Heute ist das anders: Schon fünf vor Eins warten besorgte Muttis – korrekt: und Vatis – vor den Schulhoftoren in ihren geputzten Minis – und den auf Hochglanz polierten Limousinen – auf ihre Sprösslinge. Denn der Tag ist heute durchgeplant: ein schneller Snack im Wagen, sogleich zum Kieferklempner – das perfekte Lächeln kommt auf Rezept – später zur Nachhilfe, schließlich zur Tanzstunde. Für Sperenzchen bleibt keine Zeit mehr. Aufschieben gibts nicht.
Nun haben Medien-Fachleute und Pädagogen aus Amerika jedoch erkannt, dass auch heute noch fleißig aufgeschoben wird. Aber natürlich ganz anders! Und für dieses Phänomen haben sie ein neues Fachwort kreiert: »Prokrastination« vom Englischen »procrastinate«. In Fachkreisen das neue Modewort – vielleicht bald Unwort des Jahres? Doch auch dieses Wort ist durchaus alt und ehrwürdig. Baten nicht schon die alten Lateiner bei Zahlungsvorgängen oder drohenden Hinrichtungen um »procrastinatio«, um Aufschub und Vertagung.
Doch im Medienzeitalter wird mit Prokrastination ein völlig neuer Zustand beschrieben: das Verdaddeln der Zeit vor dem Bildschirm. Das entspricht dem modernen Alltag: Schüler schieben schulische Pflichten vor sich her und vermeiden anstrengendes Lernen. Die Leistungen sinken logischerweise. Damit wird Schule noch unangenehmer. Die endgültige Flucht in Virtualität der einzig mögliche Ausweg. Das ist der Beginn eines klassischen circuli vitiosi, des berühmt berüchtigten Teufelskreis. Die Konsequenz für den Schüler: Rücktritt! In die untere Jahrgangsstufe! Durchgefallen!
Genau dieses Zurücktreten oder Wiederholen wollen Schulpolitiker und Kultusbeamte aber jetzt deutschlandweit abschaffen, wenn sie es nicht bereits abgeschafft haben. Und sie wissen wohl, wovon sie reden. Politiker oder gar Bundespräsidenten kennen den Zusammenhang besonders – und nicht nur aus antiken Zeiten. Galt nicht bereits bei Platon Aufschieben und Aussitzen als erste Politikerpflicht? Was wäre auch, wenn die Exekutive immer auf der Stelle reagiere? Politiker sind schließlich keine Feuerwehr – und sogar diese handelt bisweilen nach dem berühmten »Sankt Florians«-Prinzip.
Also doch warten, bis es auch beim Nachbarn brennt – in Griechenland ist ja nicht nur der Wald gefährdet! Und darauf hoffen, dass die Bundesbürger vergessen. Nachtragend war der deutsche Michel ja noch nie! Wozu also die Eile? Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht ...! So ernst braucht man es schließlich mit dem Sprichwort der Alten nun doch nicht zu nehmen! Also Ruhe bewahren! Vielleicht ist alles nur Prokrastination! Und der Rücktritt? Vielleicht ja doch nur aufgeschoben?