Endlich mal ein Montag, an dem man stolz zurückblicken kann. Die Erde ist wieder gerettet worden, letzte Woche. Diesmal in Bali. Das machen die inzwischen ganz turnusgemäß. Jetzt können wieder ein Jahr lang beruhigt alles in die Atmosphäre knattern, was uns einfällt: Kohlendioxid, Methan, Senfgas – vollkommen egal. Bald ist ja wieder Klimakonferenz. Und dann werden wir wieder gerettet.
Sie haben dieses Mal aber auch Druck gemacht. Die wissen ganz genau, die Zeit läuft ab. Deshalb wurde in Bali in größter Eile darüber diskutiert, was 2009 in Kopenhagen besprochen werden soll. Sogar die Amerikaner haben sich bewegt: Eine so genannte Roadmap soll erstellt werden. Eine Roadmap! Wir erinnern uns, das ist dieses Konzept, das schon in Palästina für Frieden gesorgt hat. Übersetzt: Straßenkarte. Und die soll natürlich aus den USA kommen – einem Land, wo die meisten Straßen geradeaus gehen. Man muss eigentlich nur einen Strich von links nach rechts ziehen, von Westen nach Osten. Dann hat man in den USA eine Roadmap. Und genau das wollen sie beim Klima jetzt auch wieder machen: Durchstreichen.
Ich glaube ja, die Klimakonferenz, das ist die neue Olympiade. Sport will ja keiner mehr anschauen, seit da nur noch Pharma-Zombies durch die Stadien wanken. Jeder sagt sich: Olympische Spiele? Da kann ich auch in ne Geisterbahn.
Nein, Klimakonferenz, das sind die Spiele, die wir künftig sehen wollen. Alle zwei Jahre. Einmal Sommer-, einmal Winterspiele, Hauptsache im Dezember. Wo sie stattfinden, entscheidet das IAC, das Internationale Apokalyptische Komitee. Kyoto, Bali, Kopenhagen. Ganz oben auf der Liste ist seit langem schon Amsterdam. Das wird’s in 40 Jahren nicht mehr geben. Und da sagen natürlich alle: Da müssen wir noch mal hin und die Welt retten. Dann kann’s auch untergehen. Holland – braucht eh keiner. Wir Deutschen legen noch Niedersachen, Schleswig-Holstein und Meck-Pomm drauf – dann hat Mitteleuropa endlich mal eine sexy Küstenlinie. Und Roland Koch wird Deichgraf.
Aber ganz so viel ist von Bali auch nicht rüber geschwappt. Die Welt geht unter, aber die Bundesregierung macht sich Gedanken um Wichtigeres: Vorstandsgehälter. Die Frage: Was verdienen Manager – und was kriegen sie? Es ist eigentlich ganz klar geregelt: Wer den Wert eines Unternehmens steigert, kriegt eine Prämie; wer es an die Wand fährt, eine Abfindung. D.h. bei Managern funktionieren die sozialen Sicherungssysteme noch. Selbst das größte Hohlbrot ist versorgt, was auch immer es tut.
Aber wenn in Deutschland mal etwas richtig läuft, kommt sofort die Große Koalition, und fragt, was können wir dagegen tun? Statt dass sie versuchen das Konzept auch auf andere Berufsgruppen auszuweiten. Auf die Schrauber von Airbus, zum Beispiel. Wer gut tackert, erhält eine Prämie; wer einen Flügel ans Cockpit montiert, fliegt raus und kriegt drei Millionen Abfindung. Jetzt sollen 10000 Stellen gestrichen werden. Wenn die alle vor der Kündigung einfach ein Flugzeug unbrauchbar machen, ist jeder versorgt.
Aber das geht nicht, wegen der deutschen Neidkultur. In den USA, heißt es immer, da ist es ganz anders. Bei uns ist Geld Prostitution, dort ist es Religion. Wer hier viel verdient, ist schmutzig, dort heilig. Wegen des Puritanismus. Mit jeder Million kriegt der Amerikaner einen Optionsschein auf eine Rabatte im Paradies. D.h. wer auf Erden mächtig Schotter hortet, wird im Jenseits ein ordentliches Grundstück beziehen. Ich wäre da vorsichtig, als jemand wie Donald Trump. Der lacht sich hier ins Fäustchen, die Paradiesparzelle ist schon gebucht. Und dann kommt er rüber – und der Muslim ist schon da. Sitzt auf dem Nachbargrundstück und macht einen Riesenlärm, mit seinen 72 Jungfrauen.
Die Kommunisten wollten ja das Paradies auf Erden. Und bei denen ist der Allmächtige tatsächlich gekommen: Vladimir Putin. In Russland wurde letzte Woche die Erbfolge geklärt. Vladimir Putin hat endlich einen Nachfolger gefunden. Und zwar einen dynamischen Juristen aus St. Petersburg, der selber schon jahrelang Erfahrungen im Kreml gesammelt hat. Der Mann heißt Vladimir Putin.
Und der wird als Premierminister weiterregieren. Als Staatspräsident darf er nicht. Deswegen musste Putin für den Präsidenten-Job einen geeigneten Speichellecker finden. Aber Gerhard Schröder hatte leider keine Zeit. Denn er arbeitet jetzt für die Chinesen. Offizieller Auftrag: Er soll die chinesische Heilmedizin in Europa verbreiten. Grüntee, Nashornpulver, Arbeitslager.
Und das Chi natürlich. Das ist die Energie, die durch uns alle fließt. In China ist die ganz besonders groß bei Anhängern der Falung-Gong-Bewegung. Die werden dort mitunter auf Stühle geschnallt – und dann fließt aber was durch die durch…
Und Schröder ist für Merkels Chi zuständig. Frau Merkel ist ja bei allem so unwillig. Arbeitslosengeld, Rentenreform, Pendlerpauschale – nee, jetzt nicht, sie hat Migräne. Aber das ist kein Kopfweh. Da plätschert einfach das Chi in die falsche Richtung. Und jetzt kommt der Schröder mit den Akupunktur-Nadeln und haut ihr ein Heilpiercing ins Ohrläppchen. Und schon hat sie ne Ausrede weniger. Trotzdem: Nicht ärgern lassen!
©Mathias Tretter
Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007
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