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Mittwoch, 08. Februar 2012 | 07:11

Klassiker-Check: Zu Knut Hamsuns 150. Geburtstag

03.08.2009

Beim Wiederlesen von Pan

WOLFRAM SCHÜTTE nimmt Hamsuns 150. Geburtstag am 4. August zum Anlass, in die eigene Leservergangenheit zurückzukehren und zu überprüfen, ob sich der damalige fiebrige Lesetaumel bei der Lektüre des Pan auch beim heutigen Wiederlesen einstellen will.

 

Ob es wieder so sein würde wie “damals“? Damals, als der Schüler, der ich war, sich das List-Taschenbuch Pan kaufte und in einen rauschhaften Lesetaumel geriet, der sich, als er mit anderen Romanen Hamsuns wiederholt werden sollte - den früheren Mysterien und Hunger (beides Rororos) und dem späteren Segen der Erde (List), die gleich darauf gekauft wurden -, jedoch nicht mehr einstellte? Das Pan-Fieber blieb einmalig.

Es war wieder so fast wieder so, als ich jetzt den von Ingeborg und Aldo Keel übersetzten Pan erneut und die acht frühen, unter dem Titel Die Königin von Saba von Keel übersetzten Erzählungen zum ersten Mal las! Hamsuns 150. Geburtstag am 4. August und die zwei in Manesses “Bibliothek der Weltliteratur” vorliegenden Bände waren der Anlass, in die eigene Leservergangenheit zurückzukehren.

Was war der Zauber damals in der Pubertät - und heute, rund 50 Jahre später, dass diese Aufzeichnungen “Aus Leutnant Thomas Glahns Papieren“ frisch & leuchtend geblieben sind, wie sie dem Jugendlichen entgegen glänzten?

Der dreißigjährige Ich-Erzähler, der zum eigenen Vergnügen, “weil die Zeit nicht so schnell vergehen will, wie ich möchte”, sich an “des Nordlandsommers ewigen Tag” erinnert, hat von weit her ein paar Vogelfedern in einem “bekrönten Briefbogen” zugeschickt bekommen “von einem Menschen, der sie mir nicht schuldete”. Das amüsiert ihn “nicht wenig“, er scheint mit sich zufrieden, nur hin und wieder plagt ihn die Gicht in seinem linken Fuß “nach einer alten Schusswunde, die seit langem verheilt ist”.

Starker erzählerischer Tobak

Diese meisterliche Exposition war es wohl nicht, die mich damals einfing - man kann sie ja erst nach der Lektüre einschätzen -, sondern der entspannt-muntere Ton einer sehr persönlichen Erinnerung samt dem Bild des sich an ein Geheimnis erinnernden Einsamen war es gewiss, was auf Anhieb Neugier weckte, wie es weitergehen würde.

Und wie es weiterging: der zivilisationsflüchtige Militär (über dessen Vorleben & Herkunft man nichts erfährt) lebt allein und vogelfrei als sich selbst versorgender Jäger mit seinem Hund Äsop in seiner Wald-Hütte einen Frühling & Mittsommer lang: - ein stolzer Einzelgänger am Rande der Fjord-Gesellschaft, wo der Handelsherr Mack bestimmender Herrscher ist, mit dem aber Hauptmann Glahn “auf Augenhöhe” verkehrt, wenn er bei ihm öfters zu Gast ist.

Als Macks sechzehnjährige Tochter Edvarda in das Leben des dreißigjährigen Glahn tritt und er sich in die kapriziöse “Jungfer” verguckt (& sie sich in ihn), entsteht zwischen den beiden ein immer gefährlicheres Spiel der sprunghaften Anziehung & Zurückweisung. Als sich ein hinkender Doktor um Edvarda bewirbt und sie Glahn damit neckt, den Krüppel zu bevorzugen, schießt er sich in den Fuß, um sie zu beschämen.

Das panisches Treiben Glahns mit seinem “heißen Tierblick“, das ihm einmal nachts ein bäuerliches Mädchen, aber regelmäßig Eva - die auch dem alten Mack sexuell zu Diensten bereite Kindfrau eines Schmieds - brünstig zuführt, wird umschlossen von einem naturmythischen “Waldweben” der Trolle und Hexen. Glahns (i.e. Hamsuns) Naturempfinden und dessen Beschwörung ist hochsensibel, impressionistisch, nahezu neurotisch in seinen gegensätzlichen Gefühlsexzessen.

Aber der reiche Handelsherr, der mit Missfallen die launischen Kabelleien der beiden in der Öffentlichkeit betrachtet, hat seiner Tochter einem respektablen Bräutigam zugedacht, einem dekadenten schwedischen Baron, den der eifersüchtige Glahn mit einem von ihm zu Tal gestoßenen Felsbrocken erlegen will, der aber Eva zermalmt statt den Nebenbuhler.
Glahns Verbrechen wird nicht entdeckt (für ihn ist es nur ein bedauerlicher Irrtum), aber er verlässt am Sommerende den Schauplatz seiner erotischen Niederlage, nicht ohne seinen treuen Hund Äsop zu erschießen, von dem Edvarda gewünscht hatte, er möge ihn ihr (lebend) hinterlassen.

In einer “Nachschrift”, rund fünf Jahre nach den norwegischen Ereignissen, die Glahn selbst drei Jahre zuvor aufgezeichnet hatte, berichtet ein Anonymus, wie er den Verschwundenen, den seine Familie mit Anzeigen sucht, im indischen Dschungel, wo sie beide als Jäger leben, erschossen hatte, wozu ihn der Lebensmüde bewusst provoziert hatte.

Starker erzählerischer Tobak für einen unglücklich & tödlich ausgehenden Liebesroman - von dem fünfunddreißigjährigen Hamsun 1894 raffiniert inszeniert. Denn Glahn ist ja ein Selberlebensbeschreiber (Jean Paul), der uns Leser seine Welt & sein Verhältnis zu ihr durch sein erinnertes Erleben auftischt - was eine subjektive Intimität stiftet, die durch keine auktoriale Distanz getrübt wird. Es ist die Sprunghaftigkeit, Launischkeit, Inkonsequenz im Verhalten Glahns, die auf den Pubertierenden wie eine Selbstbespiegelung wirkte. So möchte man sein, so toll, liebestoll und aufs Ganze gehend - und das Unglück der verfehlten, verschmähten Liebe genießen!

Irrational, amoralisch & charakterlos: im Pubertätsstau

Glahn ist Souverän seines Lebens, auf dessen Reize und Eindrücke er “ohne Rücksicht auf Verluste” situationistisch reagiert. Aldo Keel zitiert in seinem Nachwort Hamsuns Bemerkung: “Ich werde meine Helden lachen lassen, wenn rationale Menschen meinen, er müsste weinen”; und als der uralte, bis zuletzt bekennende Nazikollaborateur und Hitler-Bewunderer Knut Hamsun, nach dem Krieg vor einem norwegischen Gericht stand, erklärte er, er habe Hunderte Figuren geschaffen “alle ohne sogenannten Charakter: Sie sind gespalten und bruchstückhaft, nicht gut und nicht schlecht, sondern beides, launisch von Gemüt und unberechenbar in ihren Handlungen. Und so bin zweifellos auch ich”.

“Unberechenbar” zu sein, sich allen Erwartungen je nach Laune und Stimmung entziehen zu können: das verheißt - gerade im Übergang von Jugend zum Erwachsenen - die Freiheit, nur sich selbst zu sein und sich den Zwängen und Kompromissen der Gesellschaft entziehen zu können, die nun auf einen zukommen. Was einem in der Pubertät als heroische Haltung der Widerborstigkeit erschien, mit der man - wie Glahn - sich über die Gesellschaft erhob, tritt einem bei einer späteren Lektüre von Pan als eine oft lächerliche Exzentrizität entgegen und als eine “kindische” Starrsinnigkeit, “ums Verrecken nicht erwachsen” zu werden - eine Haltung, die notfalls über Leichen geht (Eva) & zuletzt sogar über die eigene.

Es ist die “Irrationalität”, die Hamsuns “Helden” so attraktiv (nämlich: rätselhaft, zartfühlend-brutal) macht - wie der Leutnant Glahn, der aus dem Nichts kommt und ins Nichts geht - und dazwischen: lebt wie´s ihm passt. Und es ist die (philosophisch) reflexionslose, aber geradezu reflexhafte Amoralität seiner Handlungsweisen, die ihn zum Solitär in der zeitgenössischen Literatur werden ließ. Diesen subversiven Hymnus auf das große Ich, das mit hochmütiger Verachtung alle anderen verkleinert und sie wohlfeil lächerlich macht, war geradezu Zukunftsmusik für einen jungen Nietzsche-Leser, der auf das literarische Identifikationsangebot ansprang. Heute hört man denn doch eher schrille Sirenengesänge heraus, wenngleich immer noch blendend von diesem frühen Hamsun musiziert wird: “scheinbar beiläufig erzählt, mit einer Technik, die ans Wunderbare grenzt... Und welches Herz!” (Kurt Tucholsky).

Glahn ist ein geheimnisvoller “Fremder” (ein Vorläufer von Camus´ gleichnamigem Roman?), der von sich selbst erzählt - aber in seinem bedingungslosen Subjektivismus nicht den “kultivierten“, selbstreflexiven Egotismus Stendhals fortsetzt, sondern von seinem Autor als moderner “Wilder”, wie ein heidnischer Adept des Nietzscheschen “Zarathustra”, in die Wälder von Norwegens Norden versetzt wurde.

Indem er die subjektive Erzählperspektive wählt, kann Hamsun seinen General-Angriff auf Psychologie, Individualgeschichte und Charakter (die Grundlagen des psychologisch-realistischen Gesellschaftsromans) von seinem Helden direkt vortragen lassen, und zwar dadurch, dass dieser alle drei unterlässt und aus seiner Erzählung verbannt. Hamsun kann damit den Leser nicht nur lenken, sondern ihn an die Stelle seines Erzählers suggestiv platzieren. Bevor Ernst Jünger sich immer wieder auf sie berief, praktizierte Glahn die “Desinvolture” als Lustprinzip seines Lebens.

Die frühen Erzählungen, die im Band Die Königin von Saba versammelt sind, offenbaren, wie stark Hamsuns erzählerische Eigenarten aus der scheinbaren Authentizität autobiografisch-journalistischer Erlebnisse herrühren. Da Hamsuns “Sprachton nonchalant und mündlich, gleichwohl aber artifiziell (ist)”, wie Keel treffend bemerkt, entwickelt der heidnische Barbar aus dem Norden eine reportagehafte Prosa, die bei aller Konkretheit der Fakten Raum lässt für das Rätselhafte und Offene des von ihr beschworenen Lebens seiner zivilisationsflüchtigen Querköpfe.

Die irrationale Launenhaftigkeit und radikale Subjektivität Glahns schlägt sich in seinem sprunghaften Wechsel von Präteritum zu Präsens und retour beim Erzählen nieder. Man ist fast versucht, darin eine literarische Schockdramaturgie zu sehen, die in der Literatur dem Montageeffekt des frühen Films entspricht, wenn im Kino von der Halbtotalen in die Großaufnahme geschnitten wird: hier wird der Raum zerbrochen, dort die Zeit.

Die Schandflecken des Ressentiments

Diese Prosa Hamsuns war einmal die “nervöse” Moderne der durchgängigen Ambivalenz, versetzt mit der Romantik des störrisch-eigensinnigen Einzelgängers, der alles, was Moderne war (Demokratie, Gesellschaft, Kapitalismus, Kommunismus usw.) hasste - und dem in einem großen, hellsichtigen analytischen Aufsatz Leo Löwenthal voraussagte, dass er mit diesen ideologischen Voraussetzungen notwendigerweise bei den Nazis ankommen würde.

Sein glühendster deutscher Verehrer, Kurt Tucholsky, hat gerade noch erlebt, wie der geliebte Hamsun seinen ins KZ geworfenen “Weltbühnen“-Freund Carl von Ossietzky (der Hamsun ebenso schätzte!) verhöhnte, als diesem der Friedensnobelpreis verliehen wurde. Fraglich, ob die deutschen Bewunderer von “Old King Cnut“ (James Joyce), zu denen auch Hesse, Musil, Schnitzler und Einstein gehörten, die zahlreichen rassistischen und antisemitischen Ausfälle in dessen Büchern überlesen hatten. Hatten diese “Schandflecken“ seiner aggressiven Ressentiments bereits sein deutscher Verlag - Albert Langen - insgeheim getilgt? Oder wurden derartige Purifizierungen Hamsuns in den deutschen Ausgaben seiner Werke, wie Detlev Brennecke behauptet, erst nach dem 2. Weltkrieg vorgenommen?

In den zwei bei Manesse vorliegenden Bänden trifft man jedenfalls nicht auf solche Irritationen; und von Aldo Keel wird man annehmen können, dass er den Norweger vollständig übersetzt hat. Nicht nur für die Norweger bleibt diese dunkle Seite in Werk und Biografie ihres größten, mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Erzählers ein fortschwärender Skandal bis heute - wie für die Franzosen Louis Ferdinand Céline, für die Amerikaner Ezra Pound oder für die Deutschen Gottfried Benn - um nur die herausragendsten Autoren zu erwähnen, die sich mit dem Faschismus gemein machten.

 

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