Am deutlichsten fiel es mir in einem chinesischen Restaurant in Montréal auf, in dem man für einen Einheitspreis beliebig viel essen durfte. Obwohl man unbescholten mehrmals an das riesige Büffet gehen konnte, luden sich deutlich übergewichtige Frauen und Männer (ich weiß, wovon ich rede) Unmengen von diversen Speisen auf ihre überbordenden Teller. Selbst ihre beachtlichen Verschlingungskünste vermochten diese Haufen nicht zu bewältigen. Mit den auf den verdreckten Tischen verbliebenen Resten hätte man noch eine halbe Familie ernähren können.
Aber auch im Gasthaus, in der Frühstückspension: Am Nachbartisch fließen die Teller über mit Butter, Wurstscheiben, Käsestückchen, Brötchen vom Büffet, als müsste man den Ausbruch einer unmittelbar bevorstehenden Hungersnot befürchten. Nach Verlassen des Tischs lassen die Esser die unverzehrten Teile zurück, traurig, ein wenig unappetitlich und in Erwartung des Mülleimers. Und für alle Fälle packen sie noch ein paar beschmierte und belegte Brötchen und etwas Obst für zwischendurch in die bereitstehenden Einkaufskörbe, deren breite Öffnung man so dezent mit einem Tuch zudecken kann, oder auch in die sich wölbenden Handtäschchen. Es gibt sogar gut verdienende Familienväter, die morgens, wenn noch fast alle schlafen, am Frühstücksbüffet auftauchen, um dann gegen Mittag, kurz bevor es entfernt wird, ein zweites Mal zuzuschlagen. Geiler Geiz, oder doch nur die alte Häufchengeschichte, diesmal in zwei Teilen?
Nach dem Zweiten Weltkrieg, als tatsächlich noch Hunger herrschte, war die Gier nach Nahrungsmitteln verständlich. Allein das Versprechen auf Sättigung vermittelte ein Glücksgefühl. Noch in den sechziger Jahren, als das Wirtschaftswunder längst Bauchspeck produziert hatte, schwärmte man von der „Schnitzelfabrik“, in der das Wiener Schnitzel über den Tellerrand ragte.
Aber heute? Nein, wir reden hier nicht von den hungernden Kindern in Afrika, die es ja immerhin tatsächlich gibt. Wir wissen, dass sie die Butter nicht bekommen, auf die der Frühstücksgast im Urlaubsquartier verzichtet. Wir reden von dem offenbar unstillbaren Verlangen, ein Häufchen zu setzen. Wir reden von der durch keine aktuelle Realität gerechtfertigten Urangst, zu kurz zu kommen. Dass einem der Nachbar die Wurst wegessen könnte, das Birchermüsli verputzen möchte, dass man leiden müsste, wenn man sich nicht rechtzeitig Vorräte zulegt – das scheint in einer anhaltenden Infantilität bis ins hohe Alter zu motivieren. Dass man alles immerfort anhäuft, wie Dagobert Duck seine Reichtümer, ist Ausdruck einer Gesellschaft, in der Mitmenschen nur als Konkurrenten gesehen werden. Haste was, dann biste was. Will sagen: wer den größeren Haufen vorweisen kann, auf den bekanntlich der sprichwörtliche Teufel immer scheißt, hat auch das höhere Prestige. Die großen sozialen Utopien vom Christentum bis zum Sozialismus propagierten das Teilen, die Mitmenschlichkeit, die Nächstenliebe, die Solidarität. Davon ist wenig geblieben. Die Haufen, nicht nur auf den Frühstückstellern, signalisieren: Das ist mir, und du sollst es mir nicht wegnehmen.