Thomas Kistner: Fifa-Mafia TATORT (SR) - Skalpell (28.05.2012) von Michael Ebmeyer David Small: Stiche. Erinnerungen Der FUTTERblog - streng verdaulich! Kennzeichen T - 28.04.2012
Freitag, 25. Mai 2012 | 15:33

 

Audio: Mathias Tretters Wochenrückblick (KW 44)

27.10.2008


Nicht ärgern lassen

Der satirische Wochenrückblick von Mathias Tretter. Zu lesen im Titel-Magazin, zu hören im Hessischen Rundfunk. Woche 44

 

Hier ist wieder die wöchentliche Kolumne zur Finanzkrise. Es gibt eine Sensation zu vermelden: Josef Ackermann meinte diese Woche, er würde sich schämen. Bislang hieß es ja immer nur, er sollte sich schämen. Aber das 500-Milliarden-Angebot der Bundesregierung hat jetzt wenigstens zu einer kleinen grammatischen Verschiebung geführt: Nein, er würde sich schämen, hat er zugestanden; hat es jedoch an eine Bedingung geknüpft, und zwar: wenn seine Bank Staatsgeld annähme, dann würde er sich schämen. Das hat natürlich zu großem Geschrei im gesamten Pleite-Umfeld geführt. Damit hat Ackermann eine Kategorie in die Diskussion eingebracht, die bislang in der Wirtschaft gänzlich unbekannt war: Scham. Ein Vorstandsvorsitzender und ‚sich schämen’ - in der Germanistik nennt man das ein Oxymoron. So wie ‚schwarze Milch’, ‚stummer Schrei’, ‚sympathischer FDPler’ oder ‚Papst auf Freiersfüßen’. Kürzlich habe ich jemanden am Nebentisch beim Griechen sagen hören: „Mein Lamm hammelt wie Sau, ich muss gleich reihern.“ Solche Sachen. Oxymora. Dinge, die sich eigentlich ausschließen, aber aufgrund einer Ausnahmesituation in einen Satz zusammen gezwungen werden.

        

Bankmanager und Verantwortung, zum Beispiel. Auch ein ganz neues Trend-Oxymoron. Es sollen doch tatsächlich Bankrotteure, für das Desaster, das sie angerichtet haben, haftbar gemacht werden - und jetzt kommts: ohne dass sie an dieser Haftung verdienen! Bislang hat man Manager ja immer mit einer Abfindung über die eigene Inkompetenz hinweggetröstet. Vorbei! Sogar von Rückzahlungen ist die Rede. Sowas gabs noch nie!

Einer hat schon gelöhnt: Claus Momburg von der IKB-Bank hat 558 000 Euro zurückgezahlt. Die Rettung der IKB kostet den Staat zirka 7,3 Milliarden Euro. Ein 13.000stel davon hat Momburg nun erstattet. Jupieeh! Das könnte eine Richtgröße werden, auch für andere Schadensersatzforderungen. Man fährt den Benz des Nachbarn zu Schanden, Schaden: 5.000 Euro, Rückerstattung: 38 Cent. Das braucht man nicht mal der Versicherung zu melden - die ist eh pleite.

Wer natürlich einen höheren Preis bezahlt hat, ist Erwin Huber. Absolute Mehrheit weg, CSU-Vorsitz weg, Finanzministerium weg - es fehlt eigentlich nur noch, dass Niederbayern von Thüringen annektiert wird. Dabei, sagt er, er hat von nichts gewusst. Und ich glaube ihm das. Schauen Sie sich den Mann an: Dem muss man Nichtwissen einfach abnehmen. Sein Führungszwilling Günter Beckstein wiederum ist der Mann des Nichtkönnens, Edmund Stoiber der des Nichtformulierens, Nicht-nach-Berlins, Nicht-Kanzler-werdens und Nicht-drüber-wegkommens, der kommende Ministerpräsident Horst Seehofer der des Nicht-klein-zu-kriegens. Es ist kein Wunder, dass viele CSUler bei der letzten Wahl Nichtwähler waren.

Scham und Verantwortung haben sich diese Woche übrigens auch in einen Bereich eingeschlichen, in dem man sie noch weniger kannte, als in der Wirtschaft: Ins Fernsehen, den größten Hersteller von Schamlosigkeit überhaupt. Elke Heidenreich schämt sich für das ZDF! Seit fünf Jahren moderiert sie für den Sender, und jetzt hat sie von Marcel Reich-Ranicki erfahren, für wen sie da eigentlich arbeitet. Sie dachte bislang, sie ist in einem akademischen Spartenprogramm, wo sie sich mit internationalen Topgermanisten wie Campino aus der literaturwissenschaftlichen Kaderschmiede der Toten Hosen über neu erschienene Avantgarde-Poesie austauscht. Und nun ist der Schwindel aufgeflogen! Ackert sie doch tatsächlich für die gleiche Klitsche, die dem menschlichen Geist auch Kerner, den Landarzt und den Grandprix der Volksmusik zumutet!

Und für die Erkenntnis macht das ZDF sie verantwortlich. Rausschmiss! Am Buchmarkt ist jetzt auch Panik. Wenn die Heidenreich weg ist, werden zwar nicht weniger Romane gelesen, aber viel weniger gekauft. Die großen deutschen Verleger haben sofort einen offenen Bitt-Brief an das ZDF formuliert. So weltfremd sind diese Intellektuellen! Es weiß doch jeder, Hilfegesuche richtet man heute an den Finanzminister. Der hat dafür immer ein offenes Ohr. Die eine oder andere Milliarde wird schon noch abfallen. Und wenn die Verlage tatsächlich Millionenverluste machen, wegen Heidenreichs Entlassung, dann kann das ZDF ja immer noch Schadensersatz zahlen. 1.800 Euro - das übliche 13.000stel. Nicht ärgern lassen!

©Mathias Tretter









Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







Podcast abonnieren

Karfreitags-Tanz

Wie schon im vergangenen Jahr gibt es auch dieses Jahr wieder in Hessen Ärger, weil aufgrund eines Gesetzes von 1952 am Karfreitag und Ostermontag das Tanzen in der Öffentlichkeit ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...

Helden fürs Geld

THOR KUNKEL rät im Endlos-Fall Wulff zu einer Rosskur und erklärt, warum ein Stöpselgroschen den Pluralis Majestatis ...

Licht wo zu viel Schatten lag

Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...

Elektronische Findlinge

Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...