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Freitag, 25. Mai 2012 | 14:23

Zum 4. Todestag

01.07.2010

Wer wird der neue Robert Gernhardt?

Von einer unsteten Lust an Trouvaillen abgesehen, hat es der deutsche Literaturbetrieb gerne übersichtlich. Er bändigt das wimmelnde Panorama, indem er ein paar feste Positionen bestimmt und sie verbindlich und möglichst konstant besetzt. Grass der Nationaldichter, Walser der alte Querulant, Handke der ewige Spinner.

 

Eine Kolumne von MICHAEL EBMEYER

 

Als unsere neue Literatin wird die melancholisch-spröde Judith Hermann gewiss noch ein weiteres Jahrzehnt amtieren, indes der Posten des pfiffigen Daniel Kehlmann behutsam vom "jungen Supertalent" zum "Günther Jauch der Literatur" umgewidmet werden dürfte.

Fürs nachwachsende politische Bewusstsein ist bis auf Weiteres Juli Zeh zuständig, fürs kosmopolitische Ilja Trojanow, und als Ostbeauftragter hat unlängst Uwe Tellkamp Ingo Schulze abgelöst. Und so weiter. Hat alles seine Ordnung.

 

Bloß eine wichtige Rolle in dem Schema ist schon bedenklich lange unbesetzt: die des Spaßmachers. Also des Humoristen. Also desjenigen, der eindeutig aus der komischen Tradition kommt und dennoch alle feuilletonistischen Weihen erhält. Robert Gernhardt hatte als erster deutscher Nachkriegsautor diesen Status erreicht – und lange dafür gebraucht. Nun ist er seit genau vier Jahren tot und noch immer ohne Nachfolger. Hier besteht Handlungsbedarf. Eine Stelle, die zu lange vakant bleibt, wird gestrichen, in Krisenzeiten erst recht.

 

Was ist mit Max Goldt? Noch nicht lange her, da hätten alle genickt: der heißeste Anwärter. Inzwischen 50 geworden, schreibt zurzeit wieder Titanic-Kolumnen, und wenn man sie liest, findet man sie gut, auch wenn sie nicht mehr wie in den Tagen von "Onkel Max' Kulturtagebuch" als kleine Offenbarungen funkeln.

In bewährter Weise erscheinen diese Kolumnen oder andere kurze Texte alle paar Jahre gebündelt in Buchform und lassen Rezensenten über die sprachliche Feinstarbeit unter der launig-schrulligen Oberfläche staunen.

Es schien auch bereits alles für die Gernhardt-Nachfolge eingefädelt, bis hin zum Kleist-Preis inklusive des unumgänglichen Karl-Kraus-Vergleichs und der heimeligen Plattitüde "bis zur Kenntlichkeit entstellt". Aber seitdem passiert nichts mehr. Schon die Presse zur Preisverleihung war überraschend dürr und lustlos.

 

Hat der Betrieb einen Rückzieher gemacht? Warum? Ich fürchte, es liegt daran, dass Max Goldt zu unberechenbar bleibt. Als Robert Gernhardt um die 50 war, fing er an, über Toscana und Katzen zu schreiben. Das war nicht besonders komisch, und löste bei manchem Anhänger der Neuen Frankfurter Schule ein mulmiges Gefühl aus. Es bedeutete den offiziellen Eintritt in den Betrieb: Der Gernhardt wird ein bisschen bräsig, der Gernhardt wird handhabbar.

Dass er sich zur gleichen Zeit mit den Drehbüchern der ersten Otto-Filme in schöner Albernheit austobte, fiel nicht ins Gewicht. Andererseits war er schon im Dreigestirn der Welt im Spiegel derjenige gewesen, der am ehesten durch Fleiß und technische Brillanz überzeugte, nicht durch ein impulsives Genie, wie es ganz und gar in F.K. Waechter und ziemlich oft in F.W. Bernstein wirkte. Dass gerade Gernhardt in reiferen Jahren auch nach der Akzeptanz der ganz Ernsten strebte, hatte seine Logik.

 

Was aber tut Max Goldt? Wer nur seine im engsten Sinn schriftstellerische Arbeit betrachtet, mag den Eindruck haben, dass er allenfalls auf der Stelle tritt. Das wäre für die Gernhardt-Nachfolge kein Hinderungsgrund. Doch der Autor, der schon als junger Spund den besten Katzensatz der Weltliteratur hervorgebracht hat ("Schmeiß deine Katzenpostkartensammlung in den dafür bestimmten Behälter."), macht heute, man darf wohl sagen: im Hauptberuf, zusammen mit einem Zeichner namens Stephan Katz kurze Bildergeschichten, die großartiger und oft seltsamer sind als all sein voriges Schaffen – wer das noch nicht weiß, überzeuge sich geschwind unter www.katzundgoldt.de. Comics statt Toscana: das ist wohl doch ein zu großer Verstoß gegen das Prinzip Übersichtlichkeit.

 

Hoffentlich behalte ich mit dieser Einschätzung nicht Recht. So fragwürdig das Amt des Spaßmachers im Hochfeuilleton ist, es verschafft dem literarisch Komischen immerhin eine offizielle Präsenz, und das kann einer Literaturlandschaft nur gut tun. Max Goldt nun den Posten nicht zu geben, hieße aber tatsächlich, ihn wieder abzuschaffen. Sucht man nach Alternativen, merkt man schnell: außer dem heißesten Anwärter stehen gar keine weiteren Kandidaten oder gar Kandidatinnen bereit. Dafür hat der Betrieb gesorgt. Denn der will nur lachen, wenn es sich nicht vermeiden lässt.

 

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Thomas Gsella vielleicht? Mit sieben Büchern in vier Jahren in sechs verschiedenen Verlagen gut im Rennen. Aber betriebliche Weihen - nebbich.
| von Wirag, 06.07.2010

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