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Freitag, 25. Mai 2012 | 14:33

Kennzeichen T - 27.01.2012

27.01.2012

Fernsehverbot für den Verfassungsschutz

Das Fernsehen gibt uns immer wieder Rätsel auf. Ich frage mich beispielsweise seit Jahren, wer eigentlich die Live-Übertragungen aus dem Bundestag kuckt? Alle paar Monate schluchzen Statistiker eine neue Studie in die ignorante Öffentlichkeit, wie hirntot die Deutschen gegenüber der Politik sind. Und dann Parlamentsdebatten? Live? Im Fernsehen? Wer die 14- bis 49-Jährigen wirklich kriegen will – mit einer Doku-Soap vom letzten Paläontologen-Kongress hätte er bessere Chancen.

 

Eine Kolumne von MATHIAS TRETTER

 

Trotzdem gibt es Phoenix. Bislang dachte ich: Naja, antiker Titel, null Zielgruppe - das Ganze ist ein Kunstprojekt. Öffentlich-rechtlich finanziert, Phoenix aus unserer Asche sozusagen. Um die Entmenschlichung der Medien im 21. Jahrhundert zu demonstrieren: Zuschauerloses Fernsehen – gibt es etwas Trostloseres?

 

Die Antwort ist leider: Ja. Vor ein paar Tagen hat sich herausgestellt, Phoenix ist keineswegs die harmlose Videoinstallation, für die ich es gehalten hatte. Nein, die Bonner Info-Klitsche ist ein fieser Überwachungssender; und zwar im Dienste der traurigsten Gestalten, die momentan durch Deutschland taumeln: der Verfassungsschützer.

 

Was haben sich unsere 000-Agenten zuletzt nicht alles anhören müssen, weil sie die Naziterroristen nicht stoppen konnten! Es war eine ja ganz und gar asymmetrische Bedrohung: Ein provinzielles Netzwerk rechter Loser, die in unserer Gesellschaft nach dem Untergang der DDR nie Fuß gefasst haben, gegen die Terrorkrake von Zwickau!

 

Mit dem Ungleichgewicht waren sie überfordert genug; und jetzt erweist sich, sie konnten gar nicht gegen den Nationalsozialistischen Untergrund vorgehen, weil sie den ganzen Tag Phoenix glotzen mussten. Bundestagsreden der Linken. Wenn Sie jetzt glauben, das ist ein Witz – soviel Fantasie hab nicht mal ich. Der Verfassungsschutz beobachtet die Linke, aber nur in ihren öffentlich zugänglichen Äußerungen. Hauptsächlich werden Reden ausgewertet. Textanalyse, das kennen wir alle noch aus der neunten Klasse. Der Linksterrorist Gregor Gysi z.B. begrüßt das Parlament: »Meine Damen und Herren, Herr Präsident« – und dann heißt es: Was will der Autor uns damit sagen? Und wenn er schließlich ruft: »Wir brauchen eine leninistische Räterepublik!« – dann treten die Agenten in Aktion.

 

Am nächsten Morgen kopieren sie alle Zeitungsartikel mit Gysis Äußerung und schicken sie als streng geheimes Dossier an den Innenminister. Wenn Sie den Innenminister nicht kennen, das ist der CSUler mit der Minipli. Friedrich heißt der Mann, und der meint, die Verfassungsschützer müssten diese Interpretationsaufsätze schreiben, sonst dürften sie ja auch nicht gegen die Mordhelfer von der NPD vorgehen. Ja, die Löckchen sind tatsächlich das Signifikanteste, was bisher aus Friedrichs Kopf gekommen ist. Da mögen Glatzen Schäferhundschauen in Synagogen veranstalten, der Inlandsgeheimdienst muss erst die linken Parlamentspupse auf Phoenix flöhen.

 

Einen Vorteil hat das Ganze: Zuviel Fernsehen macht bekanntlich blöd. Und Stumpfheit in der Birne kann der Verfassungsschutz immer brauchen. Er will ja auch in Zukunft V-Männer einsetzen, die unter den Rechten nicht auffallen.

 

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