Thomas Kistner: Fifa-Mafia Frankie Chavez: Family Tree TATORT (SR) - Skalpell (28.05.2012) Andrea Maria Schenkel: Finsterau David Small: Stiche. Erinnerungen "Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert
Freitag, 25. Mai 2012 | 14:26

Der FUTTERblog - streng verdaulich!

07.09.2011

Ehret Julius Maggi - ein Hoch auf die Lebensmittelchemie!

Dies ist die größte Maggi-Flasche Europas. Die Bürger von Kronberg im Taunus haben dieses imposante Gebilde als charmante Geste anlässlich meines Gastspiels in ihrer schönen Stadt errichtet. Das Gefäß ist 20 Meter hoch, 5 Meter breit und reicht zum Würzen von 3,4 Milliarden Tellern Suppe. Ich finde, dieses klare Bekenntnis zu dem wohl prominentesten Erzeugnis der deutschen Lebensmittelindustrie mutig und bewundernswert. Denn bei aller berechtigter Skepsis gegenüber künstlich erzeugter Nahrung sollten wir nicht vergessen: Die Lebensmittelchemie hat sich um die Menschheit verdient gemacht.

 

Eine Kolumne von PHILIPP WEBER

 

Visionäre wie Julius Maggi und Justus von Liebig waren nicht nur Meister ihres Fachs, sie waren darüber hinaus auch soziale Pioniere. Ende des 19. Jahrhunderts war die Ernährungslage der Fabrikarbeiter katastrophal. Die Arbeiterinnen fanden nicht mehr genug Zeit zum Kochen, es wurde entweder gar nicht warm gegessen oder der Hunger im Alkohol ertränkt. Mangelerkrankungen, Unterernährung und hohe Kindersterblichkeitsraten waren die Folgen dieser Misere. Erst Justus von Liebigs wasserlöslicher Fleischextrakt ermöglichte es den einfachen Arbeitern, sich eine schnelle, billige, warme und nahrhafte Mahlzeit zuzubereiten. Und ich möchte nicht wissen, wie viele arme Studenten im Examensstress noch heute über ihren Schreibtischen verhungern müssten, gäbe es nicht die schnell überbrühbaren Segnungen eines Julius Maggi, denn dieser schuf mit seinen Würzmitteln auf Basis von Leguminosenmehl erst die Grundlage der modernen Tütensuppe.

 

Aber auch in der Wissenschaft hat sich die deutsche Lebensmittelchemie ihre Lorbeeren verdient. So stattete ein bedeutendes Heilbronner Unternehmen Ende des 18. Jahrhunderts Expeditionen in die Antarktis mit ihren Erzeugnissen aus. Es ist erstaunlich, aber die erste warme Mahlzeit am Nordpol war wohl eine Erbsensuppe aus dem Hause Knorr. Auch heute noch wäre die moderne Raumfahrt ohne Instantnahrung und Fertiggerichte gar nicht möglich. Oder versuchen Sie mal, bei absoluter Schwerelosigkeit einen Pfannkuchen zu wenden.

 

Ich sage es, wie es ist. Die Welt der Lebensmittelchemie ist eine »Welt der Wunder«. Ein befreundeter Lebensmittelchemiker hat mir erklärt: Damit eine Frühstücksflocke nach fünf Minuten Milchbad immer noch crunchy ist (Anmerkung: »crunchy« ist eine Mischung aus »crispy« und »cracky«, aber mehr Richtung »rösch«) und nicht als schleimiger Weizenbrei zerfließt, braucht es einen so immensen Aufwand. Also, rein technisch betrachtet sind die Amis im Jahr 1963 mit weniger Know-how zum Mond geflogen. Man kann sogar sagen: Die Entwicklung eines Landes erkennt man an seinen Frühstücks-Flocken. Nordkorea hat vielleicht die Atombombe, aber bei modernen Weizenflocken hinkt es Meilen hinterher. Zumal die Nordkoreaner dafür natürlich erst einmal Weizen bräuchten …

 

Außerdem will ich ganz ehrlich sein: Wenn ich mal wieder wochenlang auf Tour nur im Restaurant gegessen habe, ich abgefüllt bin mit schweren Bratensäften, Weinschaumsüppchen und edlen Burgundern und der Bauch voll ist mit Soufflé, Haché und Sorbet, dann sehne ich mich einfach nur nach einer Portion Ravioli, die ich lauwarm und glibberig direkt aus der Dose löffele.

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

Öko oder Nazi - Hauptsache Pirat!

Die gute Nachricht zuerst: Die Polizei hat diese Woche bei einer Razzia in Nordrhein-Westfalen zwanzig Wohnungen durchsucht und drei Rechtsextreme im Alter zwischen 18 und  20 Jahren ...

Karfreitags-Tanz

Wie schon im vergangenen Jahr gibt es auch dieses Jahr wieder in Hessen Ärger, weil aufgrund eines Gesetzes von 1952 am Karfreitag und Ostermontag das Tanzen in der Öffentlichkeit ...

Licht wo zu viel Schatten lag

Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...

Schweizer Käse!

Fromage suisse!

Swiss Cheese!

Andreas C. Studer wollte mit Meine Schweizer Kühe seiner Heimat, Herkunft und den Lieferanten seiner Kochzutaten ein Denkmal setzen. Ein Anhang mit Rezepten aus Milchprodukten soll ...

Lämmer in der Obhut von Wölfen

Das europäische Mittelalter war nicht gut zu Frauen – zumindest wenn wir heutige Kriterien anlegen. In jedem Fall aber war es eine schlechte Zeit für die wenigen Frauen in ...

Von der Verrohung des Bürgertums

Ja, die Welt ist schlecht, weil ungleich. Aber hurra – wir tun doch was! Das Netzwerk der »Tafeln« sorgt dafür, dass auch Hartz-IV-ler würdig ...

»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«

Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...

Qualtinger als Thoreau

Die Indizien weisen zunehmend darauf hin, dass der frühere Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Mappus, in seiner Amtszeit gegen die Verfassung verstoßen hat, als er bei ...

Das Leben ist nicht Wünschdirwas

Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL

Götter verstehen keinen Spaß

Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...

Das Leben ist nicht Wünschdirwas

Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL