Mir ist ganz wehmütig. Fidel Castro ist gegangen! Der Held unserer frühen Jahre. Wer kein Unmensch ist, der hat ihn irgendwann mal verehrt. Pumuckl, die drei Fragezeichen, James Bond, Che Guevara, Fidel Castro – das war eine Reihe. Und dann ist man in die Oberstufe gekommen.
Gut, manche durften nicht in die Oberstufe. Die waren stattdessen in der Antifa. Das waren so Arbeitsgemeinschaften für schlecht frisierte Jugendliche. Gabs an jedem Gymnasium. Immer in der Teestube der Schülermitverantwortung, da war eine Ecke, in ders ein bisschen feucht war, am Boden Stummeln von Selbstgedrehten, da hats auch ein bisschen komisch gerochen, geschimmelt – was die eben so brauchten, um sich revolutionär aufgehoben zu fühlen – und da haben die sich getroffen: ‚Der Schülerladen’, ‚Die Rote Zecke’ – so hießen die damals. Oder die ‚Antikapitalistische Internationale zur Bekämpfung des Weltimperialismus’, das waren meine Freunde Didi und Beule.
Und Beule ist dann später tatsächlich mit so einer Autonomen-Gruppe nach Kuba geflogen, um Fidel gegen die USA zu unterstützen. Mit Landarbeit. Deutsche Linksradikale und Landarbeit – ich hab mir immer gedacht, wie furchtbar schlecht muss es diesem Land gehen, dass die sich das antun - also die Kubaner. Linksradikale und Landarbeit, das ist wie Gysi beim Basketball.
Stellen sie sich mal vor, wenn so ein Kreuzberger Kiffer das erste Mal vor einer Zuckerrohrpflanze steht – der raucht die! Und die haben das alles auch noch aus eigener Tasche bezahlt: 2000 Mark für den Flug nach Havanna – um dort für 4000 Mark Schaden anzurichten. Wenn sie hier geblieben wären, 1000 Mark für Kuba gespendet hätten und für die anderen 1000 Gras gekauft, wäre allen gedient gewesen: Fidel hätte 5000 Mark gespart und wir hätten sie trotzdem n halbes Jahr nicht gesehen.
Der arme Fidel. Neun US-Präsidenten hat er überstanden, 637 Attentate, Invasion in der Schweinebucht, Zerfall der Sowjetunion – aber jetzt wars dann eben doch Zeit, zurückzutreten. Es wird ja immer noch gerätselt, was er eigentlich hat, dass er sein Amt aufgeben muss – Darmentzündung, Altersdiabetes. Oder doch eine Stiftung in Liechtenstein.
Ja, wer weiß denn, welcher Name noch auf dieser Liste vom Bundesnachrichtendienst auftaucht! „Komm, wir machen uns nen schönen DVD-Abend.“ – in Managerkreisen läuft das grade unter schwarzer Humor. Hollywood hat schon Interesse angemeldet: ‚Steinbrücks Liste.’
Jetzt ist das große Rätselraten ist ausgebrochen: Bin ich auch drauf? Sie kennen das, man verliert ja so leicht den Überblick: Kanalinseln, Monaco, Liechtenstein – wo steckt das Kleingeld bloß grade? Man kann ja auch keinen fragen. Bei den Banken sagen alle, sie wissen von nichts. Die bayerische Landesbank wusste nicht mal, dass sie 4 Milliarden im amerikanischen Immobilienmarkt hat. Vor April hätten sie keine belastbaren Zahlen, hieß es. Man kann ja nicht davon ausgehen, dass ein Vorstand mitkriegt, wo das Geld seiner Bank steckt. Irgendwann wollten es dann aber doch zu viele wissen - also haben sie in Pullach angefragt, obs da nicht vielleicht ne DVD…
Unsere Politiker sind natürlich vollkommen verstört. Schwarzgelder, Liechtenstein – davon haben sie noch nie gehört. Angela Merkel meinte sogar, ihr fehlt dafür die Vorstellungskraft: „Das hat bei uns immer Herr Schalck-Golodkowski erledigt.“
Umso saurer hat sie reagiert! Drastische Maßnahmen hat sie gefordert, und zwar von Liechtenstein. Die sind schuld! Dort gibt es 84000 Briefkasten-Firmen, bei 35000 Einwohnern. Das sind 2,4 Briefkästen pro Einwohner. Ist doch klar, dass ein Postchef dort investiert. Ich war drauf gefasst, dass sie Krieg erklärt. Liechtenstein hat keine eigene Armee. Also, da wär selbst für die Bundeswehr ein Unentschieden drin gewesen.
Worüber ich mir noch Gedanken mache: Wenn die jetzt alle auf einmal erwischt werden – wohin mit denen? Unsere Gefängnisse sind doch dafür gar nicht ausgelegt: Häftlingsschwemme aus der Oberschicht – knapp 1000 sozial nicht Integrierbare! Das kann man doch einem gemeinen Bankräuber nicht zumuten. Der hat schließlich für seine Strafe gearbeitet.
Und noch schlimmer: Irgendwann kommen die wieder raus. Wie resozialisiert man jemanden, wie Klaus Zumwinkel? Der noch nie in normalen Verhältnissen gelebt hat. Wenn er nicht austicken soll, gibt’s nur eins: Zurück ins alte Umfeld. Mit den Kollegen. Und dann zum Weltwirtschaftsforum. Die deutsche Delegation erkennt man in Zukunft an den selbst gestochenen Tätowierungen. Die werden sich in Davos den Castro noch zurückwünschen. Nicht ärgern lassen!
©Mathias Tretter
Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007
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