Ja, was soll man sagen, eine Woche danach? Wenn uns das Schicksal streift, greifen wir einstigen Gymnasiasten gerne mal zum Lateinischen: ‚Post votum animal triste’ - nach dem Votivkreuz ist dem Wahlvieh fade. Oder so. Jedenfalls hat sich bleierne Schwere über Hessen gelegt, und in Wiesbaden wartet man verzweifelt auf den roten Ritter, der dem kranken König die richtige Frage stellt: Und, Roland, wie wär’s mit uns?
Aber es kommt keiner. Roland Koch bleibt fest im Griff der Bronchitis. Stimmversagen letzten Sonntag, und jetzt geht’s um seinen Hals. Deshalb hat er sich eine Auszeit genommen. Ich lese grade, er musste sogar die Teilnahme an einer Karnevalssitzung absagen, in Kassel – seit wann trifft sich die CDU-Fraktion in Kassel? Ach nein, hier steht’s: Bei den Kasseler Narren – was es alles gibt: die Kasseler Narren! Da fällt dem Gymnasiasten gleich das Wort ‚Tautologie’ ein.
Aber Koch hat’s schon schwer. Er dachte immer, rechts von ihm sei die Wand. Irrtum! Rechts von ihm ist die Linkspartei. Die Geistesglatzen, die früher die NPD abgeschöpft hat, machen jetzt in Lafontaine. Und rechts von der Linkspartei ist die SPD. In der so genannten linken Mitte. An der die Grünen wiederum rechts vorbei ziehen. Wo die CDU schon mit linkischen Anträgen auf sie wartet. Wenn Sie mich fragen - es ist kein Wunder, dass knapp ein Zehntel für die FDP gestimmt haben. Irgendwann ist man einfach so verwirrt…
Die Wechselwähler, hieß es, haben ja auch wieder eine große Rolle gespielt. Wechselwähler, ein anderes Wort für Sozialdemokraten. Die können einem wirklich leid tun. Machen ihr Kreuz immer bei der SPD, immer! Aber die Stimme geht jedes Mal an eine andere Partei. Kommt einfach darauf an, wer gerade Vorsitzender ist. Wenn Sie 2005 für Schröder gestimmt haben, und jetzt für Frau Ypsilanti – Glückwunsch! Sie haben in zweieinhalb Jahren das gesamte Politspektrum abgedeckt, das es noch gibt: Von schattig bis farblos, von Russland bis Rüsselsheim.
Der Chef der Hessen-FDP zum Beispiel, Jörg-Uwe Hahn, hat jetzt eine schwarz-gelb-grüne Koalition ins Gespräch gebracht. Ja, wann immer in der Politik die entscheidende Portion Realismus fehlt, kommt die FDP – um die Lücke zu vergrößern. Unsere sympathische Achtzehn-Prozent-Partei mit dem eigenen Kanzlerkandidaten.
Haben die doch die ‚Schwampel’ wieder ausgegraben! Die ‚schwarze Ampel’. Hört sich erstmal an, wie eine neue Idee von Wolfgang Schäuble - Selbstschussanlage für Verkehrssünder oder sowas, - aber nein: Was sich dahinter verbirgt, ist natürlich der Zusammenschluss von Christdemokraten, Freien Demokraten und den Grünen. Also, klassisches Bürgertum, Neoliberale und die FDP.
Auch Jamaika-Koalition genannt. Das sagen diejenigen dazu, die noch nie in der Karibik waren und in einem Coffee-Shop Jacobs Krönung bestellen. Mich persönlich beruhigt der Name. Denn damit gibt’s dann doch noch einen Sieger der hessischen Landtagswahl: Die Tourismus-Branche. Nach der letzten Bundestagswahl wurde eine Woche lang über Schwarz-Gelb-Grün diskutiert, daraufhin sind die Buchungen für Jamaika-Reisen um zehn Prozent gestiegen. Ja, der deutsche Konsument ist von durchaus überschaubarem Geist. Sobald er von etwas Neuem fünfmal im Fernsehen gehört hat, muss er’s haben. Die Mitarbeiter von OBI sind gestern ausgerastet. Über siebzig Kunden mit der Frage: „Wo sind denn hier die Schwampeln?“ Irgendwann haben sie einfach geantwortet: „Gucken Sie ma’ draußen im Hof, beim alten Eisen. Gleich neben dem Mann mit der Jugendgewalt.“ Nicht ärgern lassen!
©Mathias Tretter
Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007
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