Hierbei tut sich nämlich ein Graben des Unverständnisses auf, der schier atemraubend ist. Als Beispiel folgender Text von dieser Webseite:
Abtreibung ist eines der typischen Probleme der westlichen Welt, die als Folge des Verfalls dieser Gesellschaften und der hohen Anzahl unehelich geborener Kinder auftrat, die den zahlreichen vor- und außerehelichen Beziehungen entstammten. Einigen Statistiken zufolge, die in westlichen Zeitungen erschienen, wurden 45% der Kinder in einigen westlichen Staaten unehelich geboren, in manchen Ländern sogar bis zu 70%. Diese hohe Zahl unehelich geborener Kinder lässt sich mit der Tatsache erklären, dass die sexuellen Triebe in der westlichen Gesellschaft ungehemmt und in jeder Form ausgelebt werden dürfen. Denn zum Fundament eines demokratischen Systems, wie es in der westlichen Welt angewendet wird, gehören außer der Trennung von Religion und täglichem Leben die Grundfreiheiten. Zu ihnen zählt unter anderem die persönliche Freiheit. Diese erlaubt es den Bürgern des Staates, sich allen Genüssen des Lebens hinzugeben, so dass außereheliche Beziehungen und Seitensprünge mittlerweile zum normalen Alltag gehören. Die hohe Zahl der aus diesen Beziehungen hervorgegangenen unehelichen Kinder hat viele Staaten schließlich dazu veranlasst, Gesetze zu erlassen, die eine Abtreibung legalisieren bzw. mit wenigen Einschränkungen straffrei zulassen. In der westlichen Gesellschaft trägt die Frau für ihr uneheliches Kind das Sorgerecht, und daher hat sie die Entscheidungsfreiheit darüber, ob sie das Kind zur Welt bringen will oder nicht.
Wie bereits erwähnt, ist das Thema Abtreibung ein typisch westliches Problem, welches die nichtmuslimischen Staaten - mit Amerika an ihrer Spitze - jedoch gerne auch in die islamische Welt übertragen würden, so wie sie es auch mit vielen anderen üblen Auswüchsen der westlichen Kultur geschafft haben. Damit erhoffen sie sich, die bestehenden Familienstrukturen der Muslime und die noch vorhandenen islamischen Werte und Sitten zu zerstören. In der islamischen Welt kommen allerdings Schwangerschaftsabbrüche aufgrund der seltenen Fälle an Zina [„Unzucht“, Anmerkung der Redaktion] - jeder Geschlechtsakt zwischen Personen, die nicht miteinander verheiratet sind - in geringerem Maße vor. In den meisten Fällen handelt es sich um medizinische Notfälle, in denen sich das Leben der Schwangeren in Gefahr befindet.
Die westliche Welt befindet sich also in einem Verfallsprozess, so die Sichtweise, die hier schon etwas Deterministisches, Nicht-mehr-Umkehrbares hat. Die Argumentation basiert dabei auf der Ehe als Fundament jeglicher Kultur. Völlig ignoriert wird, dass es inzwischen ganz unterschiedliche Lebensformen fernab der Ehe gibt, aus denen nach einem notwendigerweise sündhaften Geschlechtsakt natürlich Früchte der Sünde hervorgehen müssen. Zina ist für Moslems in Deutschland also allgegenwärtig. Ein einziges Sodom und Gomorrha - und das nur wegen der Definition von partnerlichen Lebensgemeinschaften.
Unangenehmer aber ist etwas anderes, denn unterschwellig wird in obigem Text alles Außereheliche mit dem Triebhaften in Verbindung gebracht. Worte wie Sorge, Liebe und Verantwortung kommen gar nicht vor. Noch verwirrender für einen westlichen Leser ist, dass dieses scheinbar triebgesteuerte Leben als typisch für eine Demokratie gesehen wird. Das zeigt, welches Ansehen diese Regierungsform genießt, mit der wir die arabische Welt politisch zu beglücken versuchen. In obigem Text wird dazu deutlich gesagt, dass wir mit unserem Lebensstil die islamische Kultur zu zerstören trachten. Beunruhigend, nicht?
Moral, so die Schlussfolgerung, leitet sich für Muslime also notwendig vom Gesetz ab, ist ohne Gesetz gar nicht denkbar. Diese Gesetzeshörigkeit bereit uns aber gewisse Probleme, gerade nach den schockierenden Waisenhausbildern aus Bagdad, die gestern den Weg in die Öffentlichkeit gefunden haben. Hier beschleicht uns das Gefühl, dass uneheliche Kinder im Islam als völlig rechtlos gelten und von der Gesellschaft verstoßen ein unmeschliches Leben in solchen Aufbewahrungsanstalten führen müssen, wie wir sie sehen mussten, weil es diese Kinder eigentlich gar nicht geben darf. Wie groß muss bei so einem gesellschaftlichen Tabu also die Dunkelziffer sein? Wie viele solcher Horte des Horrors existieren noch zwischen Karachi und Casablanca? Die Antwort wird wohl schmerzhaft werden und den Graben des Unverständnisses zwischen unseren Kulturen – so steht zu befürchten – noch weiter vertiefen...
Christoph Pollmann