Unbemerkt von der Öffentlichkeit haben sich die Berufungskriterien an Hochschulen verändert. Bis vor wenigen Jahren galt, jedenfalls dem Prinzip nach, als für eine Professur am geeignetsten, wer sich am besten durch Forschung und Lehre ausgewiesen hatte. Neuerdings wurde es zum entscheidenden Berufungskriterium, ob jemand nachweislich in der Lage, also fähig und willens ist, Drittmittel einzuwerben. Dass die Gewährleistung von höherer Bildung eine unverzichtbare Aufgabe der öffentlichen Hand sei, gilt nicht mehr als selbstverständlich, und zwar in sozialdemokratisch regierten Ländern ebenso wenig wie in konservativ regierten. Ohne Sponsoren gehe es nicht, behauptet man nun im Wissenschaftsbereich wie schon zuvor im Bereich der Künste, und wer einen Lehrstuhl will, muss sich als Fundraiser ausweisen. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis man jenen Kandidaten berufen wird, der, wie der Bürgermeister von New York Michael Bloomberg, Eigenkapital einbringt und öffentliche Zuwendungen überflüssig macht.
Das alles ist schlimm genug. Schlimmer noch ist die Tatsache, dass junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das Problem nicht einmal mehr erkennen. Dass sie Gelder auftreiben sollen, statt zu lehren und zu forschen, erscheint ihnen als das Natürlichste von der Welt. Erfahrungsgemäß sind es nicht die Lobbies der Obdachlosen oder der Asylbewerber, auch nicht die Gewerkschaften oder die regierungskritischen Organisationen, bei denen sich in erster Linie Drittmittel einwerben lassen. Da aber jene, die Drittmittel bewilligen, in der Regel bestimmen, was und wie geforscht werden soll, bedeutet die politische Forderung von Drittmittelbeschaffung das Ende oder zumindest eine Einschränkung der Hochschulautonomie und der in der Verfassung garantierten Lehr- und Forschungsfreiheit. Und wer jetzt hochmütig darauf hinweist, dass es auch selbstlose Stiftungen und Sponsoren gebe, der überprüfe einmal, wie sich die Landschaft der Künste verändert hat, seit die öffentliche Hand sich von vielen früher als verbindlich anerkannten Verpflichtungen dispensiert hat. Die direkte Einmischung in inhaltliche Planungen ist noch nicht die Regel, aber sie kommt immer häufiger vor, wie Unternehmen, die die Einrichtung von Lehrstühlen bezahlen, immer häufiger bei den damit zusammenhängenden Personalentscheidungen mitreden.
Wim Wenders meinte einmal, die Amis hätten unser Unterbewusstsein kolonialisiert. Wir müssen das heute erweitern und zugleich eingrenzen: Der Neoliberalismus und ein Opportunismus, der sich den Profitinteressen der Wirtschaft widerstandslos ausliefert, haben unser Unterbewusstsein kolonialisiert. Just die Akademiker, deren Bestimmung es einst war, mit dem eigenen Kopf zu denken, erweisen sich heute als angepasste Schleimer und Advokaten des Status quo. Und es ist keine Rettung in Sicht. Erst recht nicht durch jene jungen Frauen und Männer, deren Karriere an den Universitäten sich einem einzigen Talent verdankt, dem Talent, Gelder aufzutreiben.