Das fängt ja gut an, mit dem neuen Jahr. Der erste Feiertag fällt gleich auf einen Sonntag – da haben doch wieder die Arbeitgeber-Verbände dran gedreht. Ich bin an Dreikönig sowieso schon immer depressiv: Der Christbaum wird kompostiert, und die FDP ist überall präsent. Jedes Jahr denk’ ich, wie schön, wenn’s umgekehrt wäre.
Epiphanias, so nennen wir Liturgiekenner diesen Tag. Kommt von griechisch ‚epiphaneia’ – übersetzt in deutsche Gegenwartssprache heißt das soviel wie ‚vollkrasser Burner’. Das Hochfest der Erscheinung des Herrn. Gott steigt von seinem Thron und kommt auf uns Sterbliche nieder, in Form einer närrischen menschlichen Maskerade: Guido Westerwelle. Ja, 2000 Jahre Myrrhe inhaliert, da kommt man auch als Allmächtiger auf komische Ideen.
Montag geht’s dann gleich weiter, in den archaischeren Gegenden des christlichen Europas. Am 7. Januar feiern bekanntlich die Orthodoxen die Geburt ihres Heilands. In Wildbad Kreuth. Dort ist er 1976 niedergestiegen, und hat die CSU erlöst. Mit dem Trennungsbeschluss von Kreuth. Seitdem wird an diesem Ort jährlich Franz Josef Strauß gehuldigt, in zum Teil animistischen Ritualen. Da wird der ‚Geist von Kreuth’ beschworen. Das sind dann Irre, die Verbindung zu ihm aufnehmen und in Rätseln sprechen. Letztes Jahr haben sie einen Stotterer geopfert.
Gut, wir Zivilisierten sollte da nicht allzu überheblich sein. Bei uns rennen maskierte Adoleszenten hinter einem Stern her, den sie selber tragen – und holen ihn nie ein. Dafür klingeln sie einen frühmorgens um halb zwölf aus dem Bett, um den Eingang mit einem Kreidegraffiti zu versauen. C+M+B – als Kind dachte ich immer, das sind Physikstudenten, die sich kein Papier leisten können. Deshalb schmieren sie ihre Formeln an Haustüren und betteln um Geld.
Übrigens noch ein Grund, warum ich an Dreikönig immer depressiv bin: Da denkt man, es ist endlich Schluss mit diesem Spendentheater – dann schickt einem die Pfarrgemeinde bemalte Minderjährige auf den Hals, um das allerletzte Almosen rauszupressen. Wenn ich diese selbst gebastelten Sternsinger-Kostüme schon sehe, dieses Ärmliche: eine Krone aus dem Nintendo-Karton von Heiligabend, so ein abgetragner Bogner-Pulli als Turban, das Gesicht dürftig mit dem Feinstaub von Papas Turbodiesel geschwärzt – ich kann mir das nicht tatenlos anschauen. Ich haue sofort die Tür zu.
Heute waren ganz besondere Früchtchen da. Sie sammeln für Unicef. Da hab’ ich aber auf den Türstock gehauen: „Ich will wissen, wo meine Spenden hingehen!“ – Sagt der kleine Melchior: „An Dirk Sommerfeld von Boston Consulting.“ – „Und was macht der?“ – „Der berät Unicef.“ – „Worin?“ – „Na, wie die Spendengelder verteilt werden: Wieviel geht in die Verwaltung, was kriegen andere Beratungsfirmen, was kostet uns Heide Simonis usw. Der legt auch die Prämien für die Sternsinger fest.“ – „Aha, und was kriegt ihr dieses Jahr?“ – „Für den Besten gibt’s eine Incentive-Reise nach Israel.“ – „Damit ihr heiligen Stätten mal selber sehen könnt.“ – „Ja, wenn sie den ClubMed in Haifa so nennen wollen…“ – „Und was bleibt eigentlich für die Kinder in Afrika?“ – „Die haben den Imagegewinn. Mit den Vereinten Nationen zu hungern, bringt einen PR-Vorsprung. Will ja keiner von einer Schmuddel-Organisation bemitleidet werden.“
Und damit hatte der Kleine nicht ganz unrecht. Es drängen immer mehr zweifelhafte Organisationen auf den deutschen Spendenmarkt. Und da geht’s jetzt nicht um die CDU. Bis zu fünf Milliarden Euro spenden die Deutschen jedes Jahr – und dieses Geld ist heiß umkämpft. Vor allem amerikanische Nächstenliebe-Konzerne investieren in den letzten Jahren aggressiv ins deutsche Erbarmen.
Allein die Charity-Events: Hotel Adlon. Stargast John Travolta. Limousinen-Service. Bengalische Lichter, dagegen war Dresden ’45 ein Tischfeuerwerk. Und dreihundert Meter Buffet von Alfons Schuhbeck. Hummer-Fressen für ‚Brot für die Welt’.
Ich sag Ihnen, für zwei Millionen hauen die eine Gala raus, dass es kracht. Damit sammeln sie 80.0000 Euro Spenden. Die gehen direkt an ‚Starvation Buster’, das ist eine Organisation, die ist auf hungernde Nomaden in der Sahel-Zone spezialisiert. Die retten mit diesem Geld zwei Kinder, über die nächsten drei Wochen.
Also, meine Damen und Herren, es lohnt sich, Gutes zu tun. Wenn Sie wirklich helfen wollen, nehmen Sie hundert Euro, kaufen sich eine Flasche Champagner und geben den Rest einem Obdachlosen. Dann sind zwei Leute besoffen und keiner beschissen. Alle anderen Spender - nicht ärgern lassen!
©Mathias Tretter
Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007
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