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Freitag, 25. Mai 2012 | 14:16

Klaus Roth: 4 Gedichte

24.11.2005

Schon erstaunlich, wie einfach Lyrik sein kann. Wie selbstverständlich tritt sie in uns und waltet wie ein guter Geist. Ganz leicht, beinahe abdrucklos tippt sie die Dinge an, die uns so lang bekannt sind. Und dann geschieht, was geschehen soll - der Aufstieg der Urgesichte... (Die Redaktion)

 



im phosphorlicht

wir blättern
im großen atlas der nacht
und zählen von hundert rückwärts
jenseits von null
legen wir unsere fiktiven
identitäten ab
und überqueren mutig
die grenze zu den träumen


unsere täglichen verirrungen

mitten in der niemandszeit
traf verspätete neujahrspost ein
die zunge stolperte über die namen
der unbekannten absender
in den umschlägen steckten
verwackelte schnappschüsse
auf denen wir uns selbst
nicht mehr erkannten


lebensstil

tagsüber schreiben wir
alle alphabete in spiegelschrift
und nachts schlafen wir bei den wölfen
alles andere
unterliegt unserer poetischen schweigepflicht


hotel

wir nahmen ein zimmer mit blick auf das meer
und ohne frühstück
auf dem fußboden lag ein ausgelesener kriminalroman
der tathergang war leicht zu rekonstruieren
uns faszinierte die skurrile leere zwischen den zeilen
am abend saß ein vogel unbekannter herkunft
auf dem fensterbrett
und gab uns antworten
auf fragen die wir nie gestellt hatten


Klaus Roth, geb. 1957, lebt in München als Übersetzer, bildender Künstler und Autor.

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Reiß mir bitte reiß mir doch

in meinen Etat ein Loch

stopf zwei drei deiner Sorgen rein

und bald wird wieder Frühling sein

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