Prost!!! Ich sage Ja zu hessischem Apfelwein! Uns ist ja allen ein Stein von der Leber gefallen. Anfang der Woche war klar: Das Abendland ist gerettet, Apfelwein darf weiterhin ‚Apfelwein’ heißen.
Wollte die EU doch tatsächlich den Namen des hessischen Nationalgetränks schänden! Wein sei nur, was aus Trauben hergestellt werde, meinte die EU-Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel. Also, wenn ich mir da manchen Amselfelder anschaue – ich wär’ mir nicht so sicher. Aber die Frau kommt aus Dänemark. Wer sich dort eine Flasche Wein leisten will, muss eine Hypothek aufnehmen.
Immer wieder diese Dänen! Wenn es darum geht, Fanatiker zu ärgern, sie sind da. Erst haben sie mit ein paar Propheten-Skizzen ganz Arabien auf die Palme gebracht, jetzt brennen die Flaggen in Sachsenhausen.
Dabei hat Frau Boel es nur gut gemeint. Die Bezeichnung ‚Wein’ könnte bei Außerhessischen zu Verwechslungen führen. Nicht auszudenken, was passiert, wenn ein französischer Sommelier zum ersten Mal einen Ebbelwoi verkostet, bzw., wie er sagen würde, einen ‚Ebbölwoa’. Der erwartet eine mineralisch-fruchtige Gaumenexplosion irgendwo zwischen Sancerre und Pouilly-Fumé - und dann kommt so eine Erbachhofer Sauerplörre. pH-Wert 1,2. Das ätzt dem die Mundflora bis aufn Knochen durch.
Und eben das wollte Frau Boel verhindern. Bleibt die Frage: Was ist mit Leberkäse? Stellen Sie sich mal vor, ein maitre fromager affineur, der statt Rocquefort Schlachtabfälle auf die Zunge kriegt. Wie sieht’s aus bei Dampfnudeln? Palatschinken? Hundekuchen? Reinigungsmilch? Bei uns in Franken gibt’s Blaue Zipfel – wenn es nach der EU geht, darf die Bezeichnung künftig nur noch für ein Hämatom im Genitalbereich verwendet werden.
Gut, als Franke hält sich das Verständnis für den Aufruhr in Grenzen. Ich komme ja ursprünglich aus Würzburg, das ist die Perle des internationalen Weinanbaus. Und für uns ist Apfelwein – wie soll ich sagen…naja…so wie das hessische Abitur halt.
Außerdem liegt der Entwurf zur neuen europäischen Weinordnung schon seit 4. Juli vor – kaum vier Monate später kommt Roland Koch drauf, er muss den Apfelwein retten. Bzw. der Apfelwein muss ihn retten.
Die SPD-Kandidatin Frau Ypsilanti ist nur noch vier Prozentpunkte hinter ihm. Die könnte die Wahlen glatt gewinnen. In Brüssel zittern sie schon. Das wär’ dann noch einer, den wir in der EU verklappen müssten. Koch war tatsächlich schon im Gespräch, für ein Amt in Brüssel. Wenn jemand wie Edmund Stoiber einen Posten als Kämpfer für den Bürokratieabbau kriegt – was haben die für Koch vorgesehen? Ausländerbeauftragter? Chef des Antikorruptions-Ausschusses?
Das hätten sich die Väter der Europäischen Gemeinschaft auch nicht träumen lassen: Dass die EU irgendwann mal Endlager wird, für gescheiterte deutsche Landeschefs. So ein Ministerpräsidenten-Gorleben.
Aber es ist auch ein Problem: Was macht mit denen nach der Amtszeit? Es ist ja nicht jeder so konsequent wie Barschel. Erwin Teufel studiert. Heide Simonis schmeißt einem das Tangobein in die Bildröhre, der rote Tanzbär. Oskar Lafontaine, war auch mal Landesvater. Wenn man ihn jetzt anschaut - da ist es einem doch lieber, die verschwinden in irgendeiner Brüssler Kommission. Dort können sie keinen Schaden anrichten. Und man hat noch nie von einem gehört, der zurückgekommen ist.
Kurt Beck ist ebenfalls Ministerpräsident. Das sollte sich die SPD doch mal überlegen. Beck will jetzt die Pendlerpauschale zurückhaben. Seit Anfang des Jahres wird die erst ab dem 21. Kilometer gewährt. Es war ja auch doof, dass Leute den Weg vom Frühstückstisch zum Arbeitszimmer abgesetzt haben, 1,2 Kilometer im Jahr. Das ist auch so ein typisch deutscher Sport: Absetzen. In keinem anderen Land der Welt gibt es Bestseller mit dem Titel ‚Der Große Konz. 1000 ganz legale Steuertricks’. Die haben gar nicht so viele Gesetze. Bei uns erscheint das Ding jährlich neu. Da warten sie jedes Jahr schon drauf – das ist wie der Beaujolais Primeur - der Fiskus-Verarschung.
Wär’ doch was für die Buchläden, jetzt wo Harry Potter durch ist. Die Große Konz-Nacht. Um 0 Uhr gibt’s die neuesten Steuertricks. Da kommt man dann verkleidet: als Lohnsteuer-Jahresausgleich. Holt sich das Ding. Die Nacht wird durchgelesen. Die nächsten vier Wochen gerechnet, jeden Abend nach der Arbeit drei Stunden – und am Quartalsende kommt der Hammer: 14 Euro und 2 Cent – gespart. Der Konz kostet 9 Euro 95. Es bleibt einem also der Gegenwert von einer Schachtel Zigaretten. Aber jetzt wird auch das Rauchen verboten.
Die Wiedereinführung der Pendlerpauschale ist übrigens noch unklar. Günter Oettinger ist dagegen. In Schwaben sind Zehntausende umgezogen, damit sie die Pauschale weiter kriegen – wie stehen die denn jetzt da?
SPD und CDU überbieten sich momentan im Revidieren. Eine unpopuläre Entscheidung nach der nächsten wird zurückgenommen. Arbeitslosengeld I, Pendlerpauschale – ich frag mich jeden Tag, was kommt als nächstes? Irgendwann wach’ ich morgens auf, und Deutschland ist geteilt. Und ich wohn in Leipzig, verdammte Scheiße. Da gibt’s nur eins: Nicht ärgern lassen!
©Mathias Tretter
Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007
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