Na, sind Sie reich beschenkt worden? Ich hoffe nicht. Sie haben es nicht verdient - als beflissene Kulturmenschen nur aufgrund eines obsolet gewordenen Geburtsmythos mit den Monstrositäten der Konsumgesellschaft beworfen zu werden: Krawatten. Tonträger. Modeschmuck aus chinesischer Minderjährigen-Produktion. Scheußlich, dieser schimmernde Tinnef einer global entfesselten Marktliberalität, die jährlich zum Gründungstag der Leitmetaphysik des Abendlandes, in nachgerade perfider Dialektik immer neue, immer menschenfeindlichere Opferfeste auf dem Altar eines von ihr selbst verkündeten allgemeinen Wohlstandes feiert, der sein christliches Fundament nur insoweit nicht verleugnet, wie es die eigene Verkäuflichkeit fördert.
Ja, ich hab eine Menge Feuilleton gelesen, die letzten drei Tage. Und was soll ich sagen - es war nicht ausreichend Glühwein vorhanden, um alles wieder zu vergessen. Ich bin selber schuld. Man sollte in diesen Tagen keinesfalls den Kulturteil aufschlagen, ohne Vorsorge zu tragen, dass Alkoholika in amnesiesicheren Mengen bereit stehen.
Weihnachten ist schlimm, das wissen wir alle: Die Fußgänger-Zone, die Betriebsfeiern, das permanente Sodbrennen. Dazu der Kaufrausch, der große Teile der Bevölkerung in Zwitterwesen aus Hyäne und emotional unterversorgter Endvierzigerin verwandelt - und zwar Frauen wie Männer, jeden Alters. Die durchschnittliche Siebzehnjährige kauft heute schon ein, als hätte sie seit acht Jahren keinen Sex mehr gehabt.
Was Weihnachten aber erst wirklich unerträglich macht, sind die Feuilletonisten, die das anprangern. Jedes Jahr leuchtet die vierte Kerze auf dem Kranz dem deutschen Kulturjournalisten den Weg in die Konsumkritik.
Allen voran natürlich die ZEIT. Das ist diese Broschüre von Deutschlehrern für Deutschlehrer, in die ein normaler Mensch nicht mal seinen Salat einwickeln würde. Das Zentralorgan der Geistespullunder dieser Republik. Und dort hat jetzt Iris Radisch, die Literaturchefin der ZEIT, also sowas wie die Deutschlehrerin der Deutschlehrer, die Quadratgermanistin sozusagen, dort hat Frau Radisch anlässlich des Christfestes etwas ganz Unerhörtes aufgedeckt: Konsum allein macht nicht glücklich.
Holla aber! Dann probier’s halt mal zu zweit, dachte ich mir erst – aber papperlappapp!, es ging um Tieferes. Links eine Anzeige für Armbanduhren im Wert eines Hartz-IV-Jahrzehnts, rechts die ganze Seite für den neuen VW Tiguan, und dazwischen die Konsumverdammung von Reverend Radisch - Zitat: „Wir brauchen einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz“.
Ich weiß, warum ich Deutsch immer geschwänzt hab. Einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz, das haben wir seit 200 Jahren. Hätte er ein tierisches Gesicht, würde er Ruhe geben, wenn genug zu Fressen da ist.
Und das muss so sein. Kapitalismus basiert allein auf Gier. Und Demokratie basiert auf Kapitalismus. Folglich ist der momentan größte Demokrat im Land Herr Zumwinkel.
Verzicht dagegen wäre undemokratisch. Wenn alle Verzicht üben, bricht der Markt zusammen. Und damit das demokratische System. Wundern Sie sich, dass der Dalai Lama keine Demokratie auf die Beine bringt?
Nein, was wir brauchen, ist ein Mensch mit kapitalistischem Antlitz. Einer, der „Ja“ sagt zum absoluten Konsum. Der mehr einkauft, als er sich leisten kann, und selbst den Einkauf noch von Dienstleistern erledigen lässt – ein Angestellter, der die Geschenke aussucht, einer, der sie einpackt, einer, der sie schenkt.
Und bald gibt es
die Marktneuheit: einer, der sie geschenkt bekommt. Und sich professionell freut. Geben Sies doch zu, Sie haben’s doch schon lange satt, jedes Weihnachten die Missmutsschnuten Ihrer undankbaren Blagen anzusehen; die Gattin, die sich wieder monatelang verweigert, weil die Konfektionsgröße nach oben abgewichen ist. Das muss nicht sein! Jetzt ist Polen offen. Das ist der neue Trend: Mit Schengen schenken. Drei Euro die Stunde, da schmeißt der Lech seinen Job hin und wird Saisonbeschenkter. Lego-Burg, Duftlampe, Rasierschaum – das nimmt der alles mit einem Lächeln in Empfang. Wer will denn immer nur Spargelstechen?
„Zeit für große Gefühle“ – ist übrigens der Slogan für den VW Tiguan, wie er in der Verzichts-Gazette DIE ZEIT beworben wurde. Eine sinnloses Gelände-Auto, das sich nur die Gierigsten der Gesellschaft kaufen können. Man könnte auch sagen: Der Mehr-Demokratie-Wagen. Ich wünsche Ihnen einen Jahreswechsel mit menschlichem Antlitz – und wenn danach die Schuhe versaut sind: Nicht ärgern lassen!
©Mathias Tretter
Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007
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