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Freitag, 25. Mai 2012 | 14:16

Matthias Kehle: Fünf Gedichte

19.06.2006

So leicht gedichtet – das muss gut sein! Ja, es ist schon eine Kunst, die Worte derart sicher zu setzen, wie es Matthias Kehle hier tut. So sicher, dass eine leise, ganz eigene Melodik entsteht, die sich nie über das auszuwachsen sucht, was sie ureigentlich ist. Einzelne Fundstücke wie „Konsonantengestöber“ setzen in den Kleinkompositionen dann unvermittelt eine breite Coda. Lassen Sie sich beim Lesen ruhig einmal mittreiben von dieser subtilen Rhythmik, die dem Vokalgewoge den Takt vorgibt...

(Die Redaktion)

 


 

(Ohne Titel)

Drahtamseln zwitschern
zwischen den Kontinenten

Sie halten Luftschlangen abgezählt
in der Hand

Nur die schönsten Wahrheiten
werden so dahin gesagt


(Nach dem zweiten Weltkrieg bezeichneten sich Telefonistinnen, die Verbindungen per Hand herstellten, selbst als "Drahtamseln")




Gondoletta

Reifenspuren, von Pfützen
unterbrochen, drüben im abgelassenen See

Erinnerst du dich vorbei
an die Gondolettas im Winterdepot:

Dieses Hochglanzmagazin Kindheit
als sei's der Eishauch

in den die Enten
einbrechen mit Konsonantengestöber

in den Schlick aus Ahornblättern
eine döst auf dem Drahtseil

dem sie im Sommer folgt




April April

Der Frühling verteilt Lachnummern
die Saatkrähen sind da

hacken Augen aus wie immer
närrisch vor lauter Licht

bis zum Abwinken wegscheuchen
fort in diesem Monat

stirbt gefälligst
keiner nevermore




(Ohne Titel)


In welchem Stockwerk wohnten wir
(notierte das schon jemand)
wuchsen Kinder schnell wie Wolken

Vor welcher Tür klopften wir die Schuhe aus
(zwischen den Zeilen lag noch Schnee)

Wer hier einzog, schrieb seinen
Namen nicht selbst aufs Schild




Rastplatz, Anfang März

Du sitzt auf deinen Händen,
nordseitig liegt noch Schnee.

Ein Mann wirft licht-
empfindlich seinen Schatten

aufs Laub und glaubt
der Winter sei vorbei.

Gehen wir ins Gasthaus
hinterm Zaun, fragst du,

wir kommen von weit her
der Sommer gilt noch

vom vergangenen Jahr.



 
Matthias Kehle,

geboren 1967 in Karlsruhe. Freier Schriftsteller, Journalist und Kritiker. Studium der Germanistik und Soziologie. Zahlreiche belletristische Veröffentlichungen. Zuletzt: „Farben wie Münzen“ und „Vorübergehende Nähe“ (Rimbaud-Verlag, Aachen)



(c) Foto: Peter Bastian

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Reiß mir bitte reiß mir doch

in meinen Etat ein Loch

stopf zwei drei deiner Sorgen rein

und bald wird wieder Frühling sein

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