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Freitag, 25. Mai 2012 | 14:21

 

Die Einflüsterer

10.03.2008

Die Einflüsterer

Man möchte ins Theater gehen, in ein Konzert, sich einen Film ansehen. Man kennt jemanden, der das Stück, den Pianisten, den Film schon gesehen oder gehört hat. Man fragt ihn, ob er den Besuch empfehlen würde. Ehe man freilich einschätzen kann, wie man die Antwort bewerten soll, muss man wissen, wen man gefragt hat. Denn da gibt es sehr unterschiedliche Typen, wie THOMAS ROTHSCHILD festgestellt hat:

 

1. Der Begeisterte

Er findet alles toll und großartig. Das jeweils jüngste Erlebnis war stets das größte. Er möchte sein Glück mit allen Menschen teilen, deshalb dringt er darauf, dass man unbedingt kennenlernen müsse, was er gerade entdeckt hat. Seine Euphorie wirkt ansteckend. Mit der Zeit freilich wird man skeptisch, weil man die Erfahrung machen musste, dass einen der gut meinende Ratgeber in Vorstellungen schickt, die absolut mittelmäßig waren, dass er sie mit dem gleichen Elan anpries wie durchaus sehenswerte Alternativen. Man beneidet den Menschen um seine anhaltende Begeisterungsfähigkeit und rügt sich insgeheim selbst, weil man nicht immer in das Lob einstimmen kann.

2. Der Miesmacher

Er ist der genaue Gegentyp zum Begeisterten. Er findet alles schlecht, veraltet, unprofessionell – die negativen Attribute gehen ihm nicht aus. Mit seiner Ablehnung beweist er seine Kennerschaft. Was ihm auch vorgeführt wird: er hat es schon besser, schöner, origineller gesehen. Indem er alles verkleinert, macht er sich selbst groß. Wer sich diesem Ratgeber anvertraut, wird sich kaum noch Provokationen aussetzen. Er wird daheim bleiben, wie bei der Prognose eines heftigen Dauerregens. Er hat sich mit der üblen Laune des Miesmachers angesteckt und spart sich manche Enttäuschung. Er kommt freilich auch um viele Glücksmomente.

3. Der Zwar-Aber-Mensch

Er wirkt nachdenklich, wägt ab, wo andere nur begeistert zustimmen oder miesepetrisch ablehnen. Für jedes Zwar hat er ein Aber. Damit scheint er den realen Verhältnissen sehr nahe zu kommen, die in der Regel nicht eindeutig sind. Aber ist sein Ratschlag hilfreich? Woran soll man sich halten? An das Zwar, das einen Besuch des Theaters, des Konzerts, des Films nahe legt, oder an das Aber, das eher entmutigt? Man ist zurückgeworfen auf sein eigenes Urteil, muss sich wohl doch zu einem Besuch aufraffen, um danach vielleicht zum Schluss zu kommen, dass das Aber überwogen hat. Der Begeisterte und der Miesmacher hätten einem die Entscheidung leichter gemacht.

4. Der Besserwisser

Von ihm erfahren wir nicht, was er gesehen und gehört hat, sondern was er stattdessen gemacht hätte. Er hätte die Hauptrolle nicht mit diesem, sondern mit jenem Schauspieler besetzt, das Stück um eine halbe Stunde gekürzt, das Orchester verkleinert, die Tempi viel langsamer genommen, den Film in Schwarz-Weiß statt in Farbe gedreht. Meist spricht er gar nicht von dem Theaterstück, dem Konzert, dem Film, die er besucht hat, sondern von einem anderen Stück, einem anderen Künstler, einem anderen Film, die allesamt viel besser seien als eben das Gesehene und Gehörte, über das wir gerne Auskunft hätten. Er inszeniert sein eigenes Theater, spielt sein eigenes Konzert, dreht seinen eigenen Film – im Kopf, da außer ihm niemand von seinen Talenten überzeugt ist.

5. Die Feministin

Ihr ist aufgefallen, dass es sich wieder um das Werk eines Mannes gehandelt hat, dass es in dem Stück keine attraktiven Rollen für Frauen gab, dass im Orchester nur etwa ein knappes Drittel der Ausführenden Frauen waren, dass in dem Film ein malaysischer Einsiedler einen unmissverständlich frauenfeindlichen Ausspruch machte. Ob das Stück, die Musik, der Film nun sehenswert war oder nicht, worum es darin ging, ob es sich um eine Kunstanstrengung handelte oder eher um triviale Routine, das werden wir nie von ihr erfahren. Sie kennt nur einen Gesichtspunkt – darin gleicht sie anderen ideologisch fixierten Kunstkonsumenten, den Nationalisten und den religiösen Fanatikern, den Tierschützern und den Gegnern der Abtreibung – und dieser Gesichtspunkt ist, in ihrem Fall, geschlechtsabhängig.

Auf wen also soll man sich verlassen? Ich kenn da einen, der ist klug, erfahren und geschmackssicher, der ist einfach prima, dem kann man blind vertrauen, ein toller Typ! Eigentlich sind ja alle Menschen beschränkt und unzuverlässig, schwätzen daher, haben keine Ahnung, aber zu allem eine Meinung: man sollte gar nicht erst nach einem Ratschlag fragen. Das ist zwar richtig, aber andererseits geht es halt auch nicht ganz ohne Empfehlungen. Und eigentlich ist es ohnedies sinnvoller, Berge zu besteigen als ins Theater zu gehen. Vorausgesetzt freilich, der Bergführer ist eine Bergführerin.

P.S.: Eine Möglichkeit gibt es noch: Niemanden fragen, sich selbst ein Urteil bilden. Das ist zeitaufwendig, gelegentlich verursacht es Ärger – aber es vermittelt das Gefühl von Freiheit. Kein Typ der einem etwas einflüstert: herrlich!

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