Und auch bei diesen gilt, dass ihr/e Verfasser/in in der Regel nicht weiss, was sein/ihr Text in Wirklichkeit bedeutet. Schaffen wir also Abhilfe:
• „Sie haben Ihr betriebswirtschaftliches Studium überdurchschnittlich abgeschlossen“ heisst: wir hätten gerne einen Streber.
• „Sie sollten ein Team-Player sein“ meint: bitte keine eigenen Ideen, entscheidend ist, dass Sie die Hierarchie bei uns nicht ins Wanken bringen.
• „Offen, neugierig und kreativ stellen wir uns die neue Mitarbeiterin vor“ meint: so sehen wir uns und wir hätten gerne jemanden, der uns unsere Illusionen lässt
Das Service Center Personal Mitte der Schweizerischen Post in Aarau sucht zur Zeit einen Leiter oder eine Leiterin Kultur- und Organisationsentwicklung. „Die Unternehmenskultur ist die Basis unseres Erfolges und wird gezielt entwickelt“, heisst es im Stelleninserat. Aha, denkt man da, versteht aber leider nur Bahnhof. Um was für eine Unternehmenskultur es sich handelt, worin sie besteht, was sie ausmacht, davon erfährt man nichts. Nun ja, auf jeden Fall wird sie gezielt weiterentwickelt, schliesslich ist sie ja „die Basis unseres Erfolges“.
Doch worin besteht eigentlich die Arbeit? „Sie unterstützen als Berater die Kader von PostMail beim Gestalten des Kulturwandels ... Als ProgrammleiterIn sind sie verantwortlich für das Netzwerk der Change Pioniere und führen deren Massnahmen zum Erfolg. In interdisziplinären Projekten setzen sie effekive (!) Massnahmen zur Kulturentwicklung um. Zudem sind sie verantwortlich für die jährliche Messung der Kulturfitness.“
Ich kann nicht behaupten, dass ich nach dieser Beschreibung eine auch nur vage Vorstellung habe, worum es sich bei dieser Arbeit handeln könnte. Gut möglich, dass mir ganz einfach der einschlägige Jargon fehlt. Andrerseits: will ich wirklich wissen, was ein „Change Pionier“ ist, was mit „Kulturfitness“ gemeint sein könnte? Nicht eigentlich.
Wer für diese Leitungsfunktion in Frage kommen will, muss eine „überzeugende, hartnäckige aber auch feinfühlige Persönlichkeit mit einem ausgewiesenen Flair für Kulturwandel“ sein. „Hartnäckig“ und „feinfühlig“ scheint mir eine originelle Paarung, wenngleich wohl eher abwechselnd als gleichzeitig zum Zuge kommend, doch wie man ein „Flair für Kulturwandel“ ausweist, bleibt einigermassen unerfindlich. Die Kultur (wie auch alles andere) wandelt sich doch sowieso ständig. Ob man das nun begrüsst oder nicht. „Change happenz“ dichteten die Werbetexter der Zürich. Nicht unoriginell. Obwohl doch einer Versicherung, stellt man sich vor, vor allem diese letztlich unberechenbaren „changes“ ein Gräuel (Sorry, eine Herausforderung) sein dürften.
Mitbringen sollte man überdies eine abgeschlossene „höhere humanitäre Ausbildung“. Da hat wohl jemand „Human Resources“ verdeutschen wollen, dachte ich ganz automatisch, doch dann wurde ich doch etwas unsicher. Humanitäre Organisationen verlangen heutzutage ja oft, dass jemand Betriebswirtschaft studiert hat (denn schliesslich müssen sie, wie alle anderen Organisationen auch, zuallererst rentieren), und so könnte es ja sein, dass auf den „service public“ verpflichtete Unternehmen, neuerdings humanitär Ausgebildeten den Vorzug geben. Zugegeben, nicht sehr wahrscheinlich, auch, weil es eine solch höhere Ausbildung (ausser auf Nachdiplomsebene) in der Schweiz doch gar nicht gibt.
PS: dass da „effekive“ und nicht „effektive“ Massnahmen geschrieben steht, ist zweifellos ein Verschreiber. Dachte ich zuerst. Doch jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher, denn „effekiv“ beschreibt das Ganze eben schon sehr treffend.