Wir, singende Schatten zuletztWir, singende Schatten zuletzt
und droben, in gähnender Grube,
zerschlissen von himmlischer Gunst,
spielt Daniel vor des Löwens Thron
sich Zahn um Zahn. Scheherezade
küßte einst die Muse zwillingsfarben,
auf dass den Tod sie meistre im Salon
verschwimmender Blutrunst. Verbannt
auf Backenzähnen, erdenschlündig, sitzt
finsterster Rache auf das Alphabet.
Auferstanden heißt sich zwingen
unters Wort, heißt Verschlossnem
ein Gesicht zu lesen. Kerkersässig darf,
was uns der Atem holt, nicht bleiben.
Ist zur Zwingburg erst das Blut
erbaut, wechselt Sturm die Schlösser
unsrer Träume, kettenrasselnd reißt
des Schlafes Lenden auf der Moloch
in sich selbst gesperrten Wörtertiers.
Fielen wir, gerichtet das Gesicht zu Fall.
Die eigne Sprache gilt's zu übersetzen neu,
jedem Sprechen stirbt ein Erstgesetztes
an die Brust mit firngeschürzter Schwinge,
Sonnenrad im Ärmel längster Nacht, ewiger
Brautschau nachempfundnes Vogelbad.
Wir, nun, als Stunde der Entscheidung,
wir kehren, den Arm zuunterst, um. Wer,
wenn nicht wir schuf das Schweigen ins Eisen,
wo ein Standuhrengel uns Zwiefache schlug
mit fächernd gefällter, äugzwistig
nachstellender Liebe.
BastardUmlappt von Seelenschmuggel,
mündigenseits entflammt,
steht in den Nesterfalten
tropisches Frauengesicht.
Ein Steigbügel der Engel
das achsscheue Herz,
widerscheinringend,
fahrtenbriefblau.
In einer Kutschengruft aus Jade
Dante Alighieris singender Kopf
hoch in der Wissensschlinge
der Nilgott schläft am Bock.
Schlaf wie gemalt ein Wasserfall,
die Väter durchstiegen ihn,
als hielten Vögel sie auf den Knien,
im steingartenschwebendem Gebein.
In heiterem Verließ: die Meißelzungen,
japanischroter Sonne Setzlinge,
pirschen sich, dem Buttermesser nach,
durch den früh verstückelten Tag.
Unter einer Kapuze aus Stundenglassand
amputiert ein verkatzelter Kerkerling,
einen Strauß Manschetten vom Liebesstock,
die verkettete Rose im Schoß.
Unterirdischen Schnee wird es geben
und die Ratten werden Piranesis Bilder,
pechfiepende Tuschfratzen, verlassen.
Die Schlingen werden strichfein sein.
Die Wurzel des Lichts wird uns heimsuchen,
und unser Irrtum wird ein Schwamm sein,
voll der Kerkerfeuchte unseres Angesichts,
Untote seit alters her, ohrenverschmaust,
Wächst uns Gewähr aus gefiederter Welt,
so wir verschwinden gewaschenen Herzens,
aus labyrinthischer Beuge ein Stein
ausfällt der Flügel zur Blüte gekehrt
Ewiger Ahnung.
CredoJedes Wissen ist bereits Gegenzauber,
Span für Span abgesprengt dem Magnetberg
älteren Ahnens, auf Wahrscheinlichkeit poliert,
Gesetze spiegelnd von jenseits der Fetischblüte.
Als ob es keine Leben koste, herrschen Resultate,
zwangsläufige Knospen einer verhängnisvollen Ordnung,
dergemäß tatsächlich existierende Verhältnisse mittels
formatierender Beschreibung auf den Tod verkannt
Werden. Sein müssen. Als ob eine Hypothese erst dann
als überzeugend gilt, sobald durch sie Gefahr des Totschlags
droht. Als schmückten rosa Rüschchen des Utilitarismus
einen kosmischen Würgegriff, verfluchten Galgenstrick.
Ist etwas ursprünglicher, kompromittierbarer etwas
als des Menschen Bedürfnis. Die Götter strafen mit Verblendung,
wem Erkenntnis menschgewordnes Urteil ward. Es teilt ein Schwert
die Reiche, wer diese Grenze sucht, kommt streitgespalten um.
Hier, nur hier wächst die Blume der Apoplektiker, animistischer
Dornball in den Dünen hinab ans sandstrahlige Ufer der Lethe,
der ein Schmerzen bewundernder, ewigem Kratermund entkreuchender Boreas,
dem Ursprung beiständiger Eishauch, somazerschmetternd entgeilt.
Allvergessen lagern hier Tote, verheddert in ominöser Nebelschlacht,
aus dem mauernden Spiegel des Flusses ertönt's, als feiere man
in den Bäuchen gespenstischer Fluten eine gigantische Bostoner Tea Party,
nur wirft man dort, in leichtes Balsamholz geschlagen, Seelen über Bord.
Uns, Tagesfristverseuchte, kratzt der Schnabel solcher Träume kaum.
Splitternackt im Glauben mausern wir uns zu verrückter Gegenwart
schlägt aus den Schultern längst das Feuer uns verhuftes Leid,
da der Heumond lenkt sein apokalyptisches Streitross ins Herz.
Durch dessen Nadelör die Welt geht, liebt Emilia ein Schneiderlein.
Die Beine überkreuz, saß der auf seinem Tisch, Tabu aus Zeit.
Und nähte Nähe, geistersatte Nähe in ein Wams aus Tränen ein.
Aus seiner Lampe trat das Archentier und füllte stumm den Raum.
Der hinter den Spiegeln saß und nähte, den liebte die Emilia.
Wie strenggescheitelt saß er da und nähte Los zu Zauber.
Die Beine überkreuz, so führte er die Nadel kühnen Schwungs
und mit Respekt kniefälligem Gespenst ins kehlbekränzte Herz.
Als eine Landschaft jenseits allem Gegenzaubers flog Emilia ihn an.
MaisonneDie Maisonne, unnachsichtig zwischen Tür und Angel,
hat auf den Schultern Häute, die sie zu Markte trägt
und Schlaf, frisch gekämmten, zopfig um die Hüfte gebunden
das Jüngste ins Älteste vergarnt, bis hoch ins Angesicht -
"ich sehe, du schreibst, lass dich nicht stören!"
Von den Distanzierungen, die gleich Vogelrufen plötzlich
das Herz lässlich erquickend das Herz dringlich erinnern,
als stürbe nebenan ein Gedicht, das nicht fertig wurde,
ein überjähriges, faulig, gliederstarr atmet es zeilauf -
"ich sehe, du schreibst, lass dich nicht stören!"
Aus einem gefühlig möblierten Winkel des Herzens atmet es
und dort gesellen sich bekannte Gestalten unter niederem Türsturz
im Gespräch. Und auf einmal platzt uns allen ein GESICHT auf,
puterrot und mit granatapfelkerngroßen, eifernden Äuglein gespickt
"ich sehe, du schreibst, lass dich nicht stören!"
Und eine beängstigende Stille, zur schiefen Ebene geglättet,
ragt zu unsren Füßen, und wir vollkommen nackt wie vom Schmerz
geöffnete Türen, und diese gigantische Pfeilspitze richtet uns,
anstandslos, als wär sie ein aus finsterer Gier geschnitzter Magnet.
"ich sehe, du schreibst, lass dich nicht stören!"
Und mit einem Schlag ist alles geoffenbart, nur nicht fertiggeworden,
stolpert halbfertig herum, rohstellig, mit blutentsproßnem Werg,
und Einsamkeit bläst Scheiter durchs Herz, das, stürzende Lampe,
sich wandelt zu einer Mitra aus Staub, während Wände wandern -
"ich sehe, du schreibst, lass dich nicht stören!"
Und alle sind freigegeben ins Karussellieren, vergattert im Fleisch
mit einem sternäugigen Gefährten, der sie löscht und zündet,
tierköpfige Götter verheeren sie, die im Schwan stehn, die,
Geträumte unterm Manegenhimmel, auf brennender Leiter dahinfahrn-
"ich sehe, du schreibst, lass dich nicht stören!"
In einem Schlaf aus kaum verrückbarer Ohnmacht gefangen man selbst,
abgehalftert, halbschaff, anatmend noch Jahr- über Jahresstete,
verschwistert im Sternaug, verangelt in einem Wimpernhagelschlag,
der Einstiegs- wie Ausstiegswinkel ist dem efeuarmigen Sternfahrer-
"ich sehe, du schreibst, lass dich nicht stören!"
Einmal im Jahr nun ist dieses Gesicht da wie eine Tür, ein Gefährt,
in das ich einsteigend aussteige, das mich, es unerlöst durchspringend,
nicht mitnimmt, so dass in rasender Fahrt mein Herzrasen verzittert
unter Bäumen, die, olivenäugige Zeugen, mich in Laubspiegeln wässern-
"ich sehe, du schreibst, lass dich nicht stören!"
Durch all die Überfälle halber Verwandlung eine Wolkenmütze errungen
haste ich durch einen wehrhaften Wald, aus dem der Schnitzer
seine brüllenden Rohlinge liest, wählerisch gebläht argt
sein niedersausendes Aug über den waidwunden Wipfeln und sucht-
"ich sehe, du schreibst, lass dich nicht stören!"
Unversehens wohnt mir ein Hinken bei, und Taubheit beert im Gebüsch,
Blindheiten hängen, wetterdurchfurchte Scheumasken, an Stämmen armhoch,
und das Gedächtnis jagt im Eichhorndrill, moosiges Ungeschick
kriecht die Beine empor und die Tauschleuder kost mir die Wange-
"ich sehe, du schreibst, lass dich nicht stören!"
Dann kommen die Tiere, aus den Schatten hervor treten sie
und begrenzen stumm die Lichtung, die dir dein Atem ließ,
worauf warten sie, die dich gleich Gläubigern umstehn?
Was weiß dein Herz, nach dem die Blutschar greift?
"ich sehe, du schreibst, lass dich nicht stören!"
Dann, direkt über der Lichtung, du denkst, dein größter Feind,
die Maisonne. Doch ist, was dir den Rücken durchkreischt,
deine ureigene, an die Ewigkeit gemahnende Flucht.
Und ein schlafender Riese denkt das Gras zu deinen Füßen.
"ich sehe, du schreibst, lass dich nicht stören!"
Und die Maisonne ist deine dir unerkannte treue Seele.
Die Häute auf ihren Schultern, du selbst erjagtest sie, es sind deine Gedichte.
Der mächtige Zopf zu ihren Hüften ist deine flußwärtige Nabelschnur.
Du fürchtest das Meer, und doch speist es deine Augen.
"ich sehe, du schreibst, lass dich nicht stören!"
Die Strahlen der Sonne im Mai sind Stiegen Erinnerter,
es sind Tode die Tore zur atmenden Welt.

Peter Georg Fritz, geb. 1965, Autodidakt, lebt, schreibt und zeichnet in Bamberg.