Herr Puntila hat im Suff auf dem Gesindemarkt Tagelöhner engagiert. Sie kommen auf dem Gut Puntilas an. Der ist aber mittlerweile nüchtern und schickt die Arbeitsuchenden wieder fort. Die Tagelöhner drohen: sie werden sich beschweren. Worauf Puntilas Chauffeur Matti fragt: „Wo?“ Das heißt das Wesen der Klassenjustiz auf den Begriff bringen.
Der berüchtigte Wal-Mart-Konzern hat sich einen neuen Coup einfallen lassen. Künftig sollen Angestellte auf Abruf bereit stehen, um innerhalb kürzester Frist an ihren Arbeitsplatz zu kommen, wenn Arbeit anfällt. Sie wissen nicht, für wie viele Stunden sie jeweils gebraucht werden, sie wissen nicht, wie viel sie verdienen werden und ob das für die Miete reicht. Das ist die Rückkehr des Tagelöhner-Systems in die globalisierte Wirtschaft. Menschen werden wie verschiebbare Maschinenteile behandelt, die sich den Erfordernissen des Umsatzes in noch höherem Maße unterzuordnen haben, als das ohnedies schon der Fall war. Puntilas Willkür nimmt sich da vergleichsweise gemütlich aus.
Dass unsere Welt menschlicher, dass die Arbeitsbedingungen angenehmer werden sollen, ist eine längst verabschiedete Utopie. Der Kapitalismus schlägt mit einer Schamlosigkeit und einer Brutalität zu, die selbst die schlimmsten Pessimisten nicht vorausgesehen haben. Das scheint aber die bürgerlichen Ideologen in den Medien und in der Wissenschaft größtenteils nicht zu jucken. Sie faseln von Zwängen und erklären uns gebetsmühlenartig, dass der Kapitalismus der Garant der Freiheit sei. Wessen Freiheit? Nur der Freiheit der Puntilas?
Und die Gewerkschaften? Machen wir uns nichts vor: sie sind de facto entmachtet. Sie konnten nicht verhindern, dass in den vergangenen Jahren der Reallohn in vielen Bereichen gesunken ist, dass die Arbeitszeit verlängert, statt verkürzt wurde, dass in Jahrhunderten von der Arbeiterbewegung erkämpfte Rechte wieder rückgängig gemacht wurden. Sie werden, selbst von konservativen Politikern, pro forma akzeptiert, weil sie objektiv betrachtet Konflikte entschärfen und weitgehend für Ruhe im Lande sorgen. Man könnte ja auf die Idee kommen, dass es noch andere als gewerkschaftliche Maßnahmen gibt, wenn einem die Weihnachts- und die Urlaubszulagen gestrichen werden oder wenn Produktivität mehr zählt als die Verhinderung von Arbeitsunfällen.
Wir dürfen neugierig sein, ob die Gewerkschaften zulassen werden, dass Wal-Mart Verhältnisse wiedereinführt, die als überwunden galten, oder ob es ihnen gelingt, trotz Arbeitslosigkeit, trotz unternehmerischer Erpressungsversuche eine breite Solidarität mit den Angestellten von Wal-Mart zu organisieren. Denn es gilt immer noch Mattis Antwort, wenn diese sich beschweren wollen: „Wo?“