Es läuft immer nach dem gleichen Muster: politische und soziale Bewegungen entwickeln Ideen. Um sie ins Gespräch zu bringen, um sie durchzusetzen müssen sie verkürzen, Schlagwörter erfinden, die der Wiedererkennung dienen, abrufen sollen, was ursprünglich an komplexeren Zusammenhängen mit ihnen verbunden war. Dann kommt die zweite Generation des intellektuellen Mittelmaßes, der Nachplapperer, der schrecklichen Vereinfacher. Sie kennen nur noch die Schlagwörter, weder deren Herkunft, noch deren Umfeld, noch gar die ihnen innewohnenden Widersprüche. Ihnen dienen die entleerten Schlagwörter zur Herstellung eines manichäischen Weltbilds, in dem man sich leicht zurechtfindet. Man weiß, wofür und wogegen man ist, als ginge es um die Vorliebe für einen Fußballverein. Diese Dummköpfe der zweiten Generation aber geben den Ton an, und oft sind es gerade die Vordenker, die ihre ersten Opfer werden.
Was ist aus den Schlagwörtern der großen sozialen Bewegungen des vergangenen halben Jahrhunderts in Europa, der 68er-Bewegung, der Frauenbewegung und der Ökologie-Bewegung geworden? Welche von ihnen haben überlebt, und welche Bedeutung, welche Funktion haben sie heute?
Wer einmal genauer hinschaut, erkennt eine erstaunliche (oder auch nicht erstaunliche) Gesetzmäßigkeit: Während jene Schlagwörter, die notwendig mit aufklärerischen, egalitären und emanzipatorischen Inhalten verknüpft sind, geradezu rituell einer feindseligen Kritik unterzogen, als „Fehler“ der Vergangenheit diffamiert werden oder eben verschwunden sind, haben sich jene in der Mitte der Gesellschaft etabliert, die für konservative oder reaktionäre Ziele missbrauchbar sind. Wer spricht heute noch von „kompensatorischer Erziehung“, von „Warenästhetik“, von „Manipulation durch die Medien“ oder von „internationaler Solidarität“? Aus dem „Praxisbezug“ wurde „Verwertbarkeit“, aus „Kultur für alle“ das „Event“.
Dass BILD blöd macht, ist heute nicht weniger wahr als vor vierzig Jahren. Aber wer wagte das noch auszusprechen – und vor allem: wo? –, da doch mittlerweile fast alle Zeitungen mehr oder weniger aussehen wie BILD? BILD hat Recht behalten, und als die Blöden stehen jene da, die von BILD nicht blöd gemacht werden wollten.
Zu den bis zum Überdruss wiederholten Schlagwörtern der Frauenbewegung gehörte „Körperbewusstsein“. Damals realisierte man es durch ausgiebige Bespiegelung der eigenen Vagina (so man über eine verfügt). Heute wird die Fetischisierung des Körpers in Tätowierungen und Piercings sichtbar. Nur noch Spott erntet, wer auf der Unversehrtheit des Körpers besteht. Das Körperbewusstsein hat sich, ebenso wie der Kult biologischer Produkte, als profitable Erwerbsquelle bewährt. Es passt wie angegossen in die kapitalistische Philosophie. Mit Emanzipation hat das soviel zu tun wie ein Spielautomat in der Eckkneipe mit der Verstaatlichung von Banken.
Auch die „Vernunftkritik“ trat einst mit linkem Anspruch auf. Antiaufklärerisch war sie in Wahrheit von Anfang an. In ihrem Windschatten eroberte die Esoterik die Gehirne und die Innenstadtläden. Sie taten ihre Aufgaben im Dienste der Restauration. Nicht mehr vom Ende des Bildungsprivilegs, von der Förderung von Arbeiter- und Migrantenkindern war die Rede, sondern von Selbstfindung und Meditation.
Dies alles lässt sich mit einem Schlagwort erklären, das aus den genannten Gründen verschwunden ist – mit dem Schlagwort vom „falschen Bewusstsein“. Dass die Herrschenden uns einreden, was ihnen zum Vorteil gereiche, sei in unserem Interesse, ist jene Ideologie, die sich auch in der Sprache, auch in Schlagwörtern manifestiert. So einfach ist das. Ja, in diesem Fall ist es tatsächlich so einfach.