Die Europäische Union hat ja eine lange Vorgeschichte als Endlager weiterhin strahlender Politleichen; selbst Edmund Stoiber soll bis auf den heutigen Tag zur Geisterstunde durch die Gassen von Brüssel stottern. Kompetenz war dabei nie eines der Auswahlkriterien; Stoiber etwa kümmert sich um den Abbau der Bürokratie in der EU – da ist der Bock zum Gartenarchitekten gemacht worden.
Umso schöner ist es, dass mit Guttenberg nun endlich mal ein Mann nach Brüssel kommt, der in seinem künftigen Ressort schon Sachkenntnis bewiesen hat: Freier Zugriff auf alle verfügbaren Texte, das ist im Groben seine neue Aufgabe. Und da macht ihm kaum einer was vor! Die Internet-Gemeinde jubelt. Seit Jahren versuchen Netzaktivisten, das Urheberrecht auszuhebeln – und jetzt bekommen sie die Galionsfigur der Copy-und-Paste-Kultur! In der Szene heißt er längst DJ Doctor. Weil er wie kein Zweiter aus verschiedensten Tracks eine Promotion zusammensamplen kann.
Neelie Kroes, die EU-Kommissarin, die ihn engagiert hat, will von seiner Bekanntheit profitieren, sagt sie. Und sie hat für ihre Entscheidung eine zündende Erklärung: »Ich suche Talente, ich brauche keine Heiligen.« Man könnte auch sagen: Erst kommen die Fressen, dann kommt die Moral. Ein Karriereprinzip, mit dem Deutsche schon im 20. Jahrhundert sehr weit gekommen sind, unter anderem bis vor Moskau – und übrigens auch in Frau Kroes' Niederlande.
Aber ich will jetzt hier natürlich nicht den erhobenen Zeigefinger schwingen; bei Guttenberg ist der Mittelfinger sowieso viel angebra ... – UND JA, ES IST AUCH NEID DABEI, das muss ich unumwunden zugeben: Erst vor ein paar Wochen hat der Mann das Titelblatt der ZEIT besetzt. Mit neuem Look: Keine Brille mehr, kein Altöl in der Matte. Und dann vier ganze Seiten Interview - für jemanden, der keinerlei Rolle mehr spielt. Früher gabs so was nur unter der Rubrik: »Was macht eigentlich …?« Da sah man dann alle vier Jahre Ingrid Steeger in ihren neuen Sozialwohnung. Ich bin gespannt, wer es als nächstes ins ZEIT-Interview mit Titelbild schafft: »Mubarak – Ich habs nicht so gemeint!«
Und nun ist Guttenberg bereits in Brüssel angekommen. Keine vier Wochen später. Also, dafür, dass er alle Ambitionen verneint – wahrscheinlich hören wir von ihm bald, er habe den Job bei der EU nicht bewusst angetreten.
Wenn Sie mich fragen: Der Mann fliegt eine sehr kompakte Platzrunde, um schließlich doch noch an Deutschlands Spitze zu landen. Bei diesem Zeitplan übernimmt er spätestens im März Wetten dass.