Bevor die Welt nun wieder im alljährlichen Weihnachtsjubilo versinkt, möchte ich doch noch einmal eine Huldigung aussprechen, auf jenen Stern, dem wir in den letzten Wochen gefolgt sind, auf dass alles noch besser werde: auf die Finanzkrise. Wort des Jahres ist sie schon - und zahlreiche Auszeichnungen werden noch folgen. Die Einladung zu Kerner wird gerade formuliert, Oliver Stone wird sie verfilmen, der Vatikan diskutiert die Seligsprechung.
Wie ein Heiland ist sie uns erschienen, und in ihrem Zeichen geschehen seitdem Wunder: Plötzlich sind Milliarden da für Schulen, die sich bislang Tafelkreide nur durch Elternspenden leisten konnten. Plötzlich sollen Plattenbauten Breitband-Kabel kriegen - „Keen wormes Wasser, aber DSL!“ Plötzlich gibt es Geld für Klimaschutz, für Wärmedämmung, für Straßenbau, gar für Konsumanreize. Und vergangene Woche hat die Wundertätigkeit der Krise endgültig ein biblisch’ Ausmaß angenommen: Peter Löscher, der Chef von Siemens - ‚Chef’ ist bei Siemens vielleicht das falsche Wort, ‚Pate’ triffts eher; jedenfalls der Anführer der Siemens-Bande; also ein Manager, ein Manager will für das kommende Jahr Kündigungen ausschließen. Freiwillig! Da kann ich nur sagen, Jesus, Jesus, dagegen ist das bisschen übers Wasser latschen, Brot vermehren und Blinde heilen ziemlich Kinkerlitzchen.
Und wie es bei Wundern immer so ist: Man weiß nicht, wie sie funktionieren. Seit Jahren hören wir, es ist kein Cent mehr da, für irgendwelche Extrawünsche. Dann werden Billionen Euro mal eben so verbrannt - und auf einmal hat der Staat das Geld, um marode Schuldächer zu reparieren. Und der High-Speed-Internetzugang wird gleich noch hinterher geschmissen. Es lebe die Rezession! Wenns nach der Logik weiter geht, dann kann man nur hoffen, dass auch die Deutsche Bank bald an die Wand fährt. Von der persönlichen Befriedigung mal ganz abgesehen - wir bekämen das beste Bildungssystem der Welt! Sie glauben mir nicht? Nehmen Sie die SachsenLB: Die war vor einem Jahr die erste Landesbank, die Schrott wurde; jetzt ist Sachsen Spitzenreiter bei PISA - das ist doch kein Zufall!
Und es gibt ja noch soviel zu richten, in diesem Land. Unsere Universitäten sind überfüllt; aber Opel und Quimonda schwächeln bereits, vielleicht ist auch bald Geld für Professoren da. Was glauben Sie, wie sauer der Stoiber ist! Hätte die BayernLB vor drei Jahren schon so dagestanden, der Transrapid wäre längst gebaut.
Ich persönlich bin auch stinksauer: Kommt da Ende der Woche die Merkel, dieses herzlose Stück, und will dem Osten - meinem Osten, wo ich wohne! - das Geld vorenthalten: „Zwanzig Jahre Aufbau Ost sind genug. Wir müssen uns wieder mehr auf den Westen konzentrieren.“ Klar, die alte Ostschranze hat ja ihre Schäfchen im Trockenen. Ein Aufschrei geht durch die neuen Länder: „Diese falsche Schlange! Straßenbau in Gelsenkirchen - und wir sollen das bezahlen! Von unserem Arbeitslosengeld! Wir wollen die Mauer wieder haben!“ - Das ist natürlich auch Unsinn. Die Mauer, das wäre ja noch eine Infrastrukturmaßnahme mehr. Damit dafür Geld da ist, müsste wieder einer pleite gehen. Daimler, oder so. Aber irgendwann ist Schluss - dann sind alle Firmen weg. Ein Volk von 82 Millionen Arbeitslosen, aber mit 1a-Straßen, wasserdichten Schulen und perfektem Klimaschutz. Ein Traum für faule Säcke wie mich. Ach ja, der Aufbau Ost kostet uns übrigens 7 Milliarden Euro im Jahr. Allein für die HypoRealEstate hauen wir viermal soviel raus. Nicht ärgern lassen!
©Mathias Tretter
Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007
Podcast abonnieren