Ich war diese Woche mal wieder in meiner Stammbuchhandlung. Was soll ich Ihnen sagen - schon als ich rein kam, der erste Büchertisch hat mich sofort wieder begrüßt mit diesen immer gleichen riesigen Stapeln von Büchern über die deutsche Vergangenheit. Ich bin vor mir selber erschrocken, aber ich habe zum ersten Mal gedacht: Es reicht! Es muss endlich ein Schlussstrich gezogen werden, unter diese Vergangenheitsbewältigung! Ich bin Nachgeborener. Ich habe mit den Leuten, die diese Untaten damals begangen haben, nicht das Geringste zu tun. Meine historische Schuld ist gleich Null. Und deshalb will ich nichts mehr hören - von 1968!
Seit ich intellektuell einigermaßen zurechnungsfähig bin, werde ich mit diesem Thema traktiert. Mein gesamtes Studium über, 14 Jahre lang, dieses obsessive Erinnern an die Täter: Dutschke, Obermeier, Langhans, Kunzelmann, Cohn-Bendit. In anderen Ländern wissen sie Fußballer-Namen auswendig – wir kennen die Aufstellung der Kommune 1 bei jeder Tantra-Orgie.
Bei mir persönlich ging das irgendwann soweit, dass ich anfing, in der eigenen Familie nachzuforschen. Man will das ja erst nicht wahrhaben. Ich habe immer gedacht, nein, mein Vater ist kein 68er - mein Vater ist Franke. Trotzdem war da dieser Zweifel. Also habe ich meinen Eltern Fragen gestellt, die sie nicht hören wollten. ‚Wie konntet ihr damals nur?’ Als Antwort kam immer bloß: ‚Wir haben doch von alldem nichts gewusst.’
Eines Tages habe ich in einer Schublade so ein Abzeichen gefunden, und einen Ausweis – das wars! Der schreckliche Beweis: Mein Vater war ein hochrangiges Mitglied im SDS. Ich hab tagelang geheult. Warum ich? Warum ausgerechnet meine Eltern? War meine gesamte autoritäre Erziehung - die Ohrfeigen, die ich von ihnen gefangen habe, der Hausarrest, der sonntägliche Kirchgang, die Tanzstunde, in die sie mich gezwungen haben - sollte das alles Lüge gewesen sein?
Schließlich habe ich meinen ganzen Mut zusammen genommen – und ihn damit konfrontiert. Zuerst kam von ihm natürlich nur Geschrei, Ausflüchte, Trotz. Aber schließlich ist er zusammengebrochen: Ja, es stimmt. Er ist in den allerletzten Tagen der Organisation noch beigetreten, er war ja grade mal 19, und sie haben ihn gezwungen, er hätte sonst keinen Platz bekommen, an der Freien Universität in Berlin, im Haschisch-Seminar. - „Aber, Papa, warum hast du solange geschwiegen?“ - „Der Zeitpunkt war nie der richtige. Ich wollte eigentlich ein Buch darüber schreiben, wenn ich 80 bin: ‚Vom Häuten der Zwiebel’ - aber der Titel ist jetzt auch schon weg.“
Und deswegen hasse ich Publikationen über 1968. Die Regale bersten von Räuberpistolen aus dem Unterleib der alten Bundesrepublik. Ich muss zugeben, eine hab ich jetzt sogar gelesen: Götz Aly, ‚Unser Kampf 1968’. Darin werden die 68er mit den Nazis gleichgesetzt. An sich eine schöne These, nur hat Herr Aly was übersehen. Der Unterschied zwischen den Nazis und den 68ern ist: Die Nazis haben im Nachhinein keine Bücher über ihre Abenteuer verfasst. Abgesehen von Günter Grass, aber der ist auch kein Altnazi, der ist nur alt.
Aber alle, alle, die ’68 dabei waren, bringen jetzt zum vierzigsten Mal ihre Bekenntnisse auf den Markt. In meiner Generation läuft das mittlerweile unter der Rubrik ‚Opa erzählt vom Kartoffelkrieg’. Bevors wieder Ärger gibt, lass’ den Ollen vor sich hin brabbeln.
Jetzt werden natürlich einige von Ihnen sagen: Tretter, Moment mal! Die 68er haben immerhin manches bewirkt, was heute noch wichtig ist! Und die haben Recht. Die 68er erfüllen eine unverzichtbare Funktion in unserer Gesellschaft. Die Alt-Nazis sind bald alle tot - und der Deutsche braucht Nachschub. Der Deutsche besteht ja zu 90% aus Wasser, der Rest ist Vergangenheit. Also Wasser, Wasser, Wasser, Wasser, Wasser, Wasser, Wasser, Wasser, Wasser, Hitler.
Aber wenn bald der letzte Nazi gestorben ist, können wir ja nicht nur noch Wasser sein. D.h. wir müssen uns für die Zukunft mit neuer Vergangenheit absichern. Allein für die historischen Vergleiche. Helmut Kohl hat noch gesagt, Thierse erinnere ihn an Goering. Das zieht irgendwann nicht mehr. In Zukunft heißt das ‚Dutschke’. Ich warte schon auf den ersten Bundestagspräsidenten, der zurücktreten muss, wegen Verharmlosung der 68er.
Man könnte es natürlich auch ganz anders machen. So wie in Ostdeutschland. Die verstehen das Getue um ’68 überhaupt nicht. Studentenrevolte, sexuelle Befreiung - pfff! „FKK haben wir schon immer gemacht. Dazu haben wir keenen Dutschke gebraucht.“
Nicht ärgern lassen!
©Mathias Tretter