Ich möchte die Apathie dieser glühenden Sommertage heute einmal nutzen, um eine Lanze zu brechen für eine Bevölkerungsgruppe, die in Deutschland eine ähnliche Anerkennung genießt wie Radovan Karadzic: die Manager.
Managern wird immer vorgeworfen, sie seien gierig. Ebensogut könnte man einen Pianist dafür verurteilen, dass er Musik liebt. Marktwirtschaft lebt von der Gier. Wie soll man denn Wachstum schaffen, wenn keiner gierig ist? Alle sitzen zuhause und sind zufrieden, mit dem, was sie haben - das ist der Super-GAU! Ach Quatsch, noch schlimmer: Das ist Buddhismus! Und man muss sich ja nur mal anschauen, wo buddhistische Länder hingekommen sind. Ein aktuelles Beispiel: Tibet. Die tibetische Ökonomie erwirtschaftet jährlich 3 Milliarden Euro. Soviel haut die Bundesregierung für Gehsteigreparaturen raus.
In Tibet hast du als Schulabgänger genau zwei Karrieren zur Auswahl: Bauer oder Hirte. Das Land ist ein Traum für jeden Berufsberater. Bergbau, davon haben sie noch ein bisschen. Aber da ist die Jobsituation vergleichbar mit Brandenburg. Die Stellen, die es gibt, sind beide besetzt.
Selbst die tibetischen Flaggen, die hier so populär sind - die werden zum Großteil in China hergestellt. Da knüpfen mehrere hundert chinesische Kindergärten dran. Dann schicken sie die Flaggen nach Europa - hier kauft sie der alternativ gesinnte Europäer, und demonstriert damit vor der chinesischen Botschaft. Für die Menschenrechte. Aber der Botschafter kann natürlich nicht besonders gut Deutsch. Der schaut aus dem Fenster und denkt sich: „Mensch, die wollen mehr Flaggen.“
Die tibetische Wirtschaft hat in ihrer gesamten Geschichte einen einzigen Verkaufsschlager hervorgebracht: den Raupenpilz. Das ist so ein medizinischer Schlauchpilz, der aus dem Kopf einer Motte wächst. Komische Vorstellung - zumindest aus der Sicht der Motte: Fliegst da rum, starrst ins Licht und hast plötzlich einen Champignon auf der Fontanelle. Der Pilz wird weltweit auch nur verzehrt von Chinesen und deutschen Sozialpädagoginnen. Aber da ist er unglaublich erfolgreich. In China gilt er sogar als Statussymbol. Mein Haus, mein Auto, mein Laupenpilz.
Der Verkauf des Raupenpilzes trägt in Tibet mehr zum Bruttosozialprodukt bei, als Industrie und Bergbau. Die sind keinen Pfifferling wert. Der größte tibetische Steuerzahler ist der Schwammerl-Siddharta aus Tingri. Und warum? Weil die Tibeter nicht gierig genug sind. So ein Tibeter, der will nichts. Der schielt immer nur nach der Reinkarnation. Da kommt Maggi mit dem tiefgefrorenen Rühreibrot, da sagt der Tibeter: Nee, lieber Nirvana.
Diese Entscheidung muss jedes Volk irgendwann treffen: Gier oder Pilzzucht. Wir haben uns bekanntlich für die Gier entschieden. Von der Gier lebt die Marktwirtschaft, und von der Marktwirtschaft die Demokratie.
Sie fühlen sich vielleicht manchmal komisch, wenn Sie sabbernd vor einem paar Pumps für 800 Euro stehen - brauchen Sie gar nicht! Das ist nur Ihre Sehnsucht nach Demokratie. Wählen heißt: alle vier Jahre einen Zettel in die Tonne kloppen. Damit ist niemand geholfen. Aber wer viel Geld raushaut, der stärkt die freiheitliche Grundordnung.
Und Manager versuchen nur, ein gutes Vorbild zu sein. Wenn die Demokratie der Globalisierung standhalten will, dann müssen wir alle noch viel gieriger werden. Die Asiaten schlafen nicht. Die haben inzwischen einen Standard an Habsucht erreicht, daran war vor zwanzig Jahren gar nicht zu denken.
Ich hoffe, ich habe Ihnen jetzt die Argumente geliefert, um endlich eine Gehaltserhöhung durchzusetzen. Gehen Sie zu Ihrem Chef, sagen Sie, Sie haben Angst, dass wir bald alle Raupenpilze züchten - Sie brauchen ein höheres Gehalt. Sie können es auch auf den Schlachtruf reduzieren: Geld her oder ich krieg die Motten! Wenn er ein guter Demokrat ist, dann wird es gewähren. Wenn nicht: Nicht ärgern lassen!
©Mathias Tretter
Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007
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