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Freitag, 25. Mai 2012 | 14:36

 

Audio: Satirischer Wochenrückblick (KW 7)

11.02.2008


Nicht ärgern lassen


Der satirische Wochenrückblick von Mathias Tretter. Zu hören im
Hessischen Rundfunk, zu lesen im Titel-Magazin. Woche 7

 

Diese Woche kann ich endlich mal mit einem positiven Gefühl abschließen. Vor vierzehn Tagen wurde gewählt. Seitdem ist nichts passiert in Wiesbaden, und man sieht: Es geht auch ohne Regierung. Es sollte bei jeder Wahl ein Patt geben - was Besseres kann uns gar nicht passieren! Wir sehens an der großen Koalition: zwei Parteien, die sich gegenseitig handlungsunfähig machen - und schon ist Aufschwung.
Der Trend geht zum Remis. Auch international. Vorreiter sind wie immer die Amerikaner. Der Irak-Krieg, zum Beispiel – ein klassisches Unentschieden. Oder jetzt am Super-Tuesday: Clinton – Obama, das nimmt sich nichts. Man hörts überall: „Des eine ne Frau, das andere ein Schwarzer – sach ich: Null zu Null.“
Bei den Republikanern hat John McCain gewonnen. Obwohl er in der Partei unbeliebt ist, weil er Einwanderer für Menschen hält. Sein Mitbewerber Mitt Romney hat sogar seine Bewerbung zurückgezogen. D.h. es gibt jetzt eine Situation, wie sie bei US-Wahlen noch nie da war: Es sind nur noch Angehörige von Minderheiten aufgestellt - weiblich, farbig oder intelligenter Republikaner.

Die Frage, die speziell wir in Deutschland uns seit dem letzten Dienstag stellen, lautet: Wie kapiere ich das amerikanische Wahlsystem? Ich komme aus Bayern – ich bin Kummer gewöhnt, wenn es um Abstimmungen geht. Bei uns sind bald Kommunalwahlen, und da kann man ‚panaschieren’ und ‚kumulieren’ – das erzählen Sie mal in anderen Bundesländern! Als ich das erste Mal an meinem neuen Wohnort Leipzig wählen durfte, hab’ ich ganz naiv gefragt: „Kann man hier auch kumulieren?“ – Den Blick des Wahlhelfers hätten Sie sehen sollen! Wie früher, bei DDR-Wahlen. „Guder Mann, dafür sind wiör hiör nüscht zuständisch. Aber wenn Se unbedingt müssen – Toilette is hinten räschts.“

Wo war ich grade? Ach ja, Wahlsystem. Ich habs jetzt mal nachgelesen, ich hab da so ein historisches Nachschlagewerk – „Irrtümer der Weltgeschichte“ –, und die amerikanischen Wahlen funktionieren folgendermaßen: Momentan sind nur Vorwahlen. D.h. gewählt wird, wer dann gewählt werden darf. Und der Kandidat, der genug Spendengelder sammelt und in Missouri gewinnt, wird Präsident. Das ist so in groben Zügen das amerikanische Wahlsystem.
Sie könnens auch in jeder Zeitung nachlesen. Missouri, das ist der Staat, auf den alle starren. Seit über 100 Jahren hat jeder spätere Präsident Missouri gewonnen. Dort leben 2% der amerikanischen Bevölkerung, und wenn die was wollen, kann der Rest des Kontinents sich auf den Kopf stellen und mit dem Hintern wackeln - die kriegens. D.h. das Wahlsystem ist unfassbar ineffektiv. Unternehmensberater schlagen die Hände über dem Kopf zusammen. Die sagen, wenn Missouri den Gewinner bestimmt, wieso wird in Kalifornien überhaupt gewählt? Iowa? Oregon? Bagdad? Von wegen ‚schlanker Staat’ - Amerika hat einen Wasserkopf von 294 Millionen Wählern, die könnte man alle rausschmeißen.

Jetzt haben die Amerikaner aber nicht nur einen Abstimmungsmodus, der sich ausnimmt, wie die Klassensprecherwahl von Franz Kafka. Das Ganze trifft auch noch auf eines der schlechtesten staatlichen Bildungssysteme. D.h. viele wissen weder, wen sie eigentlich wählen, noch wie Wählen in der Praxis überhaupt funktioniert. Aber Abstimmen tun sie trotzdem. Und zwar an einer Wahlmaschine, die sich permanent verzählt. Das letzte Ergebnis war George W. Bush.

Ein weiteres Unglück, das durch fehlende Bildung ausgelöst wird, ist übrigens Übergewicht. Hat eine soeben erschienene Verzehr-Studie des Bundesgesundheitsministeriums festgestellt. Intelligenz ist indirekt proportional zum Körpergewicht. Je praller die Plautze, desto dünner die Denke.
Und da stimmt die Demokratie dann wieder: Die Amerikaner sind das dickste Volk der Welt – und ihr Kopf ist Bush. In Deutschland sind knapp drei Viertel der Bevölkerung übergewichtig – und laut SPIEGEL-Umfrage von dieser Woche liegt die Zustimmung für Frau Merkel bei 74%. Voilá.
Und in einem Parteibüro in Wiesbaden zerbeißt sich einer vor Wut die Lippen und denkt sich immer wieder: Hätten die Hessen nur mehr gegessen. Nicht ärgern lassen!


©Mathias Tretter









Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







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