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Freitag, 25. Mai 2012 | 15:33

 

Audio: Mathias Tretters Wochenrückblick

03.11.2008


Nicht ärgern lassen

Der satirische Wochenrückblick von Mathias Tretter. Zu lesen im Titel-Magazin, zu hören im Hessischen Rundfunk. Woche 45

 

Uff, grade noch geschafft! Heute wäre es fast nichts geworden, mit dem Wochenrückblick. Ich war mal wieder auf der ICE-Strecke Leipzig-Frankfurt unterwegs. Ich kam am Bahnhof an, suchte nach meinem ICE - da stand dort ein so genannter Ersatzzug. Ich weiß nicht, inwieweit Sie sich in der Hierarchie der Bahnprodukte auskennen: An der Spitze ICE, IC, IRE, dann lange nichts, dann der so genannte Regionalexpress - Express!, da wird die Typenbezeichnung bereits ironisch -, und dann der Stolz jeder Dorfhaltestelle: die Regionalbahn. Die Regionalbahn erkennt man daran, dass sie öfter hält als fährt und dass eine erhöhte Anzahl von Fahrgästen mit Trainingsanzug, Handy und rustikalem Dialekt angetan sind, was im Zusammenspiel mit alkoholhaltigen Spaßgetränken immer wieder zu einer durchaus karnevalesken Atmosphäre führt. Ein Jahr Pendelverkehr in der Regionalbahn - und du hast das Gemüt eines hundertjährigen Zen-Buddhisten. ‚Die Bahn ommt’, wenn ich das so ausdrücken darf.

            

Noch unter der Regionalbahn rangiert die S-Bahn, dann der bahneigene Fahrradverleih und schließlich, ganz unten - der Ersatzzug. Sozusagen das Prekariat des Schienenverkehrs.
Als ich heute so einen an meinem Bahnsteig stehen sah, ich war ein bisschen - wie soll ich sagen? - enttäuscht. Als Hofkabarettist von TITEL, dachte ich, steht mir eigentlich ein eigener Dienst-ICE zu. Aber ich wäre fürs Erste auch schon mit einem verschließbaren Fenster zufrieden gewesen. Die ganze Fahrt über der Kohlenrauch von der Lokomotive im Abteil, es war furchtbar…

Die ICEs werden momentan technisch überprüft, wegen eines Achsbruchs, durch den neulich in Köln einer entgleist ist. Es könnte doch sein, dass noch weitere Fahrwerke nicht in Ordnung sind - einer der Hersteller ist Siemens, da muss man mit allem rechnen. Jetzt ist die Bahn auf der Suche nach der Achse des Bösen. Seit Wochen Chaos, Ende nicht abzusehen.
Aber tatkräftig, wie Hartmut Mehdorn ist, hat er sogleich Konsequenzen gezogen. Die Bahnvorstände kriegen alle eine saftige - Gehaltserhöhung; er selbst so um die 500.000 Euro. Andere Unternehmen zahlen Abfindungen, wenn Vorstände Mist bauen - aber die müssen dann wenigstens gehen. Gut, das Geld kann die Deutsche Bahn zumindest nicht mehr am Finanzmarkt verzocken.

Es werden ja jetzt drastische Maßnahmen ergriffen, gegen die Finanzkrise: Leerverkäufe sollen verboten werden. Bei Leerverkäufen borgt man sich Aktien, verkauft sie, und hofft dann darauf, dass der Kurs sinkt, damit man sie billiger zurückkaufen kann. Ich wusste gar nicht, dass das erlaubt ist. Wenn man die Seriosität dieses Geschäfts bewertet - dagegen ist ein Hütchenspieler ein Weizsäcker.

Und wenn es um Unseriosität geht, ist die Firma Volkswagen nie weit. Durch schief gelaufene Leerverkäufe wurde Volkswagen vergangene Woche zum teuersten Unternehmen der Welt. Es wird jetzt im Vorstand drüber nachgedacht, ob man die lästige Autoproduktion nicht ganz einstellt - verursacht eh nur Kosten: Material, Personal, die sauteuren Betriebsräte - und stattdessen nur noch Aktien druckt. Peter Hartz hat in seinem jetzigen Umfeld auch die Kontakte zu den entsprechenden Händlern.

Aber es gibt auch anderswo Anlass zur Freude. Kommenden Dienstag ist ein historischer Wahltag in den beiden wichtigsten Demokratien der Welt, den USA und Hessen. Riesenspannung! Wer wird sich durchsetzen: die Leute mit den rassistischen Vorbehalten oder zum ersten Mal ein schwarzer Mann und eine rote Frau? Bei Andrea Ypsilanti gibt’s zumindest eine gewisse Kontinuität, falls sie gewählt wird: Die Lüge setzt sich in Hessen einfach immer durch.

In den USA ist es eigentlich schon gelaufen. Da gehts ja nur noch um die Frage: Gewinnt McCain oder überlebt Obama? Ich hab’ mir mal die Ermordeten der US-Geschichte angesehen: Abraham Lincoln war ein großer Redner und ein Hoffnungsträger. John F. Kennedy war jung und ein Hoffnungsträger. Martin Luther King war schwarz und ein Hoffnungsträger. Barack Obama ist jung, schwarz, hält große Reden und ist der größte Hoffnungsträger seit John F. Kennedy - keine Lebensversicherung der Welt würde das übernehmen. Dann lieber Leerverkäufe. Nicht ärgern lassen!

©Mathias Tretter









Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







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