»Ich wollte gesellschaftskonformer werden.«
Die Angst habe in ihm drin gesteckt, erzählt Christian: »Auch als der Paragraf dann gestrichen wurde, sind Reste davon geblieben.« Diese nachhaltige Verunsicherung lässt eine herbere Realität erahnen als die nachsichtige Verklemmtheit gegenüber denen, die »schwul in der DDR« waren. Naiv sei er gewesen, urteilt Christian in Rückschau: »Naivität ist eine große Macht.« Von ihr scheint auch Rösener nicht frei, wenn er bei seinen sechs Protagonisten, sei es Ostdeutschlands schrillster Friseur Frank Schäfer oder der in der Thüringer Provinz aufgewachsene John Zinner nachfragt. Eine drückendere Stimmung als die humorvolle Unbekümmertheit, mit der Rösener nachforscht wie ein Leben »Unter Männern« und unter dem Sozialismus im Alltag aussah. Von Entsetzen berichtet Wittdorf und der quälenden Frage, warum ausgerechnet er nicht wie die anderen sein konnte. »Für was Besonderes hält sich jeder junge Mann. Aber doch nicht so!«
In der DDR habe es nur das gegeben, was Partei und Staat wollten, benennt der ostdeutsche Schwulen-Pfarrer Eddy Stapel den Zusammenhang von Negation und Diskriminierung: »Was es nicht gab, das wurde auch nicht gewollt.« Diese deprimierende Erkenntnis spricht auch aus Christians Einschätzung ostdeutscher Toleranzgrenzen. Man hätte froh sein müssen, überhaupt ein schwules Leben zu haben. »Gleich solche Forderungen zu stellen wie öffentliche Anerkennung, das wären 10 Schritte zu viel gewesen«. Das Gefühl, sich zu weit vorgewagt zu haben, scheint ihn weiter zu verfolgen, wenn er gesteht, dass ihm »das irgendwie immer noch peinlich« sei. Die fortdauernde Scham zu der lustvollen Travestie Zinners als Glasprinzessin in ebenso unergründetem Kontrast wie zu Selbstinszenierung Frank Schäfers, der eine ganz andere Schreckensvision als Nonkonformität hat: »Stell dir vor, du wachst auf und bist nicht schwul. Zum Glück passiert das nicht!«