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Freitag, 25. Mai 2012 | 14:15

WETTBEWERB - Just the Wind (Ungarn / D / FR 2012)

17.02.2012

Was der Wind erzählt

Geige und Wind beginnen den milden Sommertag, an dem Rio durch den Wald zieht, und mit ihnen liegt noch etwas anderes in der Luft: Furcht. »Mitten in finsterer Nacht haben sie deinen Vater getötet, sein Grab haben sie versteckt, sein Herz ist unter Stein begraben. Lauf, Junge, lauf ...«, singen die Musiker auf der Beerdigung, zu der er nicht hinübersehen möchte. Nun sind es fünf. Fünf Familien, die ermordet wurden, alle, auch die Kinder. Rio (Layos Sarkani) läuft. Nicht zur Schule wie seine Schwester Anna (Gyöngyi Lendvai), sondern tiefer ins Dickicht zu der verlassenen Hütte. »Ein Geheimversteck«, erzählt er seiner Mutter Mari (Katalin Toldi). Von LIDA BACH

 

»Hart arbeitende Zigeuner«, sagt der Polizeibeamte zu seinem jüngeren Kollegen und nimmt eine Handvoll Pistazien von einer Anrichte am Tatort. Das war dumm von den Tätern, Zigeuner zu ermorden, die ein Waschbecken haben und deren Kinder zur Schule gehen. »Es hätte besser gemacht werden können.« Jetzt sieht es wie ein verdammtes Hass-Verbrechen aus, und die ganze Botschaft kommt nicht mehr rüber. Der andere habe keine Ahnung von diesen Leuten, aber er, er kennt sie alle. Er wisse, wer die Richtigen gewesen wären, den die Täter, nach denen sie fahnden, stattdessen hätten umbringen sollen. Die schlechten Zigeuner in der heruntergekommenen Roma-Siedlung am Rande des ungarischen Ortes. Diejenigen, die schmutzig sind und stehlen.

 

Kalter Hauch der Angst

Es stinke, behauptet der schmierige Vorgesetzte der kleinen Schule, in der Mari als Putzfrau arbeitet. »Es stinkt nach Tod.« Seine schwitzende Hand dreht den Tischventilator so, dass er direkt in das Gesicht bläst, das zu einer Maske aus stummem Zorn und verdrängter Angst gefroren ist. Jemand habe einen Monitor gestohlen, sagt der Lehrer provokativ zu Anna und rückt ihr noch dichter auf den Leib. »Einen Monitor und acht Mousepads am helllichten Tag.« Die anderen Verbrechen interessieren die Außenstehenden nicht. Sie treffen sie nicht, weder affektiv noch praktisch. Die Täter kommen nicht am Tag, wie Gesindel und Diebe, die immer Zigeuner sind, sie kommen nachts, wenn Mari, ihre beiden Kinder und der geschwächte Großvater (György Toldi) schlafen.

 

»Das ist nur der Wind«, flüstert Mari, als Rio draußen in der Dunkelheit etwas hört, bevor er die Augen schließt. Just the Wind flüstert der Titel von Bence Fliegaufs filmischem Prisma eines ungreifbaren Schreckens, der das verstörende Drama in einer Atmosphäre schleichenden Grauens überschattet. Der herausragende Wettbewerbsbeitrag, der den goldenen Bären wohl mehr als jeder andere verdient, entfaltet einen Sog der Angst, dass die von den Laiendarstellern mit beklemmender Eindringlichkeit verkörperten Charakteren und den Zuschauer in einen von kollektivem Hass und Brutalität bestimmte Parallelrealität zieht. Präzise Dramaturgie, instinktive Kameraführung und das erstickende Gefühl der Wahrhaftigkeit – sowohl der auf einer realen Mordserie an Roma basierenden Handlung als auch deren emotionale Wahrhaftigkeit – beherrschen Just the Wind den Sturz in eine Angstspirale aus Vorurteilen, Diskriminierung und Elend.

 

Schon letzte Nacht hatte Anna vor den abgedeckten Fenstern ein quietschendes Geräusch erschreckt. Es sei nur das Ferkel der ermordeten Familie, das noch in der Gegend herumstreune, sagt Anna auf dem Schulweg von einem der jungen Männer aus der Roma-Siedlung, die Schutzpatrouillen gebildet haben. Aber das Ferkel hat Rio tot im Unterholz gefunden und begraben, in einem Ersatzritual, aus dem der missachtete Schmerz der ausgegrenzten Gemeinde schreit. Bald werden es sechs tote Familien sein.

 

»J'emmène au creux de mon ombre

Des poussières de toi

Le vent les portera

Tout disparaîtra mais

Le vent nous portera ...«

(Noir Desire)

 

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