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Freitag, 25. Mai 2012 | 14:35

 

Satirischer Wochenrückblick

13.01.2008


Nicht ärgern lassen


Der satirische Wochenrückblick von Mathias Tretter. Zu hören im
Hessischen Rundfunk, zu lesen im Titel-Magazin. Woche 3

 

Was muss ich diese Woche in der Süddeutschen Zeitung lesen? Überschrift auf der Vorderseite: „Merkels neue Schwäche – Die Kanzlerin stößt ins Horn von Roland Koch“. Naja, jeder das Ihre. Roland Koch ist ja bekannt für seine Härte.
Momentan ist er der brutalstmögliche Bekämpfer von jugendlichen Schlägerbuben weltweit. Die CDU hat endlich eine innovative Methode entdeckt, sich neue Wählerschichten zu erschließen: Man muss Erstwähler nur solange einsperren, bis sie schwarz werden.

Ich als Deutscher habe ja neuerdings Panik. Jedenfalls hab ich das in der Zeitung gelesen. Und im Fernsehen gesehen. Sogar im Radio wurde es gesagt – Kommentar im Deutschlandfunk, auch in dieser Woche: Die New Yorker Bronx liegt jetzt in der Münchner U-Bahn. Das ist mir beim letzten Mal schon aufgefallen, als ich in der runtergekommenen bayerischen Landeshauptstadt war. Allein die U-Bahn-Station Marienplatz – eine Crackhölle! Ich dachte immer, das seien Weißwürste, die da verkauft werden. Von wegen! Stoff, in Kondome gepackt! Die New Yorker wissen gar nicht, wie gut sie es haben. Was sind schon ein paar Schießereien in der Metro North, gegen zwei türkische Schlingel, die einen Pensionär verklopfen?
Das haben wir jetzt von unserem Alarmismus wegen der Überalterung. Diese beiden Migranten wollten sich einfach nur integrieren. Die hören seit Jahren, es gibt zu viele Rentner in Deutschland – also sind sie auf die Idee gekommen: Gut, dann tun wir was gegen den demographischen Wandel.

Und jetzt tut die CDU was gegen Jugendliche. Abschreckung – ein Mittel, das schon in den USA die Kriminalitätsrate signifikant unverändert gelassen hat. Das Gegenteil eines Politikers ist ja der Experte. Und alle Experten sagen einhellig, diese Maßnahmen, die jetzt gefordert werden - Heraufsetzung der Höchststrafe, Warnschussarrest, Anwendung des Erwachsenenstrafrechts ab dem 18. Lebensjahr - die bringen in höchstem Maße gar nichts. Außerdem ist die Jugendkriminalität seit Jahren auf dem gleichen Niveau.
Da antwortet die Union, dann müssen wir eben was tun, damit sie dort auch bleibt. 15 statt 10 Jahre einsperren. Noch mal 10 Semester mehr, die dafür sorgen, dass dem Jungverbrecher auch wirklich die letzte Nuance der Umerziehung durch seine Mithäftlinge angedeiht. Es ist nicht dran zu rütteln: Jemand, der fünfzehn Sommer im Knast war, den integrieren Sie in keine Gesellschaft mehr. Nicht mal in die CDU.

Damit es gar nicht erst soweit kommt, müssen wir natürlich auch die Ursache von Gewalt bekämpfen. Und die wurde uns vor ein paar Tagen ganz klar genannt. Vom baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günter Oettinger. Schuld ist das – Zitat: „Scheiß-Privatfernsehen.“ Das nenne ich Empathie! Endlich mal jemand, der sich auch in seinem Vokabular in die Situation jugendlicher Bildungsverlierer hineinversetzen kann. Da wird auf Augenhöhe kommuniziert. Daran sollten sich seine Kollegen ein Beispiel nehmen. Etwa Roland Koch, wenn er sagt - Zitat: „Jugendliche Täter dürfen nicht mit Verständnispädagogik behandelt werden und regelmäßig offenen Vollzug bekommen“ - ganz falsch! Richtig müsste es lauten: Keine Kuschelkacke für Ober-Asis! Easy bei den Homies abknasten ist nicht mehr!
Koch sollte ein Wochenend-Seminar bei MC Oettinger absolvieren - und er gewinnt die Wahlen. Mit den Stimmen aller jungen Kriminellen. Augenhöhe, das ist es! Da kann die Ypsilanti nicht mithalten – das ist eh ne Ische, aus dem Hood von Rüsselheim - das geht ja gar nicht! Koch muss nur einen Fehler vermeiden: Er darf die Jungs nicht abschieben lassen, bevor sie für ihn gestimmt haben.

Und der Oettinger sollte künftig wieder den Mund halten. Sonst kommt noch raus, wer verantwortlich ist, für das Scheiß-Privatfernsehen. Richtig: Seine eigene Partei. Die hat das 1982 angezettelt. Unter Führung von Helmut Kohl. D.h. hätten wir Birne früh genug bekämpft, läge heute ein Rentner weniger in einer Münchner Klinik. Roland Koch hätte immer noch kein Wahlkampfthema, und Frau Merkel wäre weiterhin auf der Suche nach einem Horn. Nicht ärgern lassen!

©Mathias Tretter









Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







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