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Freitag, 25. Mai 2012 | 14:17

Eine Deutschemichelnachtzipfelzubettgehtirade

01.02.2012

Helden fürs Geld

THOR KUNKEL rät im Endlos-Fall Wulff zu einer Rosskur und erklärt, warum ein Stöpselgroschen den Pluralis Majestatis ergänzt.

 

Der wesenlose Blick Richard von Weizsäckers anlässlich Wulffs Festrede zu Ehren Friedrichs des Großen dürfte für viele Beobachter Bände gesprochen haben. Die taschenspielerische Handhabung von Politik in einer mafiösen Gesellschaftsstruktur, die anrüchigen Akkommodierungsprozesse - das alles steht im krassen Widerspruch zu einem ideell ausgerichteten Amt, das die gern verleugnete deutsche Autoritätssehnsucht nach einem Kaiser repräsentiert, doch für keinen Berufspolitiker mehr auszufüllen wäre. Was soll das überhaupt sein - eine »höchste moralische Instanz«? Wo bitteschön wird die noch in einem verwilderten Park industrieller und wirtschaftlicher Interessen benötigt? In der Eurozone? Wulffs Nehmerqualitäten würden an anderer Stelle - zum Beispiel im Bundesumweltministerium - dringend gebraucht.

 

Ein die hard wie Wulff wird Schloss Bellevue natürlich nicht freiwillig räumen. Und die Presse wird ihr Kesseltreiben auf den Demontierten fortsetzen, wobei auffällt, dass es an scharfer verbaler Munition zunehmend fehlt; seit einer Woche wird nur mehr mit Platzpatronen geschossen. Selbst den scharfsinnigsten Journalisten fehlt es offensichtlich an Idiomen, all die bizarren Arten des Eintütens zu umschreiben, denen sich Wulff vielleicht, - sicher aber sein ehemaliger Generalfeldschnulli Olaf Glaeseker -, bedienten. Begriffe wie »Sonderkonten« und »anonyme Spenden«, die unter Helmut Kohl und Roland Koch ausreichten, um den Argwohn im Volk zu zerstreuen, greifen zu kurz. Es geht vielmehr um »kostenlose Überlassungen« und »Promi-Rabatte«, die einem von wohlmeinenden, aber entfernten Freunden quasi untergejubelt wurden.

 

Summa summarum ergibt sich aus den Fakten eine grandiose länderkundliche Einführung in die Nischen der neudeutschen Pornokratie. Auch die hinter Wulff stehende Regierung ist an der wohl wichtigsten Frage unserer Zeit kläglich gescheitert - der Frage wie die Wahrheit wieder eingeführt werden kann, in das allgemeine Bewusstsein, für das sie gegenwärtig etwas völlig Fremdes, fast schon Unverständliches bleibt. Die bislang aufgedeckten Partizipationen der Hannover-Connection um Wulff gleichen in ihren Verästelungen den Rhizomen einer unterirdisch lebenden Nachtschattenpflanze namens Koitus corruptus … Wie oft ging in Niedersachen die Politik mit der Wirtschaft ins Bett? Darf die Öffentlichkeit darauf eine Antwort erfahren?

 

Um diese Frage nicht stellen zu müssen, verbiegen sich derzeit viele Routiniers der Berichterstattung die Feder: Wie umschreibt man ein von höchster Stelle eingepflegtes System dauerhafter Bevorzugungen, eine fast schon automatisierte Form von Nepotismus? Welche Wörter treffen hier zu, welche nicht? Die generalistische Floskel »System Wulff« zeigt, wie schwer es ist, die Sachverhalte adäquat zu vermitteln. Der Durchschnittsjournalismus scheint jedenfalls heillos überfordert, die den Wörtern innewohnende Wahrheit allgemein verständlich zu machen. Wulff ist schon gar keine Hilfe, aber er krampft sich immerhin ab, die performative Dimension seines 200 000 Euro-Jobs zu erfüllen. Was er täglich an Pathosformeln abhustet, stellt inzwischen selbst Von Guttenbergs tactical wording in den Schatten.

 

Es bleibt trotzdem bei einer klassischen Patt-Situation: Fest steht nur, Wulff hatte keine Berührungsängste mit »Co-Sponsoren und Premiumpartnern« wie Carsten Maschmeyer und Ali M. Fard. Überhaupt nicht. Naheliegend auch, dass er deshalb schon frühzeitig den Rechtsbeistand suchte. Seitdem bemüht sich selbst BILD im sonoren Ton von Justiziaren zu schreiben. Auch andere Journalisten kaprizierten sich in schläfriger Wortalchimie (SIC) wie »Zuwendungen zur Pflege des Klimas«, eine wirklich gelungene Deformierung der Wahrheit. Wer das schrieb, hatte zumindest einmal im Strafgesetzbuch geblättert und entdeckt, dass »Zuwendungen« an Amtsträger, die der »politischen Landschaftspflege« dienen, nach gefestigter Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs § 33 unter Strafe gestellt sind. Aha. 

 

Vielleicht zieht es der Hausherr von Schloss Bellevue deshalb vor, von sich selbst neuerdings im Pluralis Majestatis zu sprechen? »Sollte jetzt doch Steuergeld geflossen sein«, meinte er kürzlich lammfromm im Fernsehen, »hätten wir dem Parlament nicht die Wahrheit gesagt ...« Was für ein Satz – die ganze Welt scheint hier im Falsett einer mit ranzigem Schakalfett geschmierten Türangel zu quietschen. Und was vielleicht noch wichtiger ist, der eigene Schuldanteil wurde dadurch als vermindert dargestellt. We are legion … Legion Wulff. Man kann nur hoffen, das hier nicht echte Scheinheiligkeit spricht, sondern gekränkter Stolz eines Volksschauspielers, der die Absetzung seines Stücks nicht wahr haben will.

 

Es wäre falsch, den Mann einen Schnorrer zu nennen. Auch das anglo-amerikanische Wort Freeloader träfe nicht zu, in Wulffs Kreisen ist nada for free und eine Hand wäscht hier die andere, so lange bis sie abfällt, abfault oder abgehackt wird. Der bewährten Kulturtechnik des »Rücktritts« setzen solche »geerdeten« Realisten gern mal ein trotziges Wir-kapitulieren-nie! entgegen. Nur nicht loslassen, das ist das ganze Geheimnis, man denkt unwillkürlich an die Bronze »Handkreis« des amerikanischen Künstlers Bruce Naumann von 1996: Die obszöne Gestik der Hände symbolisiert das circle-jerking der politischen Klasse, das intime »Stecksystem« und heimliche Treiben, das alle verbandelt und so in der Schwebe hält.

 

Die Aussicht, dass Wulff von nun an unter Dauerbeobachtung steht, ist dabei alles andere als erquickend. Eine idiomatische Rosskur könnte vielleicht Abhilfe schaffen, wenn schon nicht bewirken, dass der Potentat sein verloren gegangenes Schamgefühl wiederentdeckt und die Stellung freiwillig räumt. Dazu wird die Presse allerdings verbal aufrüsten müssen. Denn es fehlt offensichtlich an Begriffen, die gegenwärtige Herrschaft der Pornokraten - dieses einzigartige Unterwerfungstableau ausgeschämter Persönchen und geldgeiler Heinze - zu charakterisieren. Die Presse hat sich in der Vergangenheit mit solchen Verabredungen nie schwer getan, und für uns wären diese Wörter adäquater Ausdruck persönlicher Abscheu und nicht perfider als etwa gewisse Entschuldigungsschreiben, die 2008 von niedersächsischen Banken an geprellte Kleinanleger ausgingen.

 

1. Für alle finanziellen Nebengeräusche und seitlichen Einnahmen der politischen Elite empfiehlt sich der konsequente Gebrauch folgender Synonyme: Deckungsgelder, Heckpfennige, Stöpselgroschen, Schwänzelgeld - Wörter, die beispielsweise 2005 bitter nötig gewesen wären, die fast kryptisch anmutende Berichterstattung um Hans-Jürgen Uhls Lustreisen zu konkretisieren. Stattdessen mussten wir wochenlang von »dienstfremden Veranstaltungen« lesen und den in Anspruch genommenen »Dienstleistungen einer osteuropäischen Gesellschafterin«.

 

2. Um die Finanzierungsgrundlage von Wulffs party-politischen Sausen zu konkretisieren eignen sich Begriffe wie Entladegebühr, Aftermiete oder schlichtweg Rückporto.


3. Die überholte Berufsbezeichnung »Politiker« sollte durch differenziertere Begriffe wie Leihhirsch, Spaltzüngler, Abschöpfer, Held fürs Geld, Braunkehlchen abgelöst werden. (Mit letzerem Wort waren zur Zeit der Borgias noch hart arbeitende Stricher gemeint.) Hätte Bettina Schausten  Herrn Wulff mal folgendermaßen befragt: »Sie sagen also, dass Sie damals als oberster Abschöpfer des Landtags nicht wussten, wo das Stöpselgeld herkam?« Das hätte dem ZDF sicherlich eine Rekordquote beschert. Für die untere Riege politischer Unter- und Oberschnullis ergibt sich auch eine neue Nomenklatur: Butterknecht, Prellbock und Mastdarmakrobat für besonders begabte Juristen.


4. Da Wulff mit Sicherheit kein Einzelfall ist, sollte jeder Ministerpräsident präventiv mit dem Ehrentitel Abziehknilch adressiert werden dürfen, Vertreter der Opposition mit Herr Ablederer. Für den Bundestag empfiehlt sich seit langem der Terminus technicus Stillhaltekommission.

 

Die genannten Begriffe stammen aus Ganovenromanen der fünfziger und sechziger Jahren, doch einige von ihnen haben es sogar in die Obhut von Hans Fallada geschafft. Sie passen zu Wulffs penibler Frisur (die meisten Politikerköpfe verbreiten dieses Flair der 50er Jahre) und wären zumindest geeignet, den Vertrauensverlust in die öffentliche Berichterstattung zu kitten. Und Wulff selbst dürfte sich nicht länger als Fehlcasting fühlen, sondern tatsächlich als höchste amoralische Instanz einer ebenso gerissenen wie abgewrackten Gesellschaft. Schluss mit der Heimlichtuerei, er könnte seine »Geschäfte« endlich fortsetzen und wir wären von dieser Debatte - ob er hat oder nicht hat - erlöst.

 

Dass die Vorschläge in der Praxis funktionieren, sollen noch folgende angepasste Pressetexte belegen:

 

»Der frühere Wulff-Sprecher Prellbock Glaeseker hat offenbar doch Sponsorengelder Schwänzelgeld für eine Party-Reihe eingesammelt. Nach SPIEGEL-Informationen flossen 15.000 Euro Ladenmiete allein vom Öl-Riesen Exxon. (...) Anders als von Wulff behauptet, hat Glaeseker offenbar doch Sponsorengelder Deckungsgelder für den ›Nord-Süd-Dialog‹ des Eventmanagers Tango-Bubis Manfred Schmidt eingeworben.« 22.01.2012, SPIEGELONLINE

 

»Von der Übernahme der zusätzlichen Kosten Heckpfennige habe Wulff nichts gewusst, sagt Groenewolds Anwalt Mastdarmakrobat. Wenn dieser einen Teil der Kosten Entladegebühr übernommen habe, werde Wulff das Geld Stöpselgeld natürlich zurückzahlen.« 24.1.2012, WELT-ONLINE

 

Glücklicherweise hat die deutsche Sprache nicht nur die Kraft sich zu regenerieren, sie hat auch immer dann Wörter auf Lager, wenn es an  Transparenz und lebenswahren Sinnbildern fehlt. Die sprachlichen »Symbole« dürften zudem tatsächlich der pornokratischen Sprachgemeinschaft um den Bundespräsidenten entsprechen, man erinnere sich nur, wie der ehemalige AWD-Topf-Manager Carsten Maschmeyers seinesgleichen den Unterschied zwischen einem Bull- und einem Bear-Market erklärte: »Titten gucken, Titten gucken, Schwänze gucken, Schwänze gucken ...« Ein wirklich einleuchtendes Beispiel übrigens der von Wulff gelobten Transparenz!

 

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Kommentar:
That´s Barock´n´Roll!
| von Hausensgrimmel, 02.02.2012

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