(Ohne Titel)
Drahtamseln zwitschern
zwischen den Kontinenten
Sie halten Luftschlangen abgezählt
in der Hand
Nur die schönsten Wahrheiten
werden so dahin gesagt
(Nach dem zweiten Weltkrieg bezeichneten sich Telefonistinnen, die Verbindungen per Hand herstellten, selbst als "Drahtamseln")
Gondoletta
Reifenspuren, von Pfützen
unterbrochen, drüben im abgelassenen See
Erinnerst du dich vorbei
an die Gondolettas im Winterdepot:
Dieses Hochglanzmagazin Kindheit
als sei's der Eishauch
in den die Enten
einbrechen mit Konsonantengestöber
in den Schlick aus Ahornblättern
eine döst auf dem Drahtseil
dem sie im Sommer folgt
April April
Der Frühling verteilt Lachnummern
die Saatkrähen sind da
hacken Augen aus wie immer
närrisch vor lauter Licht
bis zum Abwinken wegscheuchen
fort in diesem Monat
stirbt gefälligst
keiner nevermore
(Ohne Titel)In welchem Stockwerk wohnten wir
(notierte das schon jemand)
wuchsen Kinder schnell wie Wolken
Vor welcher Tür klopften wir die Schuhe aus
(zwischen den Zeilen lag noch Schnee)
Wer hier einzog, schrieb seinen
Namen nicht selbst aufs Schild
Rastplatz, Anfang März
Du sitzt auf deinen Händen,
nordseitig liegt noch Schnee.
Ein Mann wirft licht-
empfindlich seinen Schatten
aufs Laub und glaubt
der Winter sei vorbei.
Gehen wir ins Gasthaus
hinterm Zaun, fragst du,
wir kommen von weit her
der Sommer gilt noch
vom vergangenen Jahr.
Matthias Kehle,
geboren 1967 in Karlsruhe. Freier Schriftsteller, Journalist und Kritiker. Studium der Germanistik und Soziologie. Zahlreiche belletristische Veröffentlichungen. Zuletzt: „Farben wie Münzen“ und „Vorübergehende Nähe“ (Rimbaud-Verlag, Aachen)
(c) Foto: Peter Bastian