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Freitag, 25. Mai 2012 | 14:32

Die Märchen der Brüder Grimm

12.09.2011

Grimmige Geschichten

Arthur Rackham, Walter Crane, Kay Nielsen, Divicia Landrova und der am Art Work für Disneys Schneewittchen beteiligte Gustaf Tenggren sind nur die berühmtesten der Künstler, deren von 1820 bis 1950 entstandene Illustrationen Grimms Kinder- und Hausmärchen zur visuellen Schatzkammer machen. Eigens von Laura Barrett für den die grimmsche Märchenwelt in ihrer ganzen Zauberkraft und symbolischen Tiefe erweckenden Bildband kreierte Silhouetten fügen sich makellos an die aus Originaleditionen aus fünf Dekaden entnommenen Scherenschnitte zum Schmuck der 27 ausgewählten Märchen. Von LIDA BACH

 

Ein ausführliches Vorwort der Herausgeberin, Kurzbiografien aller vertretenen Illustratoren aus Deutschland, Schweden, Tschechien, Österreich Großbritannien, der Schweiz und den USA und Einleitungen zu jeder Erzählung erlauben nicht nur eine optische, sondern kunsthistorische Neuentdeckung der Grimms Märchen. Matthew R. Price' neue englische Übersetzung ist dabei auch für deutschsprachige Leser interessant, wird das lautmalerisch anmutende »Manntje, Manntje, Timpe Te, Buttje, Buttje in der See ...« des Fischers zum geschmeidigen Reim:

 

»Though a little man You claim to be

Oh flounder, flounder in the sea.

My dear wife the Ilsebill

What she wants is not my will.«

 

Mit ihrer Unterschiedlichkeit in Zeichenstil, Stimmung und Interpretation öffnen die bestechenden Illustrationen die Augen für die auffällige Verschiedenheit der Märchen. Oft mehr als Gesamtheit betrachtet denn als das, was sie tatsächlich sind, eine Sammlung von Einzelwerken, die fester in einem eigenen motivischen Rahmen als dem der Grimmschen Märchenbücher verankert sind, variieren die Erzählungen in Länge, Atmosphäre, Kontinuität und Symbolik. Tollkühne Possen wie Die Bremer Stadtmusikanten stehen neben ernsten Morallektionen wie Der Fischer und seine Frau, Zaubernovellen wie Der gestiefelte Kater neben Tierfabeln wie Hase und Igel. Schlichte Lehrstücke wie Die Wichtelmänner neben anarchistischen Abenteuern wie Das tapfere Schneiderlein. Naive Segensgeschichten wie Sterntaler neben dem barbarischen Schrecken von Machandelbaum.

 

Ach, wie gut das niemand weiß ...

Das letztgenannte Märchen fehlt unter den 27 ebenso wie das Von der Unke, das mit dem Selbstmord des Zaubertieres endet, die Geistersage vom Kind im Grabe und die antisemitische Hohnerzählung Der Jude im Dorn. Daniels Auswahl verweist auf eine subtile Selbstzensur, welche die jüngste Herausgeberin der Kinder- und Hausmärchen, die so berauschenden Kunstbände wie Der Circus und Magic schuf, neben deren erste Herausgeber stellt. Von der Erstauflage bis zu der von 1857, die Daniel übernahm, wurden die Geschichten von den Gebrüdern Grimm mehrfach verharmlost, moralisiert und einem christlich-konservativen Zeitgeschmack angepasst. Die Veränderungen waren direkte Folge auf Kritik an der Eignung der Sammlung für Kinder, an die sie sich ursprünglich gar nicht wendete.

 

Der gleichen Kritik stellt sich eine zu dem Buch publizierte Antwortfolie des Taschen-Verlags. Von der Frage, ob überhaupt zur Kinderlektüre geeignet sei, was sich im grimmschen Original so grausam und brutal ausnimmt (ja, denn Märchen sind eine Quelle der Fantasie und des Wissens auf dem Weg zum Erwachsenwerden), versteigt sich die augenscheinlich traurig notwendige Rechtfertigung zu so hochmoralischen Debatten darum, wie denn ein Kinderbuch in ein Verlagsprogramm passe, das der Erotik ein eigenes Sortiment einräume. Während man statt der letzten Frage auch jene stellen könnte, ob Eltern, die Sex hatten, Kinder haben sollten – oder nur solche Eltern, denen der Storch den Nachwuchs gebracht hat, knüpft die erste an die aktuelle Diskussion um die Zensur von Mediengewalt an. So wurden im Prozess um die Zugänglichkeit gewalttätiger Computerspiele für Minderjährige Grimms Märchen als Beleg für die notwendige Präsenz dunkler erzählerischer Elemente zitiert.

 

»Nibble, nibble, little mouse whois there nibbling on my house?«

Mit seinem Debüt im Kindersortiment gelingt dem Taschen-Verlag eine doppelte Provokation durch die Neuedition eines Klassikers, der ebenso traditionsreich wie postmodern ist. In den Fotostrecken der Vogue, der Fotografie Eugenio Recuencos, Kinofilmen von Sleeping Beauty, Red Riding Hood und den anstehenden Der gestiefelte Kater und Hänsel und Gretel: Witch Hunters oder Comic- und Fernsehserien wie Fables und Grimm ist Märchen gegenwärtiger als je zuvor. Und mit ihr die Gefahr, das unschätzbare Kulturgut zu zerstören durch Zensur, Verniedlichung und Verstümmelung. Aus der fragwürdigen »Reinigung«, unter der die Märchen besonders in den USA litten, spricht das bigotte Erzwingen des realitätsfremden Konstrukts einer wortwörtlichen Märchenwelt – nicht von Grimm, sondern von Disney. Ein Trost sind angesichts dessen neben der fantastischen Pracht der Illustrationen des magischen Kunstbandes die Worte Creed Poulsons, des US-Pressesprechers von Taschen: »It’s not a Disney version.«

 

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