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Freitag, 25. Mai 2012 | 15:33

 

Mathias Tretters Wochenrückblick

16.06.2008


Nicht ärgern lassen

Der satirische Wochenrückblick von Mathias Tretter. Zu hören im Hessischen Rundfunk, zu lesen im Titel-Magazin. Woche 25

 

Kürzlich ist eine Umfrage raus gekommen: 51% der Deutschen sind mit der Demokratie als Staatsform unzufrieden. Demokratie ist bekanntlich die Herrschaft des Volkes über sich selbst. Und das deutsche Volk hat einfach keine Lust mehr, sich zu beherrschen. Ach was, Lust – gar nicht die Fähigkeit. Schauen Sie sich das Nachmittagsprogramm im Fernsehen an: Sitzen dort Leute, die aussehen, als könnten sie sich beherrschen? „Ronnie, 27 – Ich habs mit meiner Stiefmutter getrieben.“ - „Nadine, 30 – ich auch.“ - „Steffi, 18 – ich bin die Stiefmutter.“

Das ist der Souverän. Und die sollen sich jetzt z.B. mit der Gesundheitsreform auseinandersetzen: Hier Ronnie, Nadine und Steffi – da der morbiditätsorientierte Risikostrukturausgleich. Dazwischen klafft ein kilometertiefer Abgrund. Und in dem werden die Wahlurnen bestattet.

‚Morbiditätsorientierter Risikostrukturausgleich’ - das können zwei Drittel der Bevölkerung nicht mal aussprechen. Dazu kommen Komplexpauschalen. Naturalrabatte. Analogpräparate in Festbetragsgruppen. Disease-Management. Da brauchen Sie jetzt gar nicht so staatsbürgerlich zu schauen. Wissen Sie, was die Aut-idem-Regelung ist? - Na? Na?? Sehen Sie! Und so was wie Sie darf wählen!
Und das ist nicht alles: Sie sind TITEL-Leser, d.h. Sie gehören zu den intelligentesten 2% der Bevölkerung. Die meisten Politiker haben noch nie was von TITEL gehört. Wenn man da den Rückschluss auf die Intelligenz zieht, dann heißt das: Beim Gesundheitskompromiss hat sich das geistige Prekariat geeinigt, ohne zu wissen, worüber sie überhaupt gestritten haben.

An der Reform waren ja angeblich die größten deutschen Gesundheitsexperten beteiligt. Kurt Beck, zum Beispiel. Wahrscheinlich hat Angela Merkel einfach nur gehört, dass er aus der Kur-Pfalz kommt, da dachte sie: Ah, der kennt sich aus! Und das muss man fairerweise sagen: Der Mann ist immerhin SPD-Vorsitzender – d.h. er weiß, was Disease Management bedeutet.

Der hat zusammen mit der Kanzlerin den Gesundheitskompromiss verkündet, obwohl er gar kein Mitglied der Bundesregierung ist. Kein Mensch hat den dorthin gewählt. Wenn der Kabinett hört, denkt er an Riesling. Und schauen Sie sich den Mann an: der hat ja nicht mal die eigene Gesundheit im Griff, das adipöse Mainzelmännchen. Eine Figur, das ist ja fast schon Oggersheimer Barock. Kurt Speck. So sieht ne Risikostruktur aus.
Und der soll 2009 Angela Merkel ablösen. Als ich das zum ersten Mal gehört habe, ist mir wirklich schwarz vor Augen geworden: Ein dicker Pfälzer soll Kanzler werden - das war ein Deja Vu, das möchte ich nicht noch mal mitmachen!

Das dachte sich auch Frank-Walter Steinmeier. Der zieht jetzt in den Wahlkampf mit dem Slogan: „Beck verhindern!“ Warum er ihn das nicht selber erledigen lässt, bleibt allerdings sein Rätsel. Der beste Weg, Kurt Beck den Weg ins Kanzleramt zu verbauen, ist, ihn kandidieren zu lassen.
Andererseits ist es natürlich verständlich, dass man sich darum reißt, am Wahlabend haushoch gegen Angela Merkel zu verlieren. Von dem Souverän nicht gewählt zu werden - von der Ehre her, ist das ein halber Nobelpreis. Nicht ärgern lassen!

©Mathias Tretter






Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







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