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Freitag, 25. Mai 2012 | 14:15

FORUM SPEZIAL - The Connection (USA 1961)

19.02.2012

Waiting for the Man

»Ich bin keiner dieser Junkie-Penner, klar?«, sagt Leach (Warren Finnerty), als er vor die Kamera tritt. »Schaut euch mein Appartement an. Es ist sauber – abgesehen von diesen widerlichen Typen.« Diese sind Sam (Jim Anderson), Ernie (Garry Goodrow), Solly (Jerome Rapahel), Harry (Henry Proach) und die vier Musiker der Jazz Band. Sie lungern in der schäbigen Unterkunft herum und warten auf den Cowboy. Der Cowboy ist The Connection, Titelfigur des brillanten Beatnik-B-Movies, das Shirley Clarke im Rausch der Mainstream-Drogen »Medien« heraufbeschwört, Antiheld des doppelbödigen Cinema Faux Verité und Messias der Junkie-Protagonisten. Von LIDA BACH

 

»I believe that anything that is illegal, is illegal to make more money for more people that way.«

Sie warten auf den nächsten Schuss. »Einen Schuss, um sich zu erinnern, einen Schuss, um zu vergessen, einen Schuss, um traurig zu sein, einen Schuss, um fröhlich zu sei, einen Schuss um – zu sein«, erklärt Solly in einem der Monologe, die vom glühenden Jazz der satirischen Fake-Doku unterbrochen werden oder Unterbrechungen der Musiknummern des bahnbrechenden Jazzmusicals sind. Das Recht, ihre Demaskierung des Pop-Voyeurismus im Kino zu zeigen, musste die Filmkünstlerin vor Gericht verteidigen. Der filmische Triumph über die Zensur ist zugleich einer der postmodernen Filmanalyse von Exploitation und Elendspornografie.

 

»Wach auf, du bist im Kino, Baby!« Nicht im Zuschauersaal, in den die Improvisationsdarsteller den Großteil ihrer Reden richten, sondern in einem Schauspielfilm. Die echten Junkies sind Schauspieler, die spielen, dass sie echte Junkies sind, die in einem Dokumentarfilm mitspielen, der echte Junkies zeigt. »Verhaltet euch ganz natürlich. Ich hab kein Interesse, einen Hollywood-Film zu machen«, fordert Mr. Dunn (William Redfield), der den Cowboy bezahlt hat, damit seine Protagonisten einen Grund zum Mitwirken haben und die Bilder authentisch sind. »Wir werden einen erstklassigen Film drehen. Ihr werdet ekstatisch sein!« Aber ekstatisch macht die zwischen Apathie, Nervosität und Gereiztheit driftenden Charaktere nur der Gedanke an den Stoff, den The Connection liefert.

 

»We´re all stars now - in the Dope Show« (Marilyn Manson)

»He´s never early, he´s always late. First thing you learn is that you always gotta wait.« Und die Kamera sieht den Süchtigen dabei zu. Lass sie einfach laufen, kann nicht schaden, sagt Dunn, der unwillkürlich zum Protagonisten in seiner selbst gewählten Realitätskulisse wird. Die filmische Modalität von Subtext, Metatext und Hypertext sprengt den Rahmen des Theaters, für das Jack Gelbert The Connection als Bühnenstück verfasste. Clarkes quintessentielle Metastudie erodiert die Grenzen zwischen Fiktion und dokumentarischer Authentizität, die sich in dem Moment aufzulösen beginnt, in dem die Kamera losläuft. »Aus einer Hand, die gefilmt wird, wird mehr als eine Hand«, versucht Solly vergeblich Dunn zu erklären, der nicht begreifen kann, dass er den angestrebten Realismus zerstört, indem er ihn zu konstruieren versucht.

 

»Keine Angst, Mr. Dunn. Es ist nur ihr Film. Es ist nicht wirklich. Ich meine, nicht ›wirklich‹ wirklich.« Die Kondition von Zuschauerschaft und Show macht das Reale zum Künstlichen, selbst wenn es nicht gestellt, sondern ausgestellt ist. »Kommt alle her; der Zirkus ist da!« Der Film im Film ist die Hauptattraktion, das monströseste Schauobjekt einer universellen Freakshow. Deren Wiederaufführung auf der BERLINALE im FORUM SPEZIAL besitzt die Kraft, nicht nur den Blick auf die übrigen Festivalfilme, sondern das Kino selbst nachhaltig zu verändern.

 

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