Thomas Kistner: Fifa-Mafia von Michael Ebmeyer Andrea Maria Schenkel: Finsterau David Small: Stiche. Erinnerungen "Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert Kennzeichen T - 28.04.2012
Freitag, 25. Mai 2012 | 15:32

 

Audio: Mathias Tretters Wochenrückblick (KW 19)

05.05.2008


Nicht ärgern lassen

Der satirische Wochenrückblick von Mathias Tretter. Zu hören im Hessischen Rundfunk, zu lesen im Titel-Magazin. Woche 19

 

Was für eine Woche! In Hessen hats wieder geknallt. Ein ICE ist in eine Schafherde gerauscht. Jetzt wird die Schuldfrage diskutiert. Denn die Deutsche Bahn hätte gewarnt sein können: Schäfchen, die von ihren Hirten auf Abwege geführt werden, das hat in Fulda Tradition. Bischof Dyba hätts nicht besser gekonnt. Aber es passt zum Feiertag der Woche: das Lamm auf Himmelfahrt.

Außerdem hatten wir Tag der Arbeit und Vatertag zum gleichen Datum. Die Polizisten in Kreuzberg haben ganz laut ‚Bingo!’ gerufen. Da haben sie sowieso schon jedes Jahr diese Vollidioten, die marodierend durch die Straßen ziehen und eine Spur der Verwüstung hinterlassen - und jetzt kamen zu den Vätern noch die Autonomen. Und die autonomen Väter. Die sind in einen klassischen Gewissenskonflikt geraten: Was tun, am 1. Mai - sich ins Koma saufen oder prügeln?

Selbst die Sozialdemokraten wussten nicht, wie sie sich verhalten sollen. Gut, den Zustand kennen sie seit Jahren. Aber diesmal war die Identitätskrise ganz besonders schlimm. Jeder einzelne musste sich fragen: Bin ich Sozialist oder Vater? Sogar SPD-Frauen sind an der Frage gescheitert.

Der Vatertag ist ja auch nicht mehr das, was er mal war. Mittlerweile laufen bei der traditionellen Herrenpartie mit Bollerwagen und Bierkästen auch Temporäralkoholiker weiblicher Provenienz mit. Das sind die so genannten gefühlten Väter - oft Frauen, die nicht mal Kinder haben. Aber die die Defizite bei Vaterschaft und Geschlecht durch entsprechendes Trinkverhalten ausgleichen können.

Die weibliche Beteiligung hat natürlich Folgen. Wir Männer haben dazu gelernt - gewisse Mindestanforderungen an das Vatertagsmarodieren werden inzwischen wie selbstverständlich erfüllt, sobald es weibliche Mit-Marodierer gibt: Für das Bier gibts Gläser, gegrillt wird Trennkost, jeder Teilnehmer verpflichtet sich, ein Konversationsminimum von sieben Halbsätzen pro Stunde nicht zu unterschreiten, und alle 500 Meter ist ein Dixie-Klo aufgestellt. Ebenso kann auf den Bordell-Besuch am Ende der Tour verzichtet werden, wenn sich die Teilnehmerinnen dadurch in ihrer femininen Identität missachtet sehen: „Warum denn Geld ausgeben? Wir sind doch auch noch da!“

Damit kehrt der Vatertag zu seinen heidnischen Ursprüngen zurück. Dieses promillewirre Durch-die-Gegend-irren war ja anfangs ein Fruchtbarkeitsritual. Die Heiden sind alle Naselang um ihre Felder gerannt, damit da was sprießt. Heute kennen wir das nur noch aus der Leichtathletik. Die Laufbahn außen, in der Mitte wächst Gras. Sie kennen ja diese alte Bauernregel: ‚Rennt im Kreis der Leichtathlet, bald’s Stadion voller Halme steht.’

Fruchtbarkeit durch Im-Kreis-Laufen, das wär doch auch mal was für Ursula von der Leyen. Also nicht für sie persönlich, bei ihr hats ja geklappt. Wenn dieses Ritual wirklich wirkt, dann muss ihr Haus in nem Kreisverkehr stehen. Welch eine Idee: Den demographischen Wandel aufhalten, indem wir um die Republik joggen! Zugegeben, es klingt vielleicht erstmal nach Hokuspokus. Aber versuchen kann mans ja mal. Wir haben auch die Große Koalition ausprobiert…

Größter Spielverderber am Vatertag ist übrigens traditionell die katholische Kirche. Die sind jedes Jahr stinksauer. Der Feiertag Christi Himmelfahrt wird durch die Trinkerei entehrt, schreien sie. Ich möchte da immer antworten: Holla! Es war doch Euer Aufsichtsratsvorsitzender, der Wasser zu Wein gemacht hat.

Und grade Christi Himmelfahrt. Es gibt keinen Tag, der besser geeignet wäre für eine Prozession mit Schwestern und Brüdern, bei der man sich in die Transzendenz trinkt. Das ist gelebter Glaube: Man macht eine himmlische Tour, und am Ende denkt man, man sieht Gott. Und viele, die sich danach ins Auto setzen, stehen dann tatsächlich auch vor ihm. Nicht ärgern lassen!

©Mathias Tretter









Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







Podcast abonnieren

Karfreitags-Tanz

Wie schon im vergangenen Jahr gibt es auch dieses Jahr wieder in Hessen Ärger, weil aufgrund eines Gesetzes von 1952 am Karfreitag und Ostermontag das Tanzen in der Öffentlichkeit ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...

Helden fürs Geld

THOR KUNKEL rät im Endlos-Fall Wulff zu einer Rosskur und erklärt, warum ein Stöpselgroschen den Pluralis Majestatis ...

Licht wo zu viel Schatten lag

Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...

Elektronische Findlinge

Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...