetes Kapitel deutscher Geschichte gewähren. Die mit Humor und jungenhafter Neugier der inhärenten Kontroverse der Thematik trotzende Lebensrückschau der Panorama-Dokumente fragt, wie es damals war Unter Männern – Schwul in der DDR. Von LIDA BACH

 

»Das ging eben nicht, Schwulsein«, resümiert Christian, der »durch die Schule gelernt hatte, mich nicht aktiv werden zu lassen.« Mit jemandem über darüber zu sprechen, stand außer Frage, nachdem sein Vater einmal forderte, »die« müsse man abknallen. Die Nazi-Zeit war vorüber, die des verschärften Paragraf 175 nicht. Das faschistische Gedankengut gärte weiter, übertüncht von einem neuen Anstrich. Jürgen Wittdorf lackierte ihn als Jugendlicher selbst auf die Trommeln der HJ, damit zu ihnen in der FDJ marschiert werden konnte. Privat malte der Grafiker und Zeichner anderes: Bilder von Arbeitern und Akte, für die ihm Gleichaltrige Modell standen. Männer mochte er lieber als Frauen, aber das sei ihm nicht bewusst gewesen: »Ich hatte ja auch Frauen. Hatten wir alle.«

 

»Ich wollte gesellschaftskonformer werden.«

Die Angst habe in ihm drin gesteckt, erzählt Christian: »Auch als der Paragraf dann gestrichen wurde, sind Reste davon geblieben.« Diese nachhaltige Verunsicherung lässt eine herbere Realität erahnen als die nachsichtige Verklemmtheit gegenüber denen, die »schwul in der DDR« waren. Naiv sei er gewesen, urteilt Christian in Rückschau: »Naivität ist eine große Macht.« Von ihr scheint auch Rösener nicht frei, wenn er bei seinen sechs Protagonisten, sei es Ostdeutschlands schrillster Friseur Frank Schäfer oder der in der Thüringer Provinz aufgewachsene John Zinner nachfragt. Eine drückendere Stimmung als die humorvolle Unbekümmertheit, mit der Rösener nachforscht wie ein Leben »Unter Männern« und unter dem Sozialismus im Alltag aussah. Von Entsetzen berichtet Wittdorf und der quälenden Frage, warum ausgerechnet er nicht wie die anderen sein konnte. »Für was Besonderes hält sich jeder junge Mann. Aber doch nicht so!«

 

In der DDR habe es nur das gegeben, was Partei und Staat wollten, benennt der ostdeutsche Schwulen-Pfarrer Eddy Stapel den Zusammenhang von Negation und Diskriminierung: »Was es nicht gab, das wurde auch nicht gewollt.« Diese deprimierende Erkenntnis spricht auch aus Christians Einschätzung ostdeutscher Toleranzgrenzen. Man hätte froh sein müssen, überhaupt ein schwules Leben zu haben. »Gleich solche Forderungen zu stellen wie öffentliche Anerkennung, das wären 10 Schritte zu viel gewesen«. Das Gefühl, sich zu weit vorgewagt zu haben, scheint ihn weiter zu verfolgen, wenn er gesteht, dass ihm »das irgendwie immer noch peinlich« sei. Die fortdauernde Scham zu der lustvollen Travestie Zinners als Glasprinzessin in ebenso unergründetem Kontrast wie zu Selbstinszenierung Frank Schäfers, der eine ganz andere Schreckensvision als Nonkonformität hat: »Stell dir vor, du wachst auf und bist nicht schwul. Zum Glück passiert das nicht!«

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

Unser Lieblingssufi live!!

06.06. Aachen, Musikbunker
07.06. Hannover, Musiktheater Bad
19.06. Hamburg, Uebel & Gefährlich
20.06. Berlin, Gretchen
21.06. Leipzig, UT Connewitz
22.06. ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...

Sorry wegen dem Auge

Das ist ein TATORT, der gut gefallen kann. Mag sein, es kommt zum Ende hin ein bisschen dicke. Aber wie man’s nimmt. »Wir freuen uns, in der Reihe Tatort am Pfingstmontag mit ...

»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«

Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...

Licht wo zu viel Schatten lag

Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...

Elektronische Findlinge

Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...