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Freitag, 25. Mai 2012 | 15:34

 

Audio: Mathias Tretters Wochenrückblick (KW 20)

11.05.2009


Nicht ärgern lassen

"Die Freizeit der Jugend verändert sich eben: Früher zu Oma, heute ins Koma". Woche 20

 

‚Ehe’ war das Thema der Woche. Es gibt wieder einen Fall von Zwangsheirat in Deutschland: Volkswagen und Porsche müssen zusammen gehen. Das wären dann 10 Automarken unter einem Dach - für viele Unternehmensberater und Medienschaffende eine Katastrophe. Da legt man die Fotos auf den Kneipentisch: „Mein Haus, mein Boot, mein Porsche.“ - schon fängt der erste das Lachen an: „Das ist doch ein VW!“ Und der nächste sagt: „Quatsch, ein Seat! Hat der überhaupt einen Rückwärtsgang?“ Das ist die Prekarisierung von Porsche. Den Carrera wird man in Zukunft nur noch auf Lehrerparkplätzen sehen.

        

Aber es ist sowieso nur eine Zwischenstation. Experten sagen, in zehn Jahren wird es weltweit nur noch zwei Autokonzerne geben. So funktioniert freie Marktwirtschaft: Alle dürfen alles überall verkaufen. Am Anfang ist die Auswahl unendlich, am Schluss bleiben zwei Hersteller übrig. Für die beiden hätte ich auch schon die Namen: Wartburg und Trabant.

Hier um die Ecke steht auch eine Vermählung bevor: Opel und Fiat. Und Fiat hat bereits Chrysler. Wie soll man den Konzern nennen? Das Bundesverfassungsgericht hat grade die Verwendung von Dreifach-Namen untersagt. Ich erwähne das an dieser Stelle, weil Sie als Kulturseiten-Leser von diesem Urteil wahrscheinlich stärker betroffen sind, als, sagen wir mal, ein Liebhaber von Wrestling-Sendungen. Ja, Mehrfach-Namen kommen nur in bestimmten Bevölkerungsgruppen vor. In einer Metzgerei z.B. hört man selten den Satz: „Ich hätt’ gerne zwei Leberkäs’-Brödle, Frau Giradet-Lilienthal.“

Aber in den betroffenen Kreisen wird jetzt umso panischer nachgedacht. Die Grünen-Zentrale war zeitweise komplett lahm gelegt. Es ging um die Frage: Was sollen Frauen tun, die in der zweiten Generation emanzipiert sind - und heiraten wollen? Man stelle sich vor, jemand wie Sabine Leutheusser-Schnarrenberger findet eines Tages einen neuen Traummann, Jochen Kürenberger-Wapnewski…junior, und wünscht sich nichts sehnlicher, als ihn zu ehelichen. Dann heißt es: Entweder auf die Emanzipation verzichten oder auf die Ehepläne.

Die breite Bevölkerung sieht darin natürlich wieder nur ein Symptom für die Krise: „Nicht einmal Dreifach-Namen können wir uns mehr leisten. Das machen die nur, damit die Druckerpatronen länger halten.“

Das Bundesverfassungsgericht antwortet darauf, nein, das stimme nicht. Es möchte mit dem Verbot Kinder vor hässlichen Nachnamen schützen. Das klingt ja sehr ehrenwert; aber das eigentliche Problem ist doch: Wer schützt Kinder vor ihren Vornamen? Ich saß kürzlich in einem chinesischen Restaurant und beobachtete ein kleines Mädchen, das fasziniert vor dem Aquarium stand. Nach etwa fünf rief die genervte Mutter durch den Raum: „Beverly-Josefine, lass’ die Fisch und friss’ deine Wan-Tan-Suppe!“ Wer schreitet da ein? Man muss sich doch überlegen, was ästhetisch schlimmer ist: Stefanie Lutz-Lange-Steinfeld oder Jason-Ronaldinho Kumpfmüller?

Hier in Hessen fragt man sich: Was wird aus den Kindern von Thorsten Schäfer-Gümbel? Es könnte doch sein, dass sich seine Tochter auf einem Gewerkschaftstag in die Nachkommenschaft von Ursula Engelen-Kefer verliebt. Und dann? Wie viele Paare sind von vorneherein zum Scheitern verurteilt, weil sie ihre Liebe nicht beim Namen nennen dürfen! Es ist kein Wunder, dass unsere Kinder das Saufen anfangen. Laut dem neuen Drogenbericht der Bundesregierung mussten 2007 23.000 Minderjährige mit Alkoholvergiftung ins Krankenhaus. Und das sind nur die gesicherten Zahlen. Wer weiß wie viele mit Ohrfeigen und Hering wiederbelebt wurden!

Aber die Freizeit der Jugend verändert sich eben: Früher zu Oma, heute ins Koma. Es gibt allerdings auch gute Nachrichten, sagt die Bundesdrogenbeauftragte Sabine Bätzing: Deutsche Jugendliche rauchen deutlich weniger. Ja, wenn man die meiste Zeit ohnmächtig ist, sinkt auch der Zigarettenkonsum. Es gibt übrigens Aktionsprogramme gegen den Alkoholmissbrauch bei Minderjährigen. Die können allerdings nicht starten, weil die CDU sie blockiert. Aus wahltaktischen Gründen, heißt es. Ist da vielleicht die Hoffnung, dass sich Jugendliche bis zum Wahlalter so ins Delir gesoffen haben, dass sie für die Union stimmen? Aber wenns denn gar nicht anders geht - eines sollte die CDU jedoch beachten: Um ein Wahllokal zu erreichen, muss man gehen können. Nicht ärgern lassen!

©Mathias Tretter









Mathias Tretter: Deutschland. Ein Gummibärchen. Audio CD 2007







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